12.12.2005 · Die Krise Ende der neunziger Jahre mündete in eine Konzentrationswelle. Obwohl nur ein Bruchteil der weltweiten Produktion auf die Schweizer entfällt, dominieren sie mit den teuersten Uhren den Weltmarkt.
Von Konrad MrusekIn der Uhren-Branche darf man das Jahr nie vor dem Ende loben, weil das Weihnachtsgeschäft so wichtig ist. Etwa ein Fünftel des Umsatzes bringen die zwei Monate vor Weihnachten. Doch in diesem Jahr kann man schon früher Bilanz ziehen: 2005 wird - zumindest für die Schweizer Uhrenindustrie - ein Rekordjahr, denn Luxus ist weltweit begehrt. Und viele Schweizer Uhrenfirmen entlang des Jura, zwischen Biel im Norden und Genf im Süden, sind in der Luxus-Klasse tätig.
Zwar kommt auch die Plastikuhr Swatch aus der Schweiz. Tissot und Longines tummeln sich in der Mittelklasse. Doch die Industrie hat es verstanden, bei den Kunden den Eindruck zu erzeugen, teure Uhren könnten eigentlich nur noch aus diesem Land kommen - wenn man von den deutschen Edelmarken Lange und Glashütte absieht. Doch die gehören inzwischen auch Schweizer Konzernen.
Produktion präzise, Buchführung geheim
Das „Swiss made“ kann man zwar nachmachen, viele chinesische Fälscher schreiben es auch auf ihre Plagiate. Das mißlingt bei teuren und komplizierten mechanischen Werken. Mechanik ist der beste Schutz gegen asiatische Konkurrenz. Obwohl es bei Uhren auf Präzision ankommt, ist die Industrie selbst alles andere als präzise. Die Zahlen über Produktion und Umsatz sind sehr unscharf. Viele Zahlen basieren nur auf Schätzungen. Firmen lassen sich nicht gerne in die Bücher schauen. Beispiel Rolex: Sie gehört einer Stiftung.
Etliche feine Manufakturen aus Genf sind nicht zur Publikation verpflichtet (Beispiel: Patek Philippe), weil sie in Privatbesitz sind. Die beiden börsennotierten Schweizer Konzerne Swatch (18 Uhren-Marken, darunter Omega, Longines, Brequet) sowie Richemont (Cartier, IWC, Jaeger LeCoultre, Lange) müssen zwar informieren, die Umsätze der einzelnen Marken geben sie aber nicht preis. Man vermutet, daß Rolex die Nummer zwei hinter dem Swatch-Konzern ist, der 2004 einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro erzielte.
Schweizer Uhren haben mechanische Werke
Der Uhren-Markt ist geteilt: in ein Massengeschäft, das von Japanern (Citizen, Casio) und von Chinesen dominiert wird; in das kleinere, von den Schweizern beherrschte Geschäft mit edlen Uhren. In China beträgt der Durchschnittspreis je Uhr 1 Dollar, und man produziert - ähnlich wie in Japan - vor allem analoge oder digitale Quarz-Uhren. In der Schweiz liegt dagegen der Durchschnittspreis im Export bei 215 Euro, wobei das Luxus-Segment erst mit einem Fabrikpreis von 2.000 Euro aufwärts beginnt. Die meisten Schweizer Uhren haben mechanische Werke, ticken also nicht mit einem Quarz.
Obwohl auf die Schweiz nur ein Bruchteil der jährlichen Uhren-Produktion entfällt, dominiert das Land den Markt wegen seiner hohen Preise. Im Jahr 2004 wurden nach Angaben des japanischen Uhren-Verbandes 1,3 Milliarden Uhren auf der Welt hergestellt, von denen 55 Prozent auf japanische Firmen entfielen. Dieser Verband bezifferte seine Ausfuhren an Uhren und Uhrwerken auf 712 Millionen Stück, während der Schweizer Uhrenverband die Exporte von China und Hongkong auf zusammen 1,7 Milliarden schätzt.
