10.04.2006 · Der deutsche Maschinenbau spielt in der Weltliga ganz oben mit. Die meist kleinen Unternehmen verteidigen auf den internationalen Märkten ihre führende Position. Doch immer mehr ist der Erfindergeist gefordert.
Von Rüdiger KöhnSie sehen sich oftmals als Weltmarktführer. Im Rampenlicht stehen sie dennoch selten: Der deutsche Maschinenbau ist geprägt durch eine atomisierte Struktur mit einer überschaubaren Menge großer Unternehmen und einer Vielzahl von kleinen und mittelständischen, zumeist im Familienbesitz befindlichen Firmen. Diese machen nicht viel Aufhebens von ihrer führenden Position in ihrer Weltmarktnische. Sie produzieren, forschen und entwickeln lieber, als sich auf offener Bühne darzustellen.
Maschinenbauer beliefern alle Branchen mit Hochtechnologieprodukten, die dafür sorgen, daß die Mineralölindustrie ihr Benzin, die Autohersteller einen BMW, Mercedes oder VW verkaufen und Airbus seinen neuen Riesenvogel A 380 in die Lüfte bringt. „Nirgendwo gibt es eine vergleichbare Konzentration von Maschinenbauunternehmen wie in Deutschland“, sagt Manfred Grundke, Vorstandsvorsitzender von Bosch Rexroth, einem Hersteller von Antriebs- und Steuerungssystemen für den Werkzeugmaschinenbau, die Kunststoff- oder Halbleiterindustrie.
„Silicon Valley des Maschinenbaus“
In Anspielung auf die hohe Innovationskraft ist für ihn Deutschland das „Silicon Valley des Maschinenbaus“. Unter den knapp 6.000 Unternehmen gibt es viele bekannte und noch mehr unbekannte Namen. Rund 15 Prozent aller Mitarbeiter im verarbeitenden Gewerbe sind dort beschäftigt. Der Maschinenbau versteht sich als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Über einen Kamm läßt sich die Branche nicht scheren. Auf der Hannover-Messe, die als Marktplatz für den Maschinenbau schlechthin gilt, wird vom 24. April an etwa mit der Industrieautomation und der Energietechnik nur ein kleiner Ausschnitt der Branche zu sehen sein.
Das Zugpferd des vergangenen Jahres und der größte Teilbereich, die Antriebstechnik, wird turnusmäßig erst 2007 wieder präsent sein. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) vereint 35 Fachsparten, die von der Antriebs- über die Fördertechnik und den Werkzeugmaschinenbau bis hin zu kleinen Sparten wie Waagen, Gießereimaschinen und Feuerwehrgeräten reichen. Daher ist die zugeschriebene Funktion dieser Investitionsgüterindustrie als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung nur bedingt aussagekräftig.
„Der Aufschwung ist nicht flächendeckend“
Zu unterschiedlich sind die Entwicklungen in den Teilbereichen geworden. Im vergangenen Jahr verzeichneten 18 Fachbereiche Umsatzzuwächse, aber 17 Sparten meldeten Stagnation oder Rückgänge. Verfahrenstechnik, Bergbaumaschinen, Hütten- und Walztechnik, Förder- und Antriebstechnik waren Nutznießer des Höhenflugs im Energie- und Rohstoffsektor. Die Lufttechnik, die Kunststoff- und die Textilmaschinen spürten indes die rückläufige Nachfrage. Die Papiermaschinen buchten 2005 in den Auftragseingängen ein Minus von 34 Prozent, die Verfahrenstechnik ein Plus von 59 Prozent.
„Der Aufschwung ist zwar breit angelegt“, sagt VDMA-Präsident Dieter Brucklacher, Chef des kleinen Maschinenherstellers Leitz. „Er ist aber nicht flächendeckend.“ Eines haben alle gemein: Der Weltmarkt ist ihr Heimatmarkt. Seit 2002 ist die Ausfuhrquote von 68 Prozent auf heute 74 Prozent gestiegen. Mit einem um 9 Prozent auf 107 Milliarden Euro erhöhten Exportvolumen stehen die Unternehmen hinter der Auto- und Elektroindustrie zwar auf Rang drei. Im Welt-Maschinenbau aber sind die Deutschen die Exportweltmeister.
