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Branche im Umbruch Im Sog der Großen Vier

27.11.2010 ·  In der Wirtschaftsprüferzunft werden die Großen immer größer. Doch Brüssel würde gern das Oligopol aufbrechen, die Marktenge scheint der Kommission „systemgefährdend“. So mancher Plan aus Brüssel würde die „Großen Vier“ ins Mark treffen.

Von Georg Giersberg und Joachim Jahn
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Emotionen und Übertreibungen sind Wirtschaftsprüfern eigentlich wesensfremd. Es muss schon etwas Besonderes vorliegen, wenn sich derzeit selbst besonnene Naturen nicht vor harten Aussagen scheuen. „Den freien Beruf der Wirtschaftsprüfer wird es in 20 Jahren nicht mehr geben.“ Dieser Satz wirkt aus dem Mund von Hans-Werner Kortmann besonders dramatisch, ist doch gerade dieser Hamburger Wirtschaftsprüfer dabei, mit den Genossenschaften den freien Wirtschaftsprüfern einen Markt zu erschließen, der ihnen bisher verschlossen war, also für Wachstumspotential zu sorgen. Aber Kortmann aus der Kanzlei Esche Schümann Commichau gibt sich keinen Illusionen hin. Die Branche der Wirtschaftsprüfer ist im Umbruch, der ganz eindeutig auf eine zunehmende Konzentration hinausläuft und das über Jahrzehnte geprägte Selbstverständnis vom freien Beruf gründlich erschüttert.

Die fortschreitende Internationalisierung der Wirtschaft bis weit in den Mittelstand hinein einerseits und die steigenden Anforderungen an die Rechnungslegung durch Finanzmärkte, Finanzkrise und die Erweiterung der Wirtschaftsprüfung auf Risikomanagementsysteme andererseits spielen eindeutig den großen Prüfungskonzernen in die Hände. Die Großen werden immer größer, die Branchenspitze immer schmaler. Vor einigen Jahren wurde noch von den „großen Sieben“ gesprochen. Heute gibt es international nur noch die „Big Four“: Deloitte, KPMG, PWC und Ernst & Young. Dieses internationale Quartett spielt auch in Deutschland die erste Geige - und eine Änderung ist nicht absehbar. Um einen Konzern wie Siemens zu prüfen, braucht man in Spitzenzeiten 500 Leute. So viele Angestellte haben nur wenige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Also kommen für die Prüfung eines großen Konzerns auch nur wenige in Frage. Will man einen Wirtschaftsprüfer, der auch in Asien oder Lateinamerika über Mitarbeiter verfügt, um die dortigen Tochtergesellschaften zu prüfen, engt sich der Raum der möglichen Prüfungsgesellschaften noch mehr ein. Hinzu kommt die internationale Rechnungslegung. Börsennotierte Gesellschaften müssen nach den internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS abschließen. Der Aufbau entsprechender Fachkenntnisse lohnt sich aber nur, wenn man mehrere Mandate dafür hat. Da die großen Prüfer beides - die Internationalisierung wie die internationale Rechnungslegung - forcieren, nimmt der Abstand zum Verfolgerfeld ständig zu.

Sprungbrett in andere Branchen

In Deutschland setzen die vier Großen der Branche 4,5 Milliarden Euro (von 11 Milliarden Euro Marktvolumen) um. Die 25 größten Gesellschaften kommen nur auf etwa 5,5 Milliarden Euro. Das heißt, die diesen vier vom Umsatz her folgenden 21 Unternehmen setzen zusammen gerade einmal so viel um wie einer der vier großen Gesellschaften. Nach den „großen vier“ - und Deloitte muss mit 600 Millionen Euro Umsatz hart um die Zugehörigkeit zum Quartett kämpfen - kommt lange nichts.

