22.05.2006 · Leiharbeiter dienen längst nicht mehr nur als Spitzenlastkräfte oder Lückenbüßer. Unternehmen verlagern zunehmend wichtige Aufgaben nach außen, wofür hochqualifizierte Mitarbeiter wie Ingenieure gefragt sind.
Von Sven AstheimerAdecco und Randstad sind eigentlich erbitterte Konkurrenten. Doch ihre Akquisitionstour zu Beginn dieses Jahres sah fast wie eine konzertierte Aktion aus. Im Januar preschten die zwei großen Zeitarbeitskonzerne innerhalb von nur zwei Tagen mit spektakulären Übernahmen vor. Zunächst gab das Schweizer Unternehmen Adecco seine 630 Millionen teure Offerte für die Düsseldorfer DIS AG bekannt. Tags darauf meldete der niederländische Rivale Randstad den Vollzug des Erwerbs der Bremer Bindan-Gruppe.
Der fulminante Start weckte bei den Beobachtern einige Erwartungen: 2006 könnte das Jahr der Konsolidierung auf dem ebenso fragmentierten wie im internationalen Vergleich unterentwickelten deutschen Zeitarbeitsmarkt werden. Schließlich sind die Perspektiven glänzend.
Viele kleinere Unternehmen
Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts Lünendonk wuchs die Branche im vergangenen Jahr um mehr als 16 Prozent. Die 15 größten Anbieter legten sogar um durchschnittlich 22 Prozent zu. Zusammen vereinten sie rund 40 Prozent des auf 8,6 Milliarden Euro taxierten Gesamtmarktes auf sich. Der Rest verteilte sich auf fast 5.000 mittelgroße und kleine Unternehmen, die zumeist nur regional tätig sind. Insgesamt hat die zuständige Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr sogar mehr als 15.000 Verleihkonzessionen erteilt.
Viele Inhaber betreiben Zeitarbeit jedoch nur im Nebengeschäft. Gute Aussichten also auf lukrative Geschäfte: Nur wenige Tage nach dem Doppelschlag bot die Beteiligungsgesellschaft Odewald & Compagnie des ehemaligen Kaufhof-Managers Jens Odewald ihre Mehrheitsanteile an der Tuja Holding zum Verkauf an. Den Zuschlag erhielt zwar ein britischer Finanzinvestor. Dem Vernehmen nach sollen aber auch strategische Investoren aus dem Ausland Interesse gezeigt haben.
Hochqualifiziertes Personal gesucht
Der deutsche Adecco-Vorstandsvorsitzende und Mehrheitsaktionär Klaus Jacobs mußte sein Angebot an die DIS-Aktionäre jedoch kräftig nachbessern. Außerdem steht Ärger mit den Anteilseignern ins Haus: Sie glauben, daß die DIS-Führung um Vorstandschef Dieter Scheiff und Finanzchef Dominik de Daniel in den Übernahmeverhandlungen nicht primär die Aktionärsinteressen im Auge gehabt hätten, sondern die eigenen. Jacobs hat in der Tat nie einen Hehl daraus gemacht, beide auch für die Konzernzentrale in der Schweiz gewinnen zu wollen. De Daniel hat dort bereits die Arbeit aufgenommen. Nun beschäftigt der Fall die Gerichte.
Doch unabhängig davon, wie hoch der Einfluß dieser Personalien letztlich war, die Jacobs zu der Offerte bewogen haben. Es ist davon auszugehen, daß die Ausrichtung der DIS eine entscheidende Rolle bei den Überlegungen gespielt hat. Denn das Unternehmen verkörpert den derzeitigen Trend nicht nur auf dem deutschen Zeitarbeitsmarkt: Die Nachfrage nach hochqualifiziertem Personal nimmt rapide zu.
Image in den letzten Jahren enorm verbessert
Immer mehr Unternehmen befriedigen ihren Bedarf an Ingenieuren, Finanzbuchhaltern oder Wissenschaftlern über die Zeitarbeit. Einige Personalchefs rekrutieren bereits ausschließlich auf diesem Weg. Offen bekennen will man sich dazu aber vielerorts nicht. Denn obwohl sich das Image der Branche in den vergangenen Jahren enorm verbessert hat, passen Zeitarbeit und Premiumprodukt in den Augen vieler Manager immer noch nicht zusammen. Das Geschäft der Fachkräfteanbieter beeinträchtigt dies jedoch in keiner Weise. Die DIS steigerte allein im Schlußquartal des Vorjahres ihren Überschuß um mehr als 33 Prozent.
