03.07.2006 · Europa gilt aufgrund von Reglementierungen und Normen als relativ abgeschotteter Markt. Für die hiesigen Anbieter ist das nicht von Vorteil. Für Asien oder Amerika müssen sie mitunter andere Produkte entwickeln.
Von Rüdiger KöhnIn Bayern sind zwischen 1997 und 2005 genau 9.328 Einbrüche in Wohnungen oder Gewerbeobjekte durch den Einsatz von Sicherungstechnik, etwa durch den Einsatz von Alarmanlagen, verhindert worden. Das hat die polizeiliche Kriminalstatistik ergeben. Die durch Feuer verursachten Versicherungsschäden sind in Deutschland tendenziell zurückgegangen, was nicht zuletzt dem Einsatz von Brandmeldern und -schutzeinrichtungen zu verdanken ist.
Städte wie Hamburg, München und Frankfurt greifen immer mehr zur Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen. Der Einsatz solcher gesellschaftlich umstrittenen Überwachungsmethoden zeigt Wirkung: Die Kriminalität nimmt ab. Das Sicherheitsbedürfnis ist in den vergangenen Jahren gewachsen; besonders in Deutschland, dem mit Abstand größten Markt in Europa, vor Frankreich und Großbritannien.
Für dieses Jahr ein Plus von drei Prozent erwartet
Dennoch hält sich die Dynamik in Grenzen. „Mit den Wachstumsraten können wir nicht zufrieden sein“, sagt Bernd Seibt, Vorsitzender des Fachverbandes Sicherheitssysteme im ZVEI Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie. In den vergangenen Jahren erreichten sie bestenfalls 3 Prozent. Es sei nicht absehbar, daß sich das Geschäft beschleunige, sagt Seibt. So lag im Jahr 2005 der Umsatz der elektronischen Sicherheitstechnik in Deutschland mit 2,2 Milliarden Euro um 3,1 Prozent über dem Vorjahreswert.
ZVEI-Sprecherin Angelika Staimer erwartet für dieses Jahr ebenfalls nur ein Plus von 3 Prozent, verbunden allerdings mit unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Segmenten. Während im vergangenen Jahr die Brandmeldetechnik (plus 3,7 Prozent) sowie die Einbruch- und Überfallmeldeanlagen (plus 1,2 Prozent) moderat zulegten, nahmen Zutrittsmanagementsysteme um 4,9 Prozent zu. Die Videotechnik zeigte mit 3,7 Prozent Zuwachs ebenso keine Auffälligkeiten. Doch wird für sie zusammen mit Zugangssicherungssystemen in Zukunft ein besonders dynamisches Geschäft vorausgesagt. Seibt rechnet in den nächsten Jahren mit einem Plus von 8 bis 9 Prozent.
Zunehmendes Sicherheitsbewußtsein der Menschen
Wachsendes Sicherheitsbewußtsein und verhaltene Wirtschaftslage sind kein Widerspruch. Der harte Wettbewerb ist die Erklärung. Denn die Absatzzahlen der Produkte sind deutlicher gestiegen als der Umsatz, die Preise im Schnitt also gesunken. „Dieser Trend wird sich fortsetzen“, sagt Angelika Staimer. Grundsätzlich gibt sie sich aber optimistisch: „Die anziehende Baukonjunktur und auch die Konsumbereitschaft der privaten Haushalte werden sich vor dem Hintergrund eines zunehmenden Bewußtseins der Menschen für Sicherheit positiv auswirken.“ Der Absatz wird steigen, doch die Preistendenz weiter nach unten zeigen.
Die Anbieter machen sich das Leben schwer. Die Branche ist in zwei Gruppen aufgeteilt. Das Produktgeschäft - die Systeme und großen Lösungen - wird von einer Handvoll von Unternehmen angeboten. Siemens ist mit ihrer Sicherheitstechnik angesichts von rund 3 Milliarden Euro Umsatz weltweit die Nummer eins bei Brandmeldeanlagen. Bosch mit 1 Milliarde Euro Volumen zählt sich zu den führenden Anbietern in der Einbruchsicherheit. Daneben gewinnen die Amerikaner in Europa immer mehr an Gewicht. Neben General Electric und Tyco geht vor allem Honeywell in die Offensive.
