30.05.2006 · Der enorme Bedarf an Rohöl ist zunehmend auf die hohe Nachfage asiatischer Länder zurückzuführen. China etwa sichert sich deshalb immer stärker den Zugang zu internationalen Ölreserven.
Von Ulrich FrieseDie Aussichten für die Ölmultis scheinen auf den ersten Blick rosig. Die Nachfrage nach Energieträgern steigt weltweit. Dank der hohen Preise am internationalen Rohöl-Markt sprudeln die Gewinne. Nach Schätzungen dürften die international führenden Anbieter Exxon Mobil, British Petroleum (BP), Royal Dutch Shell, Total, Chevron sowie Conoco Phillips in diesem Jahr zusammen rund 106 Milliarden Euro verdienen - ein Betrag, der das Bruttoinlandsprodukt von Tschechien oder Israel übersteigt.
Der üppige Geldregen müßte eigentlich einen gigantischen Investitionsschub in der Ölindustrie auslösen. Doch viele Produzenten stocken ihre Budgets für die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder sowie für die Ausbeutung vorhandener Vorkommen nur zögerlich auf. Statt dessen fließt ein hoher Anteil der Barmittel über Aktienrückkauf oder Dividenden an Anleger und Investoren zurück. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind im veränderten Marktumfeld, in politischen Risiken sowie in der fragwürdigen Effizienz der Projekte zu suchen.
Versäumnisse korrigieren
„Wir brauchen unsere Gewinne jetzt für hohe Investitionen“, sagt Rob Routs, Chefstratege im Vorstand von Royal Dutch Shell. Der Druck ist beim zweitgrößten Ölproduzenten der Welt besonders groß. Denn nach der falschen Bewertung des eigenen Energiereservoirs vor zwei Jahren muß der Konzern gegenüber den wichtigsten Konkurrenten aufholen.
Gleichzeitig will Royal Dutch Shell strategische Versäumnisse der Vergangenheit korrigieren. Der britisch-niederländische Konzern verließ sich bis Ende der neunziger Jahre auf organisches Wachstum und investierte damals im Schnitt nur rund 9 Milliarden Dollar pro Jahr. Wichtige Konkurrenten pumpten indessen ein Vielfaches dieses Betrages in Zukäufe im Ausland oder schmiedeten Fusionen: Erzrivale BP etablierte sich vor Jahren mit den Übernahmen von Amoco und Atlantic Richfield für insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar in Nordamerika.
In neue Öl- und Gasfelder investieren
Dort fusionierten wiederum Exxon und Mobil (1998), Chevron und Texaco sowie Conoco und Phillips (2001/2002), während sich in Europa die französischen Produzenten Total, Elf Aquitaine und Belgiens Petrofina (1998/1999) verbündeten. Royal Dutch Shell stockt in diesem Jahr seine Investitionen von 15 Milliarden auf 19 Milliarden Dollar auf. Von 2007 an soll der Betrag auf 21 Milliarden Dollar steigen. Der Löwenanteil fließt in den „Upstream“-Bereich, also in das Erschließen und Fördern von Energievorkommen. Viele Wettbewerber ziehen mit, obwohl die Budgets nicht die Dimensionen von Shell erreichen.
Dennoch sind fast alle namhaften Anbieter mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht aggressiv genug in neue Öl- und Gasfelder zu investieren. Bis auf Frankreichs Total und die amerikanische Chevron ist keiner der führenden Konzerne gegenwärtig in der Lage, mehr „schwarzes Gold“ zu beschaffen, als verkauft wird. Selbst Marktführer Exxon schafft nur ein „Reserve Replacement Ratio“ von 83 Prozent. Die branchenrelevante Kennziffer weist das Verhältnis von erneuerten Reserven zur Produktion aus: Ein Wert von unter 100 Prozent bedeutet, daß mehr Öl gefördert und verkauft wird, als neue Vorkommen gefunden oder erschlossen werden.
Verwertung von ölhaltigem Sand
Während Chevron und Total jetzt mit 108 Prozent, beziehungsweise 106 Prozent an der Spitze liegen, bilden BP (89 Prozent) und Royal Dutch Shell (67 Prozent) in diesem Vergleich die Schlußlichter. Um Anschluß an die Branche zu finden, wollte Shell bis 2008 sämtliche Öl- und Gas-Reserven komplett durch neue Vorkommen ersetzen. Doch Anfang Mai deutete Vorstandschef Jeroen van der Veer an, daß sein Konzern die Zielmarke von 100 Prozent verfehlen werde.
