30.01.2006 · Die deutschen Konfektionäre exportieren 40 Prozent ihrer Kollektionen in das Ausland. Die Tendenz steigt, weil der Inlandsmarkt weitgehend gesättigt und der Preisdruck besonders stark ist.
Von Brigitte Koch und Susanne PreussChanel oder Hermes, Versace, Prada oder Dolce & Gabbana - es klingt meist französisch oder italienisch, wenn von Mode die Rede ist. Doch wenn sich in wenigen Tagen in Düsseldorf die internationale Modewelt ein Stelldichein zur größten Bekleidungsmesse CPD gibt, werden auch die deutschen Bekleidungshersteller wieder einmal unter Beweis stellen, daß Mode made in Germany gefragt ist.
Rund 40 Prozent aller von deutschen Modeherstellern entwickelten Kollektionen werden exportiert, und das mit steigender Tendenz. Unter den weltgrößten Herstellern belegt die deutsche Bekleidungsindustrie damit den fünften Platz, berichtet der in Köln ansässige Branchenfachverband German Fashion. In Europa liegen die deutschen Bekleidungsproduzenten auf Rang zwei, und zwar gleich hinter der Modenation Italien.
Absatz bei markenverliebten Chinesen
Die deutschen Konfektionäre sind auf ein gut florierendes Auslandsgeschäft angewiesen. Neben den westeuropäischen Märkten rücken zunehmend die osteuropäischen und die asiatischen Märkte ins Visier der Modeproduzenten. Gerade China ist nicht nur als Produktionsland attraktiv, sondern zunehmend als aufnahmefähiger Markt für westliche Markenprodukte. Branchenprimus Hugo Boss ist längst auf dem Milliardenmarkt erfolgreich, auch Escada und Gerry Weber setzen auf chinesische Kunden. Zunehmend versuchen ebenso Mittelständler, ihre Produkte bei den markenverliebten Chinesen abzusetzen.
Zu den Vorreitern gehörte seit 2002 Betty Barclay aus Baden-Württemberg mit mehr als einem Dutzend Verkaufsstellen. Und selbst der schwäbische Hemdenhersteller Olymp will den Absatz von Hemden im Reich der Mitte schon kurzfristig auf 200.000 Stück steigern. Am Preis scheitern die deutschen Anbieter nicht. Obwohl die Anzüge von Hugo Boss wegen hoher Steuern in China ein Vielfaches dessen kosten, was deutsche Kunden bezahlen müssen, erwartet beispielsweise Boss-Chef Bruno Sälzer in den nächsten Jahren Wachstumsraten von jährlich 20 Prozent in diesem Markt.
Textilien von Discoutern und Kaffeeläden
Davon kann die Branche im Heimatmarkt nur träumen. Hierzulande ist der Markt gesättigt. Es herrscht Verdrängungswettbewerb. So ist der Anteil der Ausgaben für Bekleidung am gesamten privaten Konsum seit den frühen 90er Jahren kontinuierlich zurückgefallen und liegt jetzt noch bei 5,1 Prozent. 1970 wendete ein Vier-Personen-Haushalt noch etwa zehn Prozent seiner Ausgaben für Textilien auf. Heute wird billig eingekauft.
Jeder zweite hat sich schon beim Kaffeeröster Tchibo oder bei Discountern wie Aldi oder Lidl mit Kleidungsstücken eingedeckt. Deren Ware stammt kaum von den namhaften deutschen Markenproduzenten. Die Menge importierter, vornehmlich aus Asien und Osteuropa stammender Textilien ist etwa doppelt so groß wie das Volumen der Exporte deutscher Hersteller.
Weniger Unternehmen, weniger Beschäftigte
Weil im Ausland weit billiger als hierzulande produziert wird, hat die gesamte deutsche Textilindustrie, zu der auch die Stoff- und Garnproduzenten, die Hersteller von Heimtextilien und technischen Textilien gehören, einen empfindlichen Schrumpfungs- und Ausleseprozeß durchlaufen. Bei der Zahl der Betriebe und der Beschäftigten zeigt sich, daß die Branche im Inland schrumpft. In Beschaffung, Produktion und Vertrieb herrscht Globalisierung.
