15.11.2005 · Knappe Staatshaushalte erhöhen den Druck zur Neuordnung der europäischen Rüstungsindustrie. Die Branche arbeitet jetzt an Antworten auf den Terrorismus und auf regionale Krisen.
Von Ulrich Friese, LondonKaum ein anderer Industriezweig wird von der politischen Großwetterlage so unmittelbar beeinflußt wie der der Rüstungshersteller. Bei den europäischen Streitkräften und in den Chefetagen der Ausrüster stehen dabei die wirtschaftlichen Folgen im Vordergrund, die aus der weltweit veränderten Bedrohungslage resultieren. Während die Zeiten des „Kalten Krieges“ längst passé sind, muß die westliche Welt jetzt der wachsenden Gefahr von Terroranschlägen sowie einer Zunahme an regionalen Krisenherden begegnen.
Bei den Geschäftspartnern der Militärs löst das veränderte Szenario einen umfassenden Strukturwandel aus. Im Gleichschritt mit dem Reformtempo bei Heer, Luftwaffe oder Marine müssen sich auch die Hersteller von Rüstungsgütern oder elektronischer Verteidigungstechnik auf den veränderten Bedarf ihrer Staatskunden einstellen. Die Vorreiterrolle bei der Neuordnung der Streitkräfte und der heimischen Industrie nehmen die Rüstungsplaner in Großbritannien ein.
Kein Sonderstatus mehr für Hoflieferanten
Mitte 2004 verkündete der damalige Verteidigungsminister Geoff Hoon einen radikalen Umbau seiner Armee, der zum Abbau von 20.000 Stellen und zur Aufstockung des Wehretats von 26,5 Milliarden auf heute 30 Milliarden Pfund (44 Milliarden Euro) führte. Die Maßnahmen rechtfertigte er mit dem Zwang, die Streitkräfte zu einem Verband von kleinen, mobilen Spezialeinheiten umzubauen und seine Behörde auf mehr Effizienz zu trimmen.
Inländische Hoflieferanten wie der Rüstungskonzern BAE Systems oder der Triebwerk-Hersteller Rolls-Royce genießen seit dem Strategiewechsel auch bei Hoons Nachfolger John Reid keinen Sonderstatus mehr. Der größte Rüstungseinkäufer unter den westeuropäischen Nato-Partnern setzt bei teuren Großvorhaben strikt auf Bieterwettbewerb und begründet seine Kaufentscheidungen vorzugsweise mit betriebswirtschaftlichen Kriterien - keine Selbstverständlichkeit in einer Branche, in der über Jahrzehnte nationale Sicherheits- und Arbeitsmarkt-Interessen das Spiel des freien Marktes blockierten.
Schulterschluß der führenden Heeresausrüster
Ähnlich wie in Großbritannien gerät auch auf dem Kontinent der Markt heftig in Bewegung. Im Zuge der Neuordnung der zersplitterten Rüstungsindustrie kämpfen deutsche und französische Konzerne um die Vormachtstellung. In Deutschland ist auf mittlere Sicht ein Bündnis der Panzerhersteller Kraus-Maffei-Wegmann, Rheinmetall und Diehl ebenso denkbar wie ein neuer nationaler Werftenverbund, bei dem der Stahlkocher Thyssen-Krupp und der deutsch-französische EADS-Konzern Regie führen.
Offiziell wollen die Beteiligten die Planspiele nicht bestätigen. Doch ein Schulterschluß der drei führenden Heeresausrüster, die bereits den Kampfpanzer „Leopard“ gemeinsam produzieren, gilt spätestens seit dem Eigentümerwechsel bei Rheinmetall als wahrscheinlich. Ende vergangenen Jahres verkaufte die Mannheimer Familie Röchling ihr 42-Prozent-Paket an institutionelle Investoren. Gleichzeitig ist in der Branche bekannt, daß der Siemens-Konzern seinen 49-Prozent-Anteil bei Krauss-Maffei-Wegmann abgeben würde.
„Druck auf Staatsbudgets wird nicht nachlassen“
Der Plan, daß Hersteller einer Waffengattung ihre Kräfte bündeln und so gemeinsame Kostenvorteile realisieren, erscheint bei wachsendem Wettbewerb und knappen Staatskassen einsichtig. Das Verteidigungsbudget in Deutschland ist im laufenden Jahr mit 23,9 Milliarden Euro nur knapp halb so groß wie das in Großbritannien, wo im Schnitt 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Landesverteidigung oder in weltweite Kriegseinsätze fließen.