Drei Marken dominieren Schweizer Uhren-Geschäft
Die Angaben über die globale Produktion weisen keine großen Abweichungen auf. Die veröffentlichten Export- und Importzahlen klaffen indes weit auseinander, weil es Doppelzählungen wegen der Re-Exporte von Uhren oder Uhrwerken gibt. Die Schweiz exportierte 2004 „nur“ 25 Millionen Uhren, doch mit einem Exportwert von 11 Milliarden Franken lag sie auf Rang eins. Mit einer Zuwachsrate von 10 Prozent im bisherigen Jahresverlauf dürfte der Exportwert erstmals 12 Milliarden Franken übersteigen.
In der Schweiz dürfte es einige hundert Uhren-Marken geben, von denen einige in der Krise der siebziger Jahre in Vergessenheit gerieten und nie wieder reanimiert wurden wie die „Blancpain“. Jene Krise führte zu einer Konzentration. Einen weitere Welle gab es Ende der neunziger Jahre, als ausländisch beherrschte Firmen wie Richemont (Mehrheitsaktionär ist die südafrikanische Industriellenfamilie Rupert) Marken à la IWC in Schaffhausen kauften. Rund 80 Prozent des Schweizer Uhren-Geschäfts entfallen auf die drei Riesen Swatch, Rolex und Richemont, wobei man die französische Luxusgüter-Gruppe LVMH mit ihren Marken Tag Heuer und Zenith hinzuzählen könnte.
Fälschungen interessieren nur westliche Touristen
Weil die Zahl der Reichen in Asien immer größer wird und dort westliche Marken „in“ sind, werden bereits 40 Prozent aller Schweizer Luxusuhren im Fernen Osten verkauft. Der größte Markt sind gleichwohl noch die Vereinigten Staaten. Auf den weiteren Plätzen folgen Hongkong und Japan. Unter den europäischen Ländern ist Italien für Schweizer Uhren ein sehr ergiebiger Markt, während Deutschland eher im Mittelfeld rangiert.
Die asiatische Dominanz wird sicher zunehmen, wenn die chinesische Mittelklasse reicher wird. Schon jetzt sind Swatch und Richemont in dem Land stark präsent. Omega hat vierzig Läden.
In deren Nachbarschaft werden oftmals Fälschungen verkauft. Diese interessieren nur westliche Touristen. Reiche Chinesen, so heißt es, beweisen ausgeprägtes Markenbewußtsein und kaufen das teure Original. Schätzungen über den heutigen Luxusgüter-Markt, zu dem auch Uhren gehören, klaffen ebenfalls weit auseinander. Sie reichen über den globalen Markt daher von 50 bis 134 Milliarden Dollar, wobei Angaben des französischen Unternehmens Hermès mit 80 bis 100 Milliarden in der Mitte liegt. Wenn diese Zahl stimmt, decken Schweizer Uhren gut zehn Prozent dieses Weltmarktes ab.
Ein Feld für kreative Geister
Eine Uhr ist etwas Alltägliches und dennoch ein besonderes Produkt. Sie bietet eine Mischung aus Technik und Emotion, wobei die Bedeutung der Emotion für die Kaufentscheidung wächst, je teurer die Uhr ist. Insofern sind Luxusuhren den teuren Autos vergleichbar, und Messe-Stände von Marken wie Rolex oder Omega ähneln daher auch jenen von BMW oder Mercedes. Ein wichtiger Unterschied zwischen den Branchen besteht aber darin, daß die Gewinnmargen bei Luxus-Uhren vermutlich höher sind und man hier oft keine eigene Produktion braucht - zumindest nicht in der Mittelklasse.
Es gibt Uhren-Marken, die keine eigene Fertigung haben, sondern lediglich montieren und das Marketing betreiben. Daher entstehen ständig neue Marken von Jungunternehmern, die eine Idee haben und ein Design kreieren. Die diversen Teile, vom Gehäuse über das Zifferblatt bis hin zum Quarzwerk, kauft man auf dem globalen Markt. Nicht einmal die Montage muß man selber machen, dafür gibt es - ähnlich wie für die Armbänder - entsprechende Spezialisten. Die Uhrenbranche ist also ein Feld für kreative Geister, die Technik und Design gut zu verbinden wissen.
Die Frankfurter Uhr vergessen!
Dieter Greilich (dieter.greilich)
- 13.12.2005, 17:09 Uhr
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