Home
http://www.faz.net/-gqi-vdmo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Branchen (106): Biotechnologie Strapazierte Geduld

13.08.2007 ·  Die Biotechnologie-Branche ist Hoffnungsträger und Innovationsmotor für die Pharmaindustrie. Aber noch fehlt der Durchbruch durch einen ersten in Deutschland entwickelten Wirkstoff. Bis zur Zulassung braucht es viel Zeit und Geld.

Von Judith Lembke
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die vergangenen Wochen waren wie ein Schnellkurs über die Chancen und Risiken der Biotechnologie. An zwei Unternehmen lässt sich aufzeigen, dass immer wieder geschürte Hoffnungen in einer hoch innovativen Branche ebenso berechtigt sind wie Warnungen vor Unkalkulierbarem.

GPC Biotech hat ein Debakel erlebt. Das Unternehmen aus Martinsried bei München erlitt einen herben Rückschlag bei dem Versuch, das Prostatakrebsmedikament Satraplatin in einem beschleunigten Verfahren in den Vereinigten Staaten zuzulassen. Während einige Investoren das Medikament schon fast im Apothekenregal wähnten, wurden die für die Zulassungen nötigen Studienergebnisse von einem Beratergremium der amerikanischen Arzneimittelbehörde für ungenügend befunden. In der Konsequenz zog GPC den Zulassungsantrag zurück. Es folgte nicht nur ein Kurssturz der GPC-Aktie um zeitweise mehr als die Hälfte, sondern auch Sammelklagen von Investoren. Sie werfen dem Unternehmen unter anderem gezielte Fehlinformation vor.

Kampf um den ersten Biotech-Wirkstoff

Auf der Sonnenseite steht hingegen das größte deutsche Biotechnologieunternehmen Qiagen. Das Unternehmen expandierte, der Umsatz wuchs, der Nettogewinn stieg allein im zweiten Quartal um 60 Prozent. Der in den vergangenen Monaten stark schwankende Aktienkurs ging in den vergangenen Tagen wieder nach oben. Über drei Jahre zeigt der Trend - ganz im Gegensatz zu GPC - nach oben. Hinter diesen beiden Unternehmen steht mehr als nur die unterschiedliche Entwicklung an der Börse. Sie sind beispielhaft für eine Branche, die sehr breit aufgestellt ist.

Qiagen ist ein Hersteller von Analysezubehör für Erbsubstanz und Proteinforschung. Sie reüssiert ebenso wie andere Unternehmen, die sich auf Proben und Testtechnik spezialisiert haben. Deutsche Medikamententwickler wie GPC hingegen kämpfen bislang noch ohne Erfolg darum, den ersten hierzulande entwickelten Biotech-Wirkstoff endlich auf den Markt zu bringen.

Es fehlt an der kritischen Masse

Die Neugründungen spiegeln dieses Ungleichgewicht: Die neuen Biotechnologieunternehmen richten sich stärker darauf aus, die Medikamentenentwicklung anderer Pharmakonzerne zu unterstützen, statt sie selber komplett zu betreiben. GPC Biotech ist ein Beispiel dafür, wie riskant es ist, sich auf die Entwicklung eines Wirkstoffes zu konzentrieren. Und der Absturz der GPC-Aktie hat zudem gezeigt, dass sich an der Börse ein Optimismus breitgemacht hat, der nicht mehr im Zusammenhang mit den Erfolgsaussichten eines konkreten Produktes gestanden hat. Nicht umsonst hat sich nun Resignation breitgemacht. Grund dafür ist nur teilweise die Satraplatin-Pleite. Es gibt vielmehr auch ein Missverständnis für die Besonderheiten der Branche. Forschung braucht einen langen Atem - was von Investoren häufig unterschätzt wird, die schnelle Resultate sehen wollen.

„Die forschende Biotechnologie steht in Deutschland noch am Anfang, die Branche ist sehr jung“, sagt Roland Maier, Manager bei dem auf Biotechnologie spezialisierten Finanzinvestor BB Biotech. Trotzdem zeigt er sich für die Zukunft optimistisch, dass sich die deutsche Biotechnologie zu einer erfolgreichen Branche entwickeln wird. Doch müsse zunächst der Durchbruch geschafft werden, also ein erfolgreiches Medikament am Markt plaziert werden. Das könnte insgesamt Auftrieb geben. „Ein Erfolg von Satraplatin hätte der ganzen Branche geholfen“, sagt Maier. Bislang fehle es den meisten deutschen Biotechnologie-Unternehmen an der kritischen Masse, um einen Wirkstoff über die teure Forschungs- und Entwicklungsphase hinweg marktreif zu bekommen.

Es wird wieder mehr investiert

Ein weiteres Problem sieht Maier in dem Mangel von erfahrenen Mitarbeitern in der forschenden Biotechnologie: „In Deutschland gibt es die strukturelle Schwäche, etablierte Mitarbeiter aus den Pharmaunternehmen für die Biotechnologie zu gewinnen“, beklagt er.