Jacobs nennt dieses Geschäftsfeld „die Zukunft des Unternehmens“. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Randstad hat nach dem Erwerb der Bindan-Gruppe rasch die auf Ingenieur-Dienstleistungen spezialisierte Tochtergesellschaft Teccon direkt der niederländischen Konzernzentrale unterstellt. In der Bremer Bindan-Zentrale und den mehr als 100 Niederlassungen schaut man dagegen einer ungewissen Zukunft entgegen, auch wenn Eckhard Gatzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Randstad Deutschland, die gesamte Gruppe als „Synonym für Qualität“ bezeichnet.
Umsatz mit Leiharbeitnehmern
Mit Bindan verschwindet auch eines der letzten großen Zeitarbeitsunternehmen in Familienbesitz vom deutschen Markt. Fast schon als Exotin muß sich da mittlerweile Ingrid Hofmann fühlen. Die agile Fränkin war einst selbst in der Zeitarbeit tätig, bis sie sich selbständig machte. Heute führt sie von Nürnberg aus ein Unternehmen mit mehr als 130 Millionen Euro Jahresumsatz und 6.000 Leiharbeitnehmern.
Zum Vergleich: Die DIS erwirtschaftete mit etwa demselben Personal einen mehr als doppelt so hohen Umsatz. Zwar baut auch Hofmann wie fast alle anderen Wettbewerber das Geschäft mit den qualifizierten Dienstleistungen aus; der Großteil des Umsatzes wird aber noch durch die traditionelle Zeitarbeit im gewerblichen Sektor erzielt.
Weniger Abhängigkeit von der Industrie
Solche „Gemischtwarenläden“ dürften in erster Linie interessant sein für ausländische Konzerne, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Wer hier bereits tätig ist, sucht aber eher nach kleinen, aber feinen Nischenanbietern. Beispielsweise ist Manpower aus den Vereinigten Staaten hierzulande durch den Adecco-Coup auf Platz drei zurückgefallen, hat sich aber nicht durch die Übernahmewelle zu Jahresbeginn von seiner vornehmlich auf organisches Wachstum ausgerichteten Politik abbringen lassen. Gleichzeitig aber betont Thomas Reitz, Vorstandschef von Manpower-Deutschland, man arbeite stetig daran, das Portfolio zu verfeinern, und halte die Augen offen.
Das Geschäft mit den Qualifizierten ist für die gesamte Branche jedoch nicht nur wegen der weitaus höheren Margen interessant. Mit der Öffnung zu einer breiteren Kundenschicht verringert sich nämlich gleichzeitig die Abhängigkeit von der Industrie. Laut Lünendonk kommt immer noch mehr als die Hälfte der Aufträge aus dieser Branche. Arbeitsplatzverlagerungen nach Osteuropa oder nach Asien etwa in der Automobilindustrie sind für die Zeitarbeitsanbieter in Deutschland deshalb besonders schmerzhaft. Parallel dazu arbeiten die international agierenden Konzerne intensiv daran, ebenjene osteuropäischen Wachstumsmärkte wie in Rußland oder Polen zu erschließen.
Mittelständische Unternehmen unter Druck
Außerdem soll der Umsatz in Zukunft gleichmäßiger auf die verschiedenen Geschäftsfelder verteilt werden. Während die klassische Zeitarbeit nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) am Branchenumsatz laut Lünendonk einen Anteil von 83 Prozent hat, sind es für die größten 15 „nur“ noch 75 Prozent. Hier spielen mit fast 20 Prozent die Projektgeschäfte noch eine herausgehobene Rolle. Als ausbaufähig gelten vor allem die Bereiche Personalvermittlung und -beratung, die Vergabe von Projekten nach draußen sowie Ausgliederungen.
Experten gehen davon aus, daß sich die Konzentration auf dem deutschen Markt nach der Verschnaufpause in diesem Frühjahr aber fortsetzen wird. Der Abstand zwischen den dominanten Konzernen und dem Rest dürfte dabei weiter zunehmen. Während Anbieter auf kleinen lokalen Märkten auch künftig überleben werden, dürften vor allem die mittelständischen Unternehmen unter Druck geraten.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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