„Kein Grund, daß 2007 schlechter werden sollte“
Hauptmarkt ist Europa mit einem Anteil von 59 Prozent, gefolgt von Asien (21 Prozent) und Nordamerika (12 Prozent). Die wichtigsten Exportländer sind die Vereinigten Staaten, Frankreich, China, Italien und Großbritannien. Indien ist unter die ersten Zwanzig aufgestiegen. Daß die Deutschen in der Produktion hinter Amerikanern und Japanern „nur“ auf Rang drei stehen, liegt an den riesigen Heimatmärkten Vereinigte Staaten und Japan mit einem großen asiatischen Vorhof.
Dem Auslandsgeschäft ist es zu verdanken, daß die deutsche Branche 2006 zum dritten Mal in Folge mit einem Produktionsplus von erwarteten 2 Prozent auf ein neues Rekordjahr zusteuert, nachdem die Produktion 2005 um 4,4 Prozent auf 145 Milliarden Euro gestiegen war. VDMA-Präsident Brucklacher rechnet trotz verlangsamten Wachstums auch im kommenden Jahr mit einer guten Entwicklung: „Ich sehe keinen Grund, daß 2007 schlechter werden sollte.“
„Wir unterliegen einem dramatischen Preiskampf“
Vier Jahre Aufschwung - das ist für den zyklisch geprägten Maschinenbau ungewöhnlich und das hat es zuletzt 1990 im wiedervereinten Deutschland gegeben. Das Inlandsgeschäft entwickelt sich indes wegen des Investitionsstaus immer noch verhalten. Doch allmählich zeigt sich auch eine leichte Dynamik in Deutschland ab. Seit vier Monaten verzeichnet der Auftragseingang zweistellige Zuwachsraten. Dennoch ist die Schere zwischen In- und Auslandsgeschäft weit geöffnet. Der internationale Erfolg der deutschen Unternehmen ist erstaunlich, da die überwiegende Mehrheit die immer härter umkämpften Weltmärkte aus der heimischen Produktion bedient.
Hohe Steuern und Arbeitskosten, die die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz erschweren, werden da schnell zu Reizthemen. Letztere schlagen in einer Branche besonders durch, in der die Personalkosten mit einem Anteil von 36 Prozent im Vergleich zu anderen Bereichen, etwa der Autoindustrie (15 Prozent), unverhältnismäßig hoch sind. „Wir unterliegen einem dramatischen Preiskampf“, beschreibt VDMA-Präsident Brucklacher die Situation. China und Indien sind zwar vielversprechende Absatzmärkte für deutsche Unternehmen.
„Mit China wächst uns ein Konkurrent heran“
Doch dringen Anbieter aus den schnell wachsenden Staaten unaufhaltsam vor. „Mit China wächst uns ein Konkurrent heran“, sieht Brucklacher eine Gefahr aufziehen. Manfred Grundke von Bosch Rexroth spricht von einem harten Wettbewerb, der Innovationen, größere Flexibilität und bessere Wirtschaftlichkeit erfordert. Es sei unvermeidlich, daß Teile der Produktion an Niedrigkostenstandorte abwanderten.
„Sobald es um die flexible Reaktion auf Kundenanforderungen geht und maßgeschneiderte Lösungen gefragt sind, kann auch künftig die Wertschöpfung aus dem Inland kommen“, sagt er. Klasse statt Masse - darin sehen die Deutschen ihre Chancen gegen die Billigkonkurrenz. Dafür muß die Ertragslage stimmen. Laut VDMA haben die dem Verband angehörenden 3.000 Mitgliedsunternehmen 2005 durchschnittlich 3 bis 3,5 Prozent vom Umsatz netto verdient.
„Das ist das, was die Industrie braucht“
Für Brucklacher ist das „befriedigend“. Grund zum Jubeln sieht er darin nicht: „Das ist das, was die Industrie braucht, will sie dauerhaft überleben.“ Kürzere Produktzyklen erforderten höhere Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Rund 4 Milliarden Euro gibt die Branche jährlich dafür aus. Sie steht hinter der Chemie, dem Automobilbau und der Elektroindustrie auf Rang vier. Laut VDMA befanden sich 2005 jedoch bis zu 30 Prozent der Mitglieder in oder in der Nähe der Verlustzone.
Die Luft für Innovationen wird für sie dünn. Rund 900 Unternehmen aus dem VDMA-Kreis laufen also mit Blick auf die verschärfte internationale Konkurrenz in Probleme hinein. In den Augen von Brucklacher könnten steigende Kosten etwa durch einen unverhältnismäßig hohen Tarifabschluß für viele Firmen das Aus bedeuten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?