17.04.2006 · Die Textilunternehmen haben Nischen besetzt und schlagen sich damit erfolgreich gegen die Billigkonkurrenz aus asiatischen Ländern. Die krisengeschüttelte Branche setzt mit technischen Textilien auf einen Wachstumsmarkt.
Von Daniel SchäferAuf einmal sprechen alle darüber: Der Quotenstreit der Europäischen Union mit China hat die deutsche Textilbranche im vergangenen Jahr ins Rampenlicht gerückt. Das Gezerre um die überhastet wiedereingeführten Quoten für chinesische Textilprodukte hat ein Schlaglicht auf einen krisengeschüttelten Industriezweig in Deutschland geworfen, der den tiefgreifenden Strukturwandel besser gemeistert hat als die Konkurrenz in anderen europäischen Ländern.
Ein großer Teil der deutschen Textilunternehmen hat sich frühzeitig als forschungsintensiver Zulieferer der Industrie positioniert und damit eine attraktive Nische besetzt. Hier zählt noch „Made in Germany“ - im Gegensatz zur Bekleidungsbranche. Die europäische Textilindustrie war einst eine der Triebfedern der Industrialisierung und eine der bedeutendsten Wirtschaftszweige. Gleichzeitig war die Branche zum Leidwesen der einfachen Arbeiter aber auch stets ein Vorreiter der Rationalisierung.
Bittere Folgen der Globalisierung
So gelang es den deutschen Textilwerkern seit den sechziger Jahren nicht, die für sie bitteren Folgen eines Trends abzuwenden, für den es damals noch nicht einmal einen Namen gab: die Globalisierung. Die billige Konkurrenz aus Osteuropa und Asien hatte in der deutschen Textilbranche einen dramatischen Aderlaß zur Folge. Von fast einer halben Million Beschäftigten im Jahr 1970 sind heute 88.000 übriggeblieben - mit weiter abnehmender Tendenz.
Statt der einstmals nahezu 2.500 Unternehmen gibt es nun weniger als 900. Einige Jahre nach der Bekleidungsbranche folgten seit den frühen neunziger Jahren die Textilhersteller der Karawane gen Osten und verlagerten zunehmend Arbeitsplätze in Länder wie die Tschechische Republik, Polen und Rumänien. Oder sie ersetzten die Stellen einfach durch Maschinen. Scharenweise verloren Menschen ihre Arbeit, die Produktivität indes nahm deutlich zu.
Leiden unter hohen Produktionskosten
Vor allem die Zulieferer der Bekleidungsindustrie leiden bis heute unter einem harten Ausleseprozeß. Die klassischen Wollweber, einst ein blühender Wirtschaftszweig, sind größtenteils verschwunden. Erst im vergangenen Jahr gab die damals insolvente Tuchfabrik Becker ihren Stammsitz in Aachen auf und beendete damit eines der letzten Kapitel in der Ära der deutschen Wollweber. Und auch die deutsche Heimtextilbranche kämpft weiter gegen ihr Sterben auf Raten.
Im Jahr 2005 ist der Umsatz mit Matratzen, Tapeten, Gardinen und anderen Haus- und Heimtextilien abermals um 2,3 Prozent gesunken. Weitere zehn der zuvor 228 Betriebe verschwanden vom Markt, die Beschäftigtenzahl ging nochmals um 3,6 Prozent zurück. Traditionsreiche Firmen wie der Tisch- und Bettwäschehersteller Langheinrich aus der hessischen Burgenstadt Schlitz litten unter den hohen Produktionskosten in Deutschland und der restriktiven Kreditvergabe der Banken: Sie mußte Insolvenz anmelden. Nun steht Langheinrich vor der Übernahme durch den größten deutschen Textilkonzern, das Firmenimperium Daun & Cie aus Rastede.
