21.10.2007 · Börsen sind nicht nur Foren für Übernahmen. Sie sind selbst Gegenstand von Allianzen und Fusionen geworden. Das Geflecht ist immer weniger durchschaubar. Über das neue Fusionsfieber berichtet Daniel Mohr.
Von Daniel MohrDer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Seitdem das Scheichtum Qatar rund 20 Prozent an der Londoner Börse LSE erworben hat und auch noch die nordeuropäische Börse OMX kaufen möchte, ist in der Börsenlandschaft alles vorstellbar. Die rege Betriebsamkeit um Übernahmen sowie Fusionen unter Börsen und das immer schwerer zu durchschauende Geflecht von Allianzen haben gute Gründe: Ein Börsenplatz lässt sich rentabler betreiben, wenn ein Handelssystem von mehreren Teilnehmern genutzt wird; außerdem erhöht sich die Attraktivität für Käufer und Verkäufer, wenn sie auf viele Gegenspieler treffen.
Im Mittelalter betrieben die Kaufleute einen regen Tuchhandel. Für sich alleine wusste ein Händler nicht, was sein Tuch wert ist. Fragte er einen am Tuchkauf Interessierten, nannte der ihm zwar einen Preis für den Ballen Tuch. Unklar war aber, ob sein Tuch womöglich unter Wert verkauft wurde. Ähnlich erging es dem Käufer, der vielleicht zu viel gezahlt hatte. Kamen 15 Tuchhändler zusammen, die ihre Preisvorstellungen äußerten, entstand ein Marktpreis für den Ballen Tuch.
Im Bruchteil einer Sekunde
So geschehen im 15. Jahrhundert in der reichen Hansestadt Brügge. Vor dem Haus der Patrizierfamilie de Bourse trafen sich immer mehr Händler, um über Preise für Tuch und später anderer Waren zu sprechen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda führte dazu, dass sich dieser Platz für die Preisfeststellung etablierte. Angebot und Nachfrage wurden zusammengeführt. Eine der ersten Börsen entstand.
Nichts anderes passiert heute. Waren wie Tücher spielen sicherlich nicht mehr die zentrale Rolle. Aber Rohstoffbörsen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Börsenlandschaft. Dort entstehen Preise für Öl, Weizen, Orangensaftkonzentrat, Schweinebäuche und vieles mehr. Gleiches gilt für Aktien. Wie viel ein Unternehmen wie Siemens wert ist, ließe sich aus der Ferne nur schwer bestimmen. An der Frankfurter Börse treffen jedoch täglich viele tausend Kauf- und Verkaufsangebote für Anteile an Siemens ein, aus denen sich ein Preis ermitteln lässt.
Das passiert im Bruchteil einer Sekunde. Verantwortlich sind dafür Computersysteme. 97 Prozent der Handelsumsätze in Werten des Deutschen Aktienindex Dax werden über das elektronische Handelssystem Xetra gemacht. Käufer und Verkäufer stellen ihre Aufträge ein, das System ermittelt fortlaufend Preise. Hier zeigt sich der Vorteil von Börsenfusionen: Es muss nur noch eines dieser aufwendigen Handelssysteme betrieben werden. Die Kosten dafür teilen sich auf mehr Handelsumsätze auf. Der Ertrag der Börsen steigt.
Kostenvorteile überwiegen
Diese Überlegung steht zum Beispiel hinter der Fusion der beiden amerikanischen Terminbörsen Chicago Mercantile Exchange (CME) und Chicago Board of Trade (CBOT) in diesem Jahr. An beiden Börsen werden Terminkontrakte gehandelt, also Papiere, die den Kauf einer bestimmten Ware zu einem bestimmten Preis, jedoch zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt vorsehen. Die meisten Rohstoffe werden auf diese Weise gehandelt. Von einer Zusammenlegung versprechen sich beide Handelsplätze erhebliche Kostenvorteile. Ähnliche Überlegungen standen auch hinter den Plänen der Deutschen Börse, die europäische Mehrländerbörse Euronext mit den Plätzen Paris, Amsterdam, Brüssel, Lissabon und dem Terminmarkt Liffe in London zu übernehmen. Im Herbst 2006 blies Börsenchef Reto Francioni das Vorhaben jedoch ab.
Bei Börsen spielen somit auch nationale Befindlichkeiten mit. Die Handelsplätze sind über Jahrhunderte gewachsen und zum Bestandteil der Finanzinfrastruktur des jeweiligen Landes geworden. Daher gibt es eine ausgeprägte Lobby zum Schutz der nationalen Finanzstandorte. Im Beispiel Euronext hatte Paris erhebliche Vorbehalte, bei einer Fusion mit der Deutschen Börse am Ende als Juniorpartner kaum noch Einfluss auf wichtige strategische Entscheidungen ausüben zu können. Schließlich fusionierte die Euronext mit der New York Stock Exchange (NYSE) - wobei nicht ersichtlich ist, wie in dieser Form die französischen Interessen besser gewahrt werden.