In den Vereinigten Staaten, dem mit 375 Milliarden Dollar größten Rüstungsmarkt der Erde, beträgt die Quote sogar 3,8 Prozent. „Der Druck auf die Staatsbudgets wird nicht nachlassen“, ist denn auch Robert Stevens, Chef des weltweit größten Rüstungsherstellers Lockheed Martin, überzeugt, „für uns kann das nur heißen, daß wir effizienter werden.“
Bieter-Konsortium wirbt um U-Boot-Ausrüster
Dem Ziel, in einem Verbund Größenvorteile zu erreichen, fühlen sich auch EADS und Thyssen-Krupp verpflichtet. Beide Konzerne schlossen sich kürzlich in einem Bieter-Konsortium zusammen, um den zum Verkauf stehenden U-Boot-Ausrüster Atlas Elektronik zu erwerben. Der Spezialist aus Bremen ist bislang im Besitz von BAE Systems und weltweit einer der führenden Hersteller von elektronischen Sonar-, Torpedo- oder Minenaufspür-Systemen.
Weil die Briten jetzt ihre Expansion im Wachstumsmarkt Nordamerika mit Hochdruck vorantreiben, eröffneten sie eine Auktion, bei der mehrere Konkurrenten aus dem In- und Ausland mit von der Partie sind. EADS und Thyssen-Krupp haben jedoch die besten Chancen, den Zuschlag zu erhalten. Unter der Regie des Stahlkochers formierten sich bereits zu Jahresbeginn die drei großen deutschen Marine-Werften HDW, Blohm+Voss und Emdener Nordseewerke. Das neue Trio würde sich sowohl mit dem Zukauf in Bremen als durch die Anbindung an das Marinegeschäft der EADS strategisch sinnvoll ergänzen.
Neuer Rüstungsriese unter deutscher Führung?
Gleichzeitig wäre mit einem solchen Verbund das Fundament für einen neuen Rüstungsriesen gelegt, der unter deutscher Führung steht und wohl auch von den Politikern in Berlin favorisiert wird. Um ein Ausschlachten der heimischen Industrie oder einen Technologie-Abfluß ins Ausland zu verhindern, wurden erst jüngst die Rechtsvorschriften verschärft. Danach kann die Bundesregierung ausländischen Rüstungskonzernen den Einstieg bei einem militärstrategisch wichtigen Hersteller aus Gründen der nationalen Sicherheit verbieten.
In Großbritannien werden die Versuche auf dem Kontinent, nationale „Rüstungs-Champions“ zu bilden, argwöhnisch beobachtet. Schließlich hatte das britische Verteidigungsministerium in jüngster Zeit demonstriert, wie sich die Abhängigkeit von dem mächtigen Hoflieferanten BAE Systems erfolgreich verringern läßt. Über Jahrzehnte durfte der aus dem ehemaligen Staatsmonopolisten British Aerospace hervorgegangene Ausrüster das heimische Militär sowie die befreundeten Streitkräfte der Commonwealth-Staaten mit Panzern, Kampffliegern, Torpedos oder Korvetten beliefern.
Hohes Niveau der Konkurrenten aus Übersee
Doch seitdem die Rüstungsplaner in London bei der Vergabe von Großaufträgen auf Wettbewerb setzen, kühlten die Geschäftsbeziehungen zu BAE Systems deutlich ab. Statt dessen kommen als Ausrüster von Heer (MAN Nutzfahrzeuge), Luftwaffe (Airbus-Tanker) oder Marine (Flugzeugträger von Thales) zunehmend Lieferanten vom europäischen Festland ins Geschäft. Um den nötigen Ausgleich zu schaffen, will sich BAE Systems rasch in den Vereinigten Staaten verstärken. Nach den Planspielen der Briten ist dabei eine Fusion mit einem amerikanischen Branchenrivalen durchaus erwünscht.
Für den Schulterschluß mit den favorisierten Partnern Boeing, General Dynamics oder Northrop Grumman scheint der Branchenführer aus Europa jedoch noch längst nicht fit. Im Zuge seines überfälligen Konzernumbaus muß sich BAE Systems vorher von Randgeschäften trennen und die Rendite in den übrigen Bereichen auf das hohe Niveau der Konkurrenten in Übersee hieven. Von der Staats- zur Marktwirtschaft ist es mitunter ein langer Weg.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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