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Erfindung aus Deutschland : Ein Navi für Krebs-Operationen

So sieht Digitalisierung von Brainlab im OP-Saal aus. Bild: EPA

Der Unternehmensgründer Stefan Vilsmeier hat die Medizin revolutioniert. Gegenüber FAZ.NET erklärt er, wieso das mit Computern und Daten zusammenhängt. Und warum er die Deutsche Bank verachtet.

          Verjährt. Öfters benutzt Stefan Vilsmeier den Begriff und grinst. Wen stört es heute noch, dass er vor 30 Jahren die Frontblