12.09.2005 · Im Schatten der IAA glänzt die Werkzeugmaschinen-Fachwelt mit Wachstum. Die Konsolidierung wird sich beschleunigen. Die 20 größten Anbieter werden bis 2010 mehr als die Hälfte der Weltproduktion bestreiten.
Von Rüdiger KöhnDie Fachwelt der Metallbearbeitung hat ihren großen Auftritt. Nächste Woche beginnt in Hannover die EMO - die weltgrößte Messe für den Werkzeugmaschinenbau. Große Bearbeitungszentren sind ausgestellt, in denen etwa Autoteile für Bremsscheiben oder Zylinderköpfe gefräst, gebohrt, gedreht und geschliffen werden. Präzisionsschleifmaschinen bearbeiten Zahnbohrer mit wenigen tausendstel Millimeter Toleranz. Profilschleifmaschinen fertigen hochbelastbare Turbinenschaufeln für Flugzeugtriebwerke. Drehmaschinen produzieren Präzisionsteile für Formel-1-Rennwagen.
Auf dem Messegelände in Hannover wird sich ein erlauchtes Fachpublikum mit erwarteten 200.000 Besuchern treffen. Derweil geht es 350 Kilometer südlicher mit Brimborium spektakulärer zu: Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt wird ein Ansturm von Besuchern erwartet. Auf der IAA gibt es Glamour, hinter dem die EMO verblaßt.
Nichts ohne Werkzeugmaschinen produzierbar
Zu Unrecht, wie die Branche meint. „Nichts ist produzierbar ohne Werkzeugmaschinen“, sagt Carl Martin Welcker, Präsident des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW). Die vielen Exponate auf der IAA würden ohne die „Mutter aller Maschinen“ gar nicht in Frankfurt stehen. Die Automobilindustrie einschließlich ihrer Zulieferer ist der weitaus größte Kunde der Branche. Anders als die mehr oder minder stagnierende Autoindustrie verzeichnet der deutsche Werkzeugmaschinenbau seit drei Jahren hohe Zuwächse in der Produktion, getragen vor allem durch das Auslandsgeschäft mit einem Anteil von 61 Prozent.
Selten sind Kommentare über die Befindlichkeit in der Industrie und Wirtschaft zu hören, wie sie Carl Martin Welcker, Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), abgibt: „Die Stimmung im deutschen Werkzeugmaschinenbau ist ausgesprochen gut.“ Die Auftragsbücher sind gefüllt. Die Produktion läuft mit 90 Prozent Auslastung auf Hochtouren.
Wachstumsraten noch zu gering
Zeichen der Abkühlung in dieser zyklischen Branche macht Welcker nicht aus. Nach einem Produktionsplus von 6 Prozent im vergangenen Jahr rechnet er für 2005 mit einem Zuwachs im Inland von etwa 5 Prozent - wieder getragen durch die Exporte, weniger durch das nach wie vor laue Inlandsgeschäft. Das ist aber immer noch weniger als das voraussichtliche weltweite Wachstum von 8 Prozent. Doch gießt der VDW-Präsident Wasser in den Wein: „Die Wachstumsraten sind immer noch zu gering.“
Welcker verweist auf das niedrige Niveau, auf dem die Branche aufbaut. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 erlebte der Markt weltweit einen herben Rückschlag, von dem sich viele Unternehmen immer noch nicht erholt haben. Nur der Einbruch Anfang der neunziger Jahre war schlimmer. Schon damals beschritt die Branche einen langjährigen Leidensweg, der in Deutschland mit einem schmerzhaften Konsolidierungsprozeß einherging.
Kampf ums Überleben
Spektakulär war der Fall der schwer angeschlagenen Hersteller Deckel und Maho, die um das Überleben kämpften. Sie waren zugleich mustergültig dafür, daß der Zusammenschluß von zwei Kranken nicht einen Gesunden hervorbringt. Deckel-Maho wurde schließlich von der Bielefelder Gildemeister übernommen, die ihrerseits mit Ertragsproblemen zu kämpfen hatte. Heute ist Gildemeister einer der ganz großen Anbieter weltweit - und der größte Aussteller auf der EMO. Doch erzeugen die Ostwestfalen noch immer magere Renditen, die es nun aufzupäppeln gilt.
Konsolidierung ist auch heute ein Thema. Jüngstes Beispiel ist der im August angekündigte Ausstieg von Thyssen-Krupp aus dem Werkzeugmaschinenbau. Der Stahl- und Industriekonzern will die Geschäfte, zu denen bekannte Namen wie Hüller Hille und Witzig & Frank gehören, an die New Yorker Beteiligungsgesellschaft Maxcor verkaufen, die sich auf mittelständische Maschinenbauer spezialisiert.
Auch in Zukunft Trend zur Größe
„Es wird auch in Zukunft den Trend zur Größe geben“, sagt Thomas Kautzsch, Direktor der Unternehmensberatung Mercer Management Consulting. „Die Industrie wird sich weiter konsolidieren müssen.“ Kautzsch stellt darauf ab, daß sich die Branche global aufstellen und mit hohem Aufwand in ein weltweites Vertriebs- und Servicenetz investieren muß. In Deutschland gebe es in bestimmten Maschinensegmenten - wie dem Bau von flexiblen Fertigungssystemen - einen Konsolidierungsbedarf. Für ihn wird sich die Konzentration noch beschleunigen.
In der Vergangenheit ist der Anteil der größten zwanzig Hersteller an der Weltproduktion von 31 Prozent im Jahr 1995 auf 44 Prozent im Jahr 2000 gestiegen. „Dieser Anteil wird bis 2010 deutlich mehr als 50 Prozent erreichen“, sagt der Experte voraus. Der Markt selber werde indes in einem langfristigen Trend nicht nachhaltig wachsen. Der jährliche Zuwachs seit 1984 mit im Schnitt 0,6 Prozent hätte immerhin unterhalb der Inflationsrate gelegen.
Die Regel „Große fressen Kleine“ funktioniert nicht
Das sieht VDW-Präsident Welcker weniger kritisch: „Es gibt zu viele Märkte, die noch einen enormen Bedarf haben“, sagt er. Wenn etwa China nur annähernd auf das europäische Versorgungsniveau mit Gütern zusteuern würde, gebe es für die Branche weltweit viel zu tun. „Der Werkzeugmaschinenbau ist dafür der Hebel.“ China ist für die deutschen Werkzeugmaschinenbauer vor Nordamerika der wichtigste Abnehmer. Auch für Welcker wird es eine weitere Konzentration geben.
„Je standardisierter die Produkte und je näher die Anbieter am Volumenmarkt sind, um so sinnvoller ist eine Konsolidierung“, sagt er. „Je spezieller das Produktportfolio jedoch ist, um so weniger zwingend erscheint sie.“ Größe an sich muß aber nicht mit Erfolg zusammenhängen. „Es gibt keinen Hinweis darauf, daß zusammengekaufte Gruppen erfolgreicher sind als kleine Unternehmen.“ Ebenso funktioniere die Regel „Große fressen Kleine“ nicht. Zwar hätten die Japaner mit wenigen großen Konzernen Erfolg. Doch auch Spanier, Italiener und Schweizer, die wie die Deutschen mit Kleinstrukturen leben könnten, seien stark.
Der Wettbewerb drückt die Preise
Der Antrieb zur Konzentration resultiert aus der Globalisierung der Kunden. „Die Automobilhersteller standardisieren weltweit ihre Ausrüstung“, gibt Unternehmensberater Kautzsch ein Beispiel, das für viele Branchen Gültigkeit hat. Aber auch der Wettbewerb spielt eine Rolle. Besonders in den Großserienproduktionen von vergleichsweise einfachen Maschinen herrscht Preisdruck. Dort sind die Margen sehr dünn.
Mercer-Management-Berater Kautzsch schätzt, daß die Bruttorenditen im Werkzeugmaschinenbau geringer sind als die ohnehin mageren 3 Prozent im gesamten Maschinenbau: „Es gibt echte Ertragsprobleme.“ Bei den Standardmaschinen schätzt er den Preisdruck auf jährlich 3 bis 5 Prozent. Daher sei neben einer Spezialisierung der Ausbau des weniger zyklischen und hochprofitablen Ersatzteil- und Servicegeschäftes ratsam.
Lukrativer Spezialmaschinenbau in Deutschland
„Druck ist im Kessel“, sagt auch der VDW-Präsident. Der komme durch die wachsende Nachfragemacht der Kunden wie der Autoindustrie zustande. Die Lage wird durch das Vordringen von Anbietern aus Niedriglohnländern wie Korea, Taiwan und Tschechien verschärft. Welcker rechnet aber nicht mit einem neuen Angriff aus den Schwellenländern. Deutsche Hersteller seien gut im lukrativen Spezialmaschinenbau verankert.
Doch eine starke Position kann trügerisch sein. Einst war Amerika die Werkzeugmaschinenbaunation schlechthin. Dort hatte die Konsolidierung nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst schleichend begonnen. Große Namen wie Western Atlas, Cincinnati Millacron und Ingersoll Milling, die in der Weltliga oben mitspielten, gibt es heute nicht mehr.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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