04.07.2006 · Porzellan ist längst zum Alltagsartikel geworden. Während Billigprodukte aus China der Keramikindustrie das Inlandsgeschäft erschweren, kann lediglich der Export ein Wachstum verzeichnen.
Von Joachim HerrDas Aufatmen in der Branche ist nur schwach. Im vergangenen Jahr hat die deutsche Porzellanindustrie ein kleines Umsatzplus geschafft - das erste seit neun Jahren. Doch verglichen mit der Absatzsteigerung von 9,2 Prozent fallen die 1,8 Prozent Umsatzzuwachs bescheiden aus. Der Preisdruck ist enorm. Chinesische Hersteller überschwemmen den deutschen Markt mit Billigprodukten - mitunter auch mit Plagiaten -, suchen neue Vertriebswege wie Discounter und machen den arrivierten deutschen Marken wie Rosenthal oder Villeroy & Boch ein auskömmliches Wirtschaften schwer.
Die große Schwachstelle der deutschen Hersteller bleibt das Inlandsgeschäft. Auch 2005 schrumpfte es um 2,3 Prozent, im ersten Quartal 2006 sogar um 8,8 Prozent. Von einer leichten Konsumbelebung in Deutschland spüren die heimischen Hersteller von Geschirr- und Zierporzellan wenig. Die Konkurrenz anderer Konsumgüter um die Käufergunst und die demographische Entwicklung setzen der Industrie zu. War früher ein Geschirr für zwölf Personen als Hochzeitsgeschenk gang und gäbe, begnügen sich die meisten Paare heutzutage mit einem Service für sechs Personen. Die Familien sind kleiner geworden. „Wer sich ein Geschirr bei Aldi kauft, legt sich nicht auch noch ein Markenservice zu“, klagt Ottmar Küsel, Präsident des Verbands der Keramischen Industrie (VKI) und im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Rosenthal AG in Selb. Die Entwicklung spiegelt sich im Handel. 30 deutsche Fachgeschäfte für Glas, Porzellan und Keramik haben 2005 aufgegeben; jetzt sind es nur noch 580.
„Erfolge im Export“
Wenigstens ist der Export 2005 im zweiten Jahr in Folge gestiegen und hat sogar den Inlandsumsatz übertroffen. Für Küsel ist das ein Lichtblick: „Unsere Erfolge im Export zeigen, daß wir wettbewerbsfähig sind.“ Hoffen lassen ihn Pläne für den Bau Hunderter neuer Hotels für die Olympischen Spiele in Peking und neuer Luxusherbergen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Weltmarktführer für Hotel- und Gastronomieporzellan ist BHS Tabletop in Selb mit den Marken Bauscher, Hutschenreuther Hotel und Schönwald. Die Fußball-WM hat dem Unternehmen den bisher größten Einzelauftrag beschert.
Die Anstrengungen, die Herstellung soweit wie möglich zu automatisieren, neue Produkte zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen, hätten sich ausgezahlt, meint Küsel. Allerdings können sich manche Unternehmen solche Investitionen nicht mehr leisten, vor allem, wenn sie zu lange versucht haben, mit Billigimporten mitzuhalten. „Im unteren Segment ist nicht viel übriggeblieben“, sagt Peter Frischholz, der Hauptgeschäftsführer des Verbands. In diese Kategorie fallen die Porzellanfabrik Mitterteich in der Nähe von Selb und Winterling. Das Unternehmen in Mitterteich war vor zwei Jahren insolvent geworden, Winterling schon 1999. Die Marken Winterling und Eschenbach erwarb erst vor kurzem der Thüringer Porzellanhersteller Frowein für angeblich knapp eine Million Euro.
Das Schrumpfen der deutschen Porzellanindustrie verdeutlicht eindrucksvoll die Entwicklung der Beschäftigtenzahl: Vor zehn Jahren verdienten noch 15.650 Männer und Frauen in den Fabriken und Manufakturen ihren Lebensunterhalt, jetzt sind es noch 8200. Im vergangenen Jahr fielen 216 Stellen weg, zum großen Teil eine Folge der Rationalisierungen. VKI-Präsident Küsel rechnet mit einem weiteren Rückgang, da viele Unternehmen die Möglichkeiten der Automatisierung noch nicht ausgeschöpft hätten.