Allianz oder zugkräftige und bekannte Marke
Inhaber Claas E. Daun wächst seit Jahren vor allem durch die Übernahme von - nicht allzu schwer zu findenden - Textilunternehmen, die in Schwierigkeiten geraten sind. Dadurch hat Daun ein Konglomerat von mehr als 70 Unternehmen mit einem Umsatz von 1,85 Milliarden Euro zusammengekauft. Wer als Mittelständler in der Heimtextilbranche überleben will, muß sich entweder durch eine Allianz an einen größeren Partner binden oder eine zugkräftige und bekannte Marke mit einer Technologieführerschaft verbinden.
Erreicht hat das beispielsweise der norddeutsche Gardinenhersteller Ado, der wirtschaftlich auf soliden Füßen steht. Das durch die Gardine mit der Goldkante bekannte Unternehmen kombiniert eine große Markenbekanntheit mit Produkten, die entweder pfiffig oder technologisch an der Spitze sind - sei es die weltweit erste Gardine mit Kristallen des Tiroler Swarovski-Imperiums oder ein Gardinenstoff, der mit einem unsichtbaren Metallgitter etwas elektromagnetische Strahlung von Mobiltelefonen abweist.
Wie Phönix aus der Asche
Eine technologische Vorreiterrolle spielt die Branche auch in einem Marktsegment, in dem die Unternehmen in den vergangenen Jahren dank ihrer Nischenpositionierung wie Phönix aus der Asche der Schrumpfkur entgingen: technische Textilien, also Verbundstoffe aus Textilien und anderen Werkstoffen wie etwa Kunststoff. Die Nachfrage nach diesen neuen Materialien ist immens - sei es im Straßenbau, in der Autoindustrie oder im Umweltschutz.
Technische Textilien werden beispielsweise für Lastwagen-Planen, Airbags, Feuerschutzanzüge, Formteile für den Flugzeugund Schiffsbau oder als Verstärkung für Beton genutzt. So tragen technische Textilien mittlerweile 45 Prozent zum Gesamtumsatz der Branche bei - noch vor zehn Jahren waren es gerade einmal 17 Prozent. Welchen Stellenwert diese Hersteller in Deutschland haben, zeigt sich nicht zuletzt im europäischen Vergleich. In Gesamteuropa stehen die technischen Textilien nämlich lediglich für ein Viertel des gesamten Textilumsatzes.
Asiatische Länder als dankbarer Abnehmer
Während die Bekleidungsbranche ein Umsatzminus nach dem anderen verkraften muß, haben die Hersteller technischer Textilien zuletzt zum Teil zweistellige Zuwächse erreicht. Die rund 380 überwiegend mittelständischen Hersteller in Deutschland setzen jährlich 6 Milliarden Euro um. Im Gegensatz zur Heimtextilbranche nimmt die Zahl der Hersteller sogar zu, weil immer mehr Unternehmen aus den klassischen Geschäftsfeldern ihr Angebot verbreitern oder sich ganz auf technische Textilien konzentrieren.
Anders als die Bekleidungsindustrie leiden die hochspezialisierten Hersteller technischer Textilien auch nicht unter Billigimporten aus China und Indien. Im Gegenteil - die asiatischen Länder sind mit ihrer stark wachsenden klassischen Industrie dankbare Abnehmer dieser Art von Textilprodukten.
Wachstumsaussichten nach wie vor intakt
Doch nicht anders als in der Automobilindustrie oder anderen Branchen schmilzt der Vorsprung der deutschen Hersteller langsam, aber stetig dahin. Die asiatischen Unternehmen holen auch bei den technischen Textilien schneller auf, als viele denken. Die Wachstumsaussichten sind nach wie vor intakt und bieten Raum für zusätzliche Wettbewerber.
Nach einer Studie des britischen Beratungsunternehmens David Rigby Associates ist der Gesamtverbrauch für technische Textilien und Vliesstoffe zwischen 1997 und der Jahrtausendwende um nahezu die Hälfte auf 16,7 Millionen Tonnen gestiegen. Bis zum Jahr 2010 soll der Markt in Europa und Nordamerika jährlich um 3 Prozent und in Asien, Südamerika und Rußland um weitere 4 bis 7 Prozent wachsen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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