Potential in Deutschland weitgehend ausgeschöpft
Die zweite Gruppe sind die Errichter: meist kleine und mittelständische Betriebe, die Montage und Service übernehmen. Sie sind in der Regel regional aufgestellt und beliefern vor allem mittelständische Firmen sowie private Haushalte. Während es in der Gruppe der Errichter wenig Bewegung gegeben hat, haben große Anbieter rege Übernahmeaktivitäten entwickelt. „Es hat eine starke Konzentration gegeben“, sagt Rainer von zur Mühlen, auf Sicherheitsfragen spezialisierter Unternehmensberater und Herausgeber des Fachblattes Sicherheitsberater. Unternehmen hätten Hersteller aufgekauft, um Komplettangebote liefern zu können.
Bernd Seibt vom ZVEI, zugleich Manager bei Bosch, hält das Potential in Deutschland mittlerweile für weitgehend ausgeschöpft, weniger aber in Europa oder gar weltweit. So hat Honeywell die deutsche Esser Sicherheitstechnik und den britischen Elektronikspezialisten Novar erworben, um stärker in Europa vorzudringen. Siemens tat Ende der neunziger Jahre mit dem Kauf der schweizerischen Elektrowatt einen Sprung nach vorn. Bosch hat sich mit einer langen Einkaufsliste zu den größten Fünf der Sicherheitstechnik weltweit emporgearbeitet, etwa 2002 durch den Kauf der früheren Kommunikationssparte der deutschen Philips AG.
Für jedes Land ein eigenes Produkt
Es sind vor allem die amerikanischen Anbieter, die mit Produkten in hohen Stückzahlen vorpreschen. Das geschieht, obwohl Europa aufgrund der zahlreichen Normen und Regulierungen im Gegensatz zu Amerika und Asien noch recht stark abgeschottet ist. In den europäischen Industrieländern behindern nationale Normierungen den Zutritt anderer Anbieter. Das mag die hiesigen Unternehmen auf den ersten Blick schützen. Dennoch hält ZVEI-Sprecherin Angelika Staimer, ihrerseits leitende Managerin bei Siemens, dies für eine gefährliche Entwicklung. Für jedes Land müsse quasi ein eigenes Produkt angeboten werden.
Das mag in vielen Bereichen durch eine Anpassung in der Software noch machbar sein. Für Asien oder Amerika jedoch müßten wegen der begrenzten Möglichkeiten zur Standardisierung aufwendig eigene Produktlinien entwickelt werden. Dabei versuchen die großen Anbieter, sich durch komplette Sicherheitslösungen und Multifunktionsanlagen mit Brandmeldeeinrichtungen, Einbruchssicherung und Zugangskontrollen, die zentral gesteuert werden, einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.
Datenverarbeitung wird Herzstück von Unternehmen
Der Rückenwind einer wachsenden Sicherheitskonjunktur wird eher flau bleiben. „Der Markt ist immer durch eine kontinuierliche Entwicklung geprägt gewesen“, sagt Unternehmensberater Mühlen. „Spitzen hat es selten gegeben, selbst wenn es besondere Ereignisse wie den 11. September gegeben hat.“ Doch sieht Mühlen einen Nachholbedarf für Sicherheitsinvestitionen. So erfordert die Datenverarbeitung, die immer mehr zum Herzstück eines Unternehmens wird, hochwertige Brandschutz- oder Zutrittskontrollen.
Mühlen beobachtet eine Trendwende. Nach der lange Zeit oftmals „kopflos betriebenen Ausgliederung“ von Sicherheit aus Kostengründen würden sich Unternehmen auf die Bedeutung von Sicherheit besinnen und nun eine Art „Rücksourcing“ betreiben. Es gebe Großunternehmen, die die Kontrolle über die Sicherung ihrer Ressourcen zurückgeholt hätten. Für die Anbieter von Sicherheitssystemen öffnen sich da neue Türen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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