Mit zunehmendem Abstand wird die Situation der kleineren Anbieter immer aussichtsloser. Zwar versuchen viele mittelständische Unternehmen - sie setzen zwischen 30 und 100 Millionen Euro um, durch Fusionen oder Kooperationen den Anschluss zu halten. Aber es wird immer schwerer. Auch kleine Mandanten erwarten immer mehr grenzüberschreitende Expertise. Die lässt sich auch über den Nachwuchs immer schwerer beschaffen. Schon die Hochschulabsolventen gucken nach den großen Namen, die zudem mit Einstellungen von Hunderten oder gar mehr als tausend Absolventen im Jahr den Markt leerfegen. Eine Stelle bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gilt als ideales Sprungbrett in andere Branchen.

Beratung ist das große Wachstumsfeld

Aber auch im Bereich der Kunden, also der zu prüfenden Wirtschaft, lassen die Großen den kleinen immer weniger Luft. Über gezielte Mittelstandsinitiativen und über Kampfpreise mit Nachlässen von bis zu 50 Prozent und mehr ziehen sie immer mehr auch mittelständische Mandanten an sich. Sie räumen auch auf dem Arbeitsmarkt ab. Große Namen ziehen bei Mandanten und Mitarbeitern gleichermaßen.
Außerdem werben die bekannten Gesellschaften mit ihrem großen Know how, das sie inder Prüfung Kleinere Unternehmen klagen immer häufiger über Schwierigkeiten, Nachwuchskräfte zu bekommen. Über das margenschwache, aber imageträchtige Prüfungsmandat hofft man an zusätzliche Beratungsaufträge zu kommen.

Die Beratung ist nämlich das große Wachstumsfeld aller Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Aber Beratung und Prüfung kann schnell zu einem Konflikt führen. So gehört es zwar zur Berufsehre eines jeden Wirtschaftsprüfers, dass man nicht selbst prüft, wozu man dem Mandanten vorher geraten hat. Weil es aber entgegen allen Beteuerungen immer wieder geschah, hat vor allem die amerikanische Börsenaufsicht nach den Enron-Affäre zu Beginn des Jahrzehnts die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gedrängt, ihre Beratungssparten zu verkaufen. Das haben außer Deloitte auch alle getan, mehr oder weniger jedenfalls. Denn schon damals unterschieden sie zwischen prüfungsnaher und prüfungsferner Beratung und behielten die prüfungsnahe Beratung, aus der sie inzwischen wieder Beratungsorganisationen auf- und ausgebaut haben, die inzwischen sogar den klassischen Beratungsfirmen das Leben schwermachen.

Über die Motive wurde viel gerätselt

Es wurde daher in beiden Branchen - bei den Wirtschaftsprüfern wie bei den Beratern - als Paukenschlag empfunden, als Deutschlands drittgrößte Unternehmensberatung Roland Berger (400 Millionen Euro Umsatz) ankündigte, in dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte aufgehen zu wollen. Es passte in die Deloitte-Strategie, auch in Deutschland den Abstand zu den drei größeren Mitbewerbern nicht zu verlieren. Gerade wird die Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Susat einverleibt. Über die Motive von Berger wurde viel gerätselt.

Eine Anbindung an einen größeren Konzern ist schon einmal rückgängig gemacht worden. Damals hatte sich Roland Berger unter die Fittiche der Deutschen Bank begeben. Aber auch die Berater spüren wie die Wirtschaftsprüfer die Globalisierung. Nur regional vertreten zu sein und Roland Berger ist ein deutsch-europäisches Unternehmen, reicht nicht mehr. Wie bei den Wirtschaftsprüfern geben auch bei den Beratern die angelsächsisch basierten Gesellschaften den Ton an. Unter den fünf größten ist Berger die einzige Gesellschaft deutschen Ursprungs. Das wird sie auch zunächst bleiben. Die Partnergesellschafter haben am vergangenen Wochenende den Fusionsplänen des Vorstandes einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie wollen zunächst selbständig bleiben. Das Argument des eigenen Vorstandes, dass der Beratung die internationale Kompetenz fehle, wird dadurch aber nicht entkräftet. Der Sog zur Größe wird weitergehen.

Das hat auch die EU auf den Plan gerufen. Aus Brüssel weht den Wirtschaftsprüfern derzeit ein scharfer Wind entgegen. Der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat einen Wunschkatalog vorgelegt, mit dem er die Bilanzkontrolleure stärker an die Kandare nehmen will. Vor allem will der oberste Wettbewerbshüter das Oligopol der großen vier aufbrechen, diese Marktenge scheint Barnier „systemgefährdend“. Der Kommissar nimmt damit zweifach Bezug darauf, dass die europäischen Staaten in der Finanzkrise mehrfach „systemrelevante“ Banken vor dem Zusammenbruch retten mussten. Zum einen wird es bei Konzernen immer schwerer, noch einen unabhängigen Prüfer zu finden, weil die Großen schon als Prüfer oder Berater dort tätig sind. Zum anderen gibt Barnier den Prüfern eine gewisse Mitschuld an der Krise. Denn die gewaltigen Verluste zahlreicher Kreditinstitute in den Jahren 2007 bis 2009 würfen die Frage auf, wie die Abschlussprüfer ihren Mandanten einen „sauberen Vermerk“ hätten liefern können, fragt er in einem Grünbuch genannten Diskussionspapier mit konkreten Reformvorschlägen. Wer die Eigendynamik von Brüsseler Vorstößen kennt, weiß, dass Beamte und Abgeordnete schon in diesem Stadium kaum noch von ihren Vorhaben abzubringen sind.0

Immer häufiger - und umso profitabler

Die deutsche Prüferzunft geht deshalb auch keineswegs auf generellen Konfrontationskurs, sondern versucht nur, das Schlimmste vom eigenen Berufsstand abzuwenden. „Manche Ideen würden die Qualität mindern“, sagt Klaus-Peter Naumann diplomatisch, der Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). Einige Vorschläge treffen die Prüfergilde ins Mark: Eine staatliche Vergabe von Prüfungsmandaten, eine Zwangsrotation und die Festsetzung der Honorare durch eine Regulierungsbehörde gehören dazu. Ebenso eine Pflicht für große Prüferkonzerne, vorsorglich ein Testament zu errichten. „Dabei ist anerkannt, dass gerade nach einem Prüferwechsel die Gefahr von Fehlurteilen deutlich erhöht ist“, wendet Naumann ein. Weitere Diskussionspunkte: Die Bilanzkontrolleure sollen sich nicht nur auf „vergangenheitsorientierte Informationen“ stützen, sondern stärker in die Zukunft blicken. Zudem sieht Barnier deren Unabhängigkeit gerade dadurch gefährdet, dass sie immer häufiger - und umso profitabler - jene Unternehmen, die sie überwachen sollen, zugleich beraten. Solche Interessenkonflikte könnten womöglich, denkt Kommissar Barnier laut nach, durch Schaffung reiner Prüfungsgesellschaften gelöst werden. Das, so argumentieren die Wirtschaftsprüfer, würde ihnen den Aufbau von branchenspezifischer Expertise erschweren und sie für den Nachwuchs uninteressant machen.

Doch keineswegs alle Wirtschaftsprüfer sehen die Vorstöße aus Brüssel negativ. Gerade die mittelständischen Prüfungsgesellschaften können sich vorstellen, von einer staatlichen Vergabestelle für Prüfungsmandate mehr vom Kuchen abzubekommen als bisher. Würde aber eine staatliche Stelle die Prüfungsmandate verteilen und die Honorare vorschreiben, wäre das auch das Ende des freien Berufs Wirtschaftsprüfer. Es gäbe dann vielleicht noch mittelständische Prüfungsgesellschaften, aber sie wären Organe des Staates, die sich weder ihre Kunden aussuchen noch ihre Preise gestalten könnten. Man hätte das Oligopol entmachtet - und den Markt zerstört.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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