Das nötige Kapital ist vorhanden
Solche Vorbehalte gibt es in vielen Ländern. So bemängelten jüngst mehrere amerikanische Politiker, wie es denn die Technologiebörse Nasdaq zulassen könne, unter wesentlichen Einfluss der Börse Dubai zu geraten. Die beiden Börsen kooperieren künftig miteinander. Dubai unterstützt die Nasdaq im Versuch, die Börse OMX der Länder Schweden, Dänemark, Finnland, Island, Estland, Lettland und Litauen zu übernehmen. Dafür erhält das Emirat nicht nur Anteile an der Nasdaq. Dubai bekommt von ihr auch 28 Prozent an der Londoner Börse. Die Amerikaner wollten den Anteil ohnehin loswerden, nachdem sie mit ihrem Übernahmeversuch in London gescheitert waren - wie zuvor auch schon die Deutsche Börse.
Derweil ist auch das Scheichtum Qatar an der LSE interessiert und hat mittlerweile seinen Anteil sukzessive auf 20 Prozent ausgebaut. Damit nicht genug: Auch Qatar interessiert sich für die OMX und rivalisiert also mit dem Nachbarn Dubai und der Nasdaq. Dass die Araber bei Börsenfusionen kräftig mitmischen, wurde allseits erwartet. Sogar Chinesen, Inder oder Südamerikaner werden als potentielle Käufer gehandelt, um Zugang zu etablierten Marktplätzen und deren Technologie zu bekommen. Über das nötige Kapital verfügen all diese Länder reichlich.
Ganz lassen kann es die Börse nicht
Die Deutsche Börse hat sich ihrerseits zunächst einmal aus diesem komplexen Monopoly verabschiedet. Schlecht bekommen ist ihr das nicht. Das Aktienmarktgeschäft über das Computersystem Xetra läuft ebenso ertragreich wie das Terminmarktgeschäft über die Eurex, die schon seit rund zehn Jahren mit der Schweizer Börse SWX betrieben wird. Ein weiterer Vorteil der Deutschen Börse ist, dass sie im Unterschied zu den meisten anderen Börsen auch über das lukrative Geschäftsfeld der Abwicklung von Wertpapiergeschäften sowie der Wertpapierverwahrung verfügt. Dies führt dazu, dass die Deutsche Börse mit einem Börsenwert von 21 Milliarden Euro der wertvollste Börsenbetreiber der Welt ist.
Ganz lassen kann es die Deutsche Börse jedoch nicht. Im Frühjahr hat sie mit der International Securities Exchange (ISE) die größte Terminbörse für den Handel mit Aktienoptionen übernommen. Der Kauf wurde mit rund 2 Milliarden Euro von Analysten als teuer, aber als strategisch sinnvoll eingestuft. Bisher werden rund 80 Prozent des Handels mit Optionsscheinen und Futures außerhalb der Börsen betrieben. Daher wird für die Terminbörsen ein hohes Wachstumspotenzial unterstellt. Motiv einer solchen - eher seltenen - Übernahme ist weniger das Nutzen von Kostensynergien, sondern der Ausbau der Geschäftstätigkeit und das Erschließen neuer Märkte. Dies ist auch das Motiv zahlreicher Kooperationen und Minderheitsbeteiligungen etablierter Börsen in Osteuropa und Asien.
Trotz aller Internationalisierung hat sich aber gezeigt, dass es eine enge Bindung des Handels an seine Heimatbörsen gibt. Griechische Aktien werden fast ausschließlich in Athen gehandelt, bulgarische in Sofia und deutsche eben in Frankfurt. Die Versuche, mit einer Notierung an der Wall Street in New York neue Interessenten für die Aktien zu finden, sind gescheitert. Viele Unternehmen stellen ihre Notierung im Ausland wieder ein. Der Grund ist derselbe wie für Fusionen. Je mehr Händler an einem Ort auf einer Plattform handeln, desto besser sind die Kurse für die Handelspartner. Und die meisten Nokia-Händler sind nun mal in Helsinki. Deshalb sind alle bisherigen Versuche der Banken misslungen, eigene Handelsplattformen in Konkurrenz zu Börsen zu etablieren. Gehandelt wurde dort, wo die meisten Händler sind, ob früher Tuch in Brügge oder heute Schweinebäuche in Chicago und SAP in Frankfurt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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