Vorteile der technischen Keramikbranche
Trotz einiger Insolvenzen und Übernahmen sind Fachleute erstaunt, daß der Druck zur Konsolidierung in der Branche nicht besonders stark ist. Angesichts der Überkapazitäten sehen die Hersteller das Verschwinden mancher Konkurrenten freilich auch als willkommene Bereinigung. Zum andern geraten vor allem kleinere Unternehmen in Schwierigkeiten, denen eine renommierte Marke fehlt. Als Übernahmekandidat sind sie deshalb nicht attraktiv. Die Ertragslage der Porzellanhersteller beschreibt Frischholz mit einem Wort: schlecht. Die meisten Unternehmen veröffentlichen Zahlen nicht, doch der VKI-Geschäftsführer stimmt der Schätzung einer durchschnittlichen Umsatzrendite von 1 bis 2 Prozent vor Steuern zu.
Die Rosenthal AG, der größte deutsche Porzellanhersteller, etwa wies im Geschäftsjahr 2004/05 (31. März) nur aufgrund des weiteren Forderungsverzichts ihres irischen Mutterkonzerns Waterford-Wedgwood einen kleinen Gewinn aus. Wesentlich besser geht es den Herstellern von technischer Keramik. Sie sind zum Teil Ausgliederungen von Porzellanproduzenten. Eine Wurzel der Ceramtec AG in Plochingen bei Stuttgart zum Beispiel ist Rosenthal. Zuletzt erzielte das Unternehmen, das zum amerikanischen Rockwood-Konzern gehört, einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von rund 90 Millionen Dollar.
Deutsche Firmen schlagen sich wacker
Bei einem Umsatz von 370 Millionen Dollar ergibt das eine stattliche Rendite von rund 24 Prozent. Kunden für technische Keramik sind Industrieunternehmen. Zu den wichtigsten Abnehmerbranchen von Ceramtec gehören der Automobilbau, die Medizintechnik und die Elektronik. Vorstandsmitglied Jürgen Huber will von einer Monopolstellung des schwäbischen Unternehmens nicht reden. „In der Medizintechnik hat Ceramtec eine sehr dominante Stellung“, sagt er aber. Spezialgebiet in dem von ihm flapsig als Ersatzteilchirurgie bezeichneten Produksegment sind Kugelköpfe und Pfanneninserts aus Keramik für Hüftgelenksprothesen. Dafür besitzt Ceramtec, Weltmarktführer auf dem Gebiet der Biokeramik, in den Vereinigten Staaten als einziges Unternehmen eine Zulassung der Gesundheitsbehörde FDA.
„Zu uns kommen Kunden, die mit anderen Werkstoffen wie Metall oder Kunststoff Probleme bekommen“, berichtet Rolf-Michael Müller, ebenfalls Vorstand von Ceramtec. Mit Keramik - nach allgemeiner Definition nichtmetallische, anorganische und kristalline Stoffe - lassen sich manche Schwierigkeiten lösen. Eine gute Wärmeleitfähigkeit und geringer Verschleiß zeichnen das Material zum Beispiel aus. Neue Werkstoffe und immer neue Anwendungen sind nach Hubers Worten das Erfolgsrezept, selbst wenn es inzwischen immer schwerer falle, neue Felder zu entdecken. Auf dem Gebiet der Standardprodukte wächst auch in der technischen Keramik die Konkurrenz aus Billiglohnländern wie China. Dank des Technologievorsprungs schlagen sich die deutschen Hersteller - 28 sind Mitglieder im Verband - aber wacker. Im ersten Quartal 2006 ist ihr Umsatz weiter gestiegen, um stolze 11 Prozent. Auch der Ertrag stimmt offenbar. „Im Moment ist keine deutsche Firma in den roten Zahlen“, berichtet Huber, Vorsitzender der Fachgruppe im VKI.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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