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Branchen (46): Brauereien Dunkle Wolken

05.06.2006 ·  Nach der Öffnung der europäischen Märkte fürchtet die Branche nun die neuen Vorstöße der EU, den Alkoholkonsum drastisch zu senken und die Mindeststeuersätze auf alkoholische Getränke zu erhöhen.

Von Georg Giersberg
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Bier und Fußball gehören zusammen. Schon vor der Weltmeisterschaft melden einige Brauereien wie Krombacher oder Veltins Allzeit-Monatshochs beim Bierabsatz im Mai. Bei bis zu 25 Grad Celsius Außentemperatur werden Tore, Siege und Niederlagen in Bier ertränkt. Der Wettergott scheint den Brauern derzeit also nicht abgeneigt. Er hat auch einiges gutzumachen. Denn in diesem Frühjahr hat er ihnen das Geschäft an Ostern ebenso verhagelt wie am 1. Mai und an Christi Himmelfahrt.

Bis Ende April ist daher bei den deutschen Brauern auch ein Absatzrückgang um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum aufgelaufen. Damit setzt sich der seit Jahren negative Trend im Bierkonsum fort. Nahm 1970 noch jeder Deutsche 141 Liter Gerstensaft im Jahr zu sich, dürstet es ihn heute nicht einmal mehr nach 115 Litern. Alle Werbung, und Deutschlands Brauer werben für 400 Millionen Euro im Jahr, nutzt nichts. Die Konsumenten bestellen seltener ein Bier.

EU will den Alkoholkonsum senken

Aber der Europäischen Union ist es noch immer zu viel. Der Alkoholverbrauch in Europa soll innerhalb der kommenden zehn Jahre um 25 Prozent sinken. Ein entsprechendes Entwurfspapier „zum verantwortungsvollen Alkoholkonsum“ gibt es bereits. Eine der wichtigsten Maßnahmen soll die Heraufsetzung des sogenannten Abgabealters sein. Nur wer das 18. Lebensjahr vollendet hat, soll nach diesem Entwurf alkoholische Getränke ausgeschenkt bekommen. Das würde den Rückgang des Bierverbrauchs noch beschleunigen. Daher hoffen die europäischen Brauer auf die Nichtzuständigkeit der Europäischen Kommission in dieser Frage.

„Die Gesetzgebungskompetenz in Gesundheitsfragen liegt bei den Mitgliedstaaten“, frohlockt Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes in Berlin. „Wir erwarten daher auch keinen Erlaß und keine Verordnung aus Brüssel.“ Aber ruhig schlafen läßt ihn die Sache nicht, denn allein die erwartete „Mitteilung“ aus Brüssel könnte öffentlichen Druck auf die Branche erzeugen. Hahn warnt daher den Gesetzgeber, die Brüsseler Wünsche in deutsches Recht umzuwandeln: „Den Alkoholmißbrauch kann man damit eh nicht bekämpfen. Alkoholiker trinken nur selten Bier, weil sie nicht schnell genug betrunken werden.“

Mindeststeuersätze um 30 Prozent erhöhen

Auf der Jahrestagung der europäischen Brauer im norwegischen Stavanger stand in dieser Woche ein zweites Problem auf der Tagesordnung, das ihnen Brüssel bescherte. Die EU möchte nämlich die Mindeststeuersätze auf alkoholische Getränke um 30 Prozent erhöhen. Schon heute zahlt man in Deutschland 8 Euro Alkoholsteuer auf einen Hektoliter alkoholhaltigen Getränks. „Wir hoffen, daß die Bundesregierung über die Mehrwertsteuer hinaus nicht noch weitere Steuern anheben will“, sagt Hahn.

Relativ glimpflich dagegen scheint die Novellierung der Verpackungsverordnung an der Branche vorbeizugehen. Jedenfalls gibt es vier Wochen nach der Einführung der generellen Rücknahmepflicht aller Einwegverpackungen keine wirklich erkennbaren Verschiebungen in der Bierverpackung, also von der Flasche zur Dose. Die von einigen Brauereien, darunter vor allem der dänischen Carlsberg-Brauerei, ersehnte Rückkehr der Dose ist bisher ausgeblieben.

Der Verbraucher liebt die Flasche

Aber vier Wochen seien noch ein zu kurzer Zeitraum, um die langfristigen Auswirkungen der Verpackungsverordnung endgültig beurteilen zu können. Auf seine Glasflasche läßt der deutsche Biertrinker eben nichts kommen. Auch Kunststoff kämpft auf dem Biermarkt vergeblich um höhere Marktanteile, die er sich beispielsweise beim Mineralwasser derzeit vor allem bei den Discountern erkämpft. Das Einzelhandelsunternehmen Lidl hat das Bier der Marke Tuborg in der Dose ebenso aus dem Regal verbannt wie Hasseröder oder Veltins in Dosen. Der Verbraucher liebt die Flasche.

Langweilig muß die Verpackung dennoch nicht sein, denn auch mit Glas sind Neuerungen möglich, zum Beispiel die sogenannte Weißglasflasche, mit der sich einige Brauereien durchaus erfolgreich von der üblichen Braun- oder Grünglasflasche der Konkurrenz absetzen. Verpackungsinnovation ist eine der großen Herausforderungen der Brauereien in den kommenden Jahren, erwartet Hahn. Die zweite sind Produktinnovationen, um mit neuen Geschmacksrichtungen vor allem Nicht-Biertrinker an das Getränk heranzuführen. Die dritte Herausforderung ist die der Globalisierung.

Bierpreis in Deutschland zu niedrig

Deutschlands Brauer müssen internationaler werden. „Im Export, der seit Jahren steigt, sind noch große Reserven“, vermutet Hahn, „weil einige Brauereien den Export gerade erst entdeckt haben.“ Hauptabnehmerländer deutschen Gerstensaftes sind vor allem Italien, Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Die größten Absatz- und damit auch Umsatzreserven liegen in Asien. Chinas Bierproduktion ist im Jahr 2004 um 15 Prozent gestiegen.

Und bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von gerade einmal 21 Litern ist das Potential fast unbegrenzt. Im Ausland kann man auch noch richtig Geld verdienen, denn der Bierpreis ist - wie fast alle Lebensmittelpreise - in kaum einem Land so niedrig wie in Deutschland. Das ist nach Hahns Worten auch ein Grund dafür, daß das Interesse ausländischer Käufer an deutschen Brauereien zum Stillstand gekommen ist. Alle großen, national vertreibenden Brauereien seien inzwischen in festen Händen, häufig sogar in den gleichen.

„Bier braucht Heimat“

Jetzt würden die letzten Übernahmen, vor allem die Übernahme von Brau und Brunnen (mit ihren Marken Jever, Tucher, Brinkhoffs Nr. 1) durch die zu Oetker gehörende Radeberger-Gruppe (Radeberger, Binding, Henninger, Schöfferhofer, Allgäuer Brauhaus, Sailer Bräu), gerade verdaut. Damit sei die Zeit der spektakulären Übernahmen zu Ende, in der die belgische Interbrew - heute InBev - Beck's, Diebels, Gilde oder Spaten-Franziskaner erworben hatte, in der Köstritzer, Wernesgrüner, Licher und König bei Bitburger landeten oder die Marken Paulaner und Kulmbacher an Heineken gingen.

Die nächste Runde der Übernahmen werde die zweite Reihe der Brauereien betreffen, also große Regionalanbieter. Das Muster sei von Radeberger vorgegeben worden, die ihre Braustätten um das Freiberger Brauhaus (Sachsen) erweitert hat. In der neuen Übernahmerunde kämen auch wieder verstärkt inländische Aufkäufer zum Zuge. Der internationale Wettbewerb durch die weltweit agierenden Branchenriesen nehme zwar zu. Aber der Biermarkt sei doch weitgehend noch ein Regionalmarkt. Der alte Werbespruch „Bier braucht Heimat“ habe an seiner Gültigkeit kaum verloren. Beim Bier wie beim Fußball sei der Konsument heimattreu.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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