Die Korrektur begründete er mit dem teuren Einkauf von Ölförderanlagen, die den Aufschub von Langfrist-Projekten zweckmäßig erscheinen lassen. Ohnehin sind die Kosten bei wichtigen Großvorhaben aus dem Ruder gelaufen. Vor kurzem sagte van der Veer, daß das Budget für das russische Gasfeld „Sakhalin II“ mit 16 Milliarden Euro doppelt so hoch wie geplant ausfalle.
Von diesem Dilemma ist nicht nur Shell betroffen. Angesichts der Tatsache, daß leicht zugängliche, „konventionelle“ Energieträger erschlossen oder ausgeschöpft sind, haben sich in den vergangenen sechs Jahren die Kosten für die Entwicklung neuer Felder verdreifacht, geht aus einer Studie der Investmentbank Morgan Stanley hervor. Um gegenzusteuern, forcieren Exxon und Shell die Erschließung „unkonventioneller“ Vorkommen. Dazu zählt die technisch anspruchsvolle Verwertung von ölhaltigem Sand ebenso wie die Verflüssigung von Erdgas - kurz LNG (Liquified Natural Gas) genannt.
Übernahmen im großen Stil
Angesichts der Höchststände am Rohölmarkt erscheinen Übernahmen im großen Stil zu teuer. Shell hält lediglich für kleinere Übernahmen bis zu 10 Milliarden Dollar bereit. Zu Kaufobjekten avancierten der britische Gasförderer BG Group oder auch Repsol. Der fünftgrößte Öl- und Gasproduzent in Europa, der direkten Zugang zu lukrativen Märkten in Südamerika hat, reifte nach der falschen Bewertung seiner Energiereserven zum Übernahme-Kandidaten. Interesse wurde BP nachgesagt. Doch die Briten schließen Zukäufe bislang strikt aus.
Statt dessen loten die großen Anbieter bei aufwendigen Vorhaben strategische Allianzen aus. Neue Chancen, die durch ein verändertes Marktumfeld entstehen, weiß BP geschickt zu nutzen. Vor drei Jahren kaufte sich Großbritanniens größter Börsenwert in Rußland ein und begründete dort mit einem nationalen Konkurrenten das Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP. Das Unternehmen, an dem BP die Hälfte der Anteile hält, ist der fünftgrößte Anbieter in einem Land, das mit einer Tagesproduktion von 9,2 Millionen Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) zu den führenden Ölproduzenten der Welt gehört.
Verbrauch: 83 Millionen Barrel am Tag
Dabei geht es um den Zugang zu Ölvorkommen. Gegenwärtig verbraucht die Menschheit 83 Millionen Barrel pro Tag. Der Wert soll bis 2010 auf mehr als 90 Millionen Barrel steigen, um dann zwei Jahrzehnte später mindestens 115 Millionen Barrel zu erreichen, so lautet die Schätzung der Internationalen Energieagentur. Dahinter steht der Energiehunger der Wachstumsländer in Asien, allen voran China, Indien und Japan, das 80 Prozent seiner Ressourcen importieren muß.
Um den riesigen Bedarf zu decken, tritt China nicht nur als Käufer, sondern auch als Akteur in der Ölindustrie auf und macht den Etablierten das Terrain streitig. Die halbstaatliche CNOOC setzte 2005 zur Übernahme der amerikanischen Unocal an. Doch die Chinesen scheiterten, obwohl ihre Offerte mit 18,5 Milliarden Dollar die höchste war. Die amerikanische Regierung blockierte die Transaktion mit dem Hinweis auf „nationale strategische Interessen“. Im Gegenzug zog Chevron bei Unocal ein.
Nach dem Rückschlag in Nordamerika geben Pekings Ölproduzenten nicht auf. Sie konzentrieren sich jetzt auf andere Regionen. CNOOC kaufte für 2,3 Milliarden Dollar einen privaten Ölsucher in Nigeria. Die China National Petroleum kam Ende 2005 für 4 Milliarden Dollar bei der von Kanada aus gesteuerten Petro-Kazakhstan zum Zuge.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?