Der deutsche Biotechnologie-Report 2007, den die Steuerberatungsgesellschaft Ernst & Young jährlich erstellt, zeichnet ein positives Bild - wenn auch kein euphorisches. „Die deutsche Biotech-Branche ist wieder auf Wachstumskurs“, sagt Siegfried Bialojan, Leiter des Industriesektors Biotech von Ernst & Young. Die Stimmung sei deutlich besser als in den Vorjahren, und es werde wieder mehr investiert. Die Fortschritte in den Umsätzen und in der Produktentwicklung sind zumeist erfreulich, aber nicht atemberaubend. 2006 stiegen die Umsätze in der deutschen Biotechnologie um 14 Prozent auf 945 Millionen Euro; allerdings wuchsen auch die Verluste um 8 Prozent auf 616 Millionen Euro.

Erste Zulassung für ein Nischenmedikament

Das Ziel, die Umsatzmilliarde in diesem Jahr zu erreichen, ist realistisch. In der Umsatzentwicklung liegt Deutschland knapp über europäischen Durchschnitt, wo die Branchenumsätze 2006 um 13 Prozent auf 13,3 Milliarden Euro gewachsen sind. Die Zahl der Unternehmen blieb dabei relativ konstant: Sie stieg nur von 388 auf 391, Neugründungen und Abgänge hielten sich in etwa die Waage. Im vergangenen Jahr sind mehr Wirkstoffe in die Phase II oder III der klinischen Entwicklung eingetreten und befinden sich somit schon im relativ weit fortgeschrittenen Stadium. Während sich 2005 nur 285 Wirkstoff-Projekte in der präklinischen und klinischen Entwicklung befanden, ist die Zahl im vergangenen Jahr auf 324 Projekte gestiegen.

Zugelassen wurde jedoch nur ein Wirkstoff, die Polyphenon E-Salbe des Münchner Biotechnologieunternehmens Medigene; ein Medikament gegen Genitalwarzen, das Ende dieses Jahres auf dem amerikanischen Markt eingeführt werden soll. Trotz der erfolgreichen Zulassung gilt die Salbe als Nischenmedikament, weit entfernt von einem potentiellen Blockbuster - also einem Medikament, dessen Umsatz die Milliarden-Grenze überschreitet.

Risikokapitalgeber zogen sich zurück

Nach der vorläufigen Satraplatin Pleite blickt die Branche gespannt auf die Berliner Jerini. Sie plant, die Zulassungsunterlagen für den Wirkstoff Icatibant zur Behandlung von angeborenen Schwellungen noch in diesem Jahr bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) einzureichen. Vor einem Jahr noch hatten schlechte Studienergebnisse die Jerini-Aktie vorläufig in den Keller geschickt. Ein Blockbuster wird jedoch auch Icatibant nicht werden - sollte es auf den Markt kommen. Branchenkenner rechnen mit einem Umsatz von 250 Millionen Euro.

Während die Umsatzentwicklung im Gleichklang mit der Weiterentwicklung der Wirkstoffe vorangeht, gab es in der Finanzierung der Unternehmen im vergangenen Jahr einen Bruch gegenüber den Vorjahren. Zwar schaffte die deutsche Biotechnologie 2006 mit 702,5 Millionen Euro ein neues Rekordvolumen in der Finanzierung, das nur noch von dem im Jahr 2000 übertroffen wurde. Gleichzeitig zogen sich viele Risikokapitalgeber zurück. Das gute Finanzierungsergebnis des vergangenen Jahres beruht hauptsächlich auf dem Erfolg der börsennotierten Unternehmen.

Investor zeigte Nibelungentreue

Nach Berechnungen des Fachmagazins „Transkript“ wurden 462,4 Millionen Euro über die Börse und damit von Aktionären aufgenommen. Nur 240,5 Millionen Euro - und damit 30 Millionen Euro weniger als im Vorjahr - bestanden aus Wagniskapital. In diesem Jahr stach ein Finanzinvestor besonders heraus: SAP-Gründer Dietmar Hopp, der mit mehr als 320 Millionen Euro in der Biotechnologie investiert ist und der 2006 ein Viertel der Investitionen für nichtbörsennotierte Biotechnologieunternehmen bereitstellte.

Hopp ist nicht nur der große Finanzier der Branche, er ist auch ihr Kronzeuge. Während viele Anleger GPC-Aktien panikartig verkauften, steckte er noch mehr Geld in das Unternehmen. Er verkündete, er habe vollstes Vertrauen in GPC und Satraplatin. Die Aktie drehte ins Plus. Sollten wieder mehr Investoren in dieser Nibelungentreue zur deutschen Biotechnologie stehen, könnte der Durchbruch bald geschafft sein.

Quelle: F.A.Z., 13.08.2007, Nr. 186 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.