Gab es 1985 noch knapp zweitausend Bekleidungshersteller mit annähernd 190.000 Beschäftigten, sind es heute nicht einmal mehr 500 Unternehmen. Nach den letzten Erhebungen des Verbandes Textil und Mode beschäftigte die gesamte Bekleidungsindustrie im vergangenen Sommer noch 42.500 Mitarbeiter, sechs Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Weniger als fünf Prozent wird hier produziert
Eine deutsche Marke bedeutet für die Beschäftigung hierzulande also zunächst wenig. Die Bekleidungsindustrie fertigt mittlerweile nur noch weniger als 5 Prozent ihrer Produktion in Deutschland. Nach Branchenschätzungen wird dieser Anteil in einigen Jahren sogar auf rund 2 Prozent sinken. Selbst die Musternähereien, also die Herstellung der Kollektionsmodelle, werden mittlerweile ins lohngünstigere Ausland verlagert.
Prominente Ausnahme ist immer noch Trigema. Der T-Shirt- und Sportbekleidungshersteller beschäftigt auf der Schwäbischen Alb 1.200 Mitarbeiter: Seit 35 Jahren habe es weder Kurzarbeit noch Entlassungen gegeben, berichtet Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp. Seit Mitte 2005 habe er sogar Mitarbeiter eingestellt.
Umsatzentwicklung besser als erwartet
Nach den schwierigen Jahren hellt sich die Stimmung nun wieder auf. Die Bekleidungsindustrie hat offenbar die Talsohle hinter sich gelassen. Nach einer Umfrage von German Fashion unter Mitgliedsunternehmen dürfte das Jahr 2005 mit einem Umsatzplus von mehr als 3 Prozent beendet worden sein. Dabei wurde der Umsatz mit Damenoberbekleidung um 1,5 Prozent verbessert. Herrenkleidung war sogar überdurchschnittlich gut gefragt. Hier rechnet die Branche, die von namhaften Unternehmensgruppen wie Boss, Ahlers oder Brinkmann repräsentiert wird, für 2005 mit einem Plus von 5 Prozent.
Die Branchenfachzeitschrift „Textilwirtschaft“ hat festgestellt, daß sich bei 84 Prozent der befragten Unternehmen die Umsätze 2005 besser entwickelt haben als erwartet. Knapp drei Viertel der Bekleidungshersteller hätten auch ein besseres Ergebnis erzielt als erwartet. Für 2006 hat die Modebranche noch mehr Mut gefaßt. Die jüngsten Prognosen von German Fashion sprechen von einem Umsatzwachstum von 5 bis 6 Prozent.
Accessoire-Shops und Wartelisten für Stiefel
Die besonders erfolgreichen Unternehmen der deutschen Modeindustrie haben sich auf qualitativ hochwertige, innovative Produkte oder auf Produktnischen spezialisiert. So hat der börsennotierte Damenmoden-Hersteller Gerry Weber in den zurückliegenden Jahren sein breites Marken-Portfolio auf nur noch drei starke Marken gestrafft und positioniert sich neuerdings als Lifestyle-Konzern mit eigenen Geschäften in besten internationalen City-Lagen. Ahlers treibt vor allem seine Premiummarken Pierre Cardin, Eterna und Otto Kern voran. Accessoires wie Taschen, Kosmetik, Schuhe oder Sonnenbrillen verleihen den Kollektionen Profil und spülen zusätzlich Geld in die Kasse. Die Margen in diesem Geschäft gelten als üppig.
Der Marktführer in der Herrenmode, Hugo Boss, hat mittlerweile sogar die ersten reinen Accessoires-Shops eröffnet. Bei den Schwaben gibt es im Vorstand mittlerweile keinen Kreativchef mehr, dafür aber einen Experten für Accessoires. Auch Escada hat eigens einen Accessoires-Chef berufen, der von Florenz aus das Geschäft beleben soll. Bei Strenesse wurde im Herbst sogar über Wartelisten für Stiefel berichtet, so gut ist das Angebot bei der Kundschaft angekommen. Von Marktsättigung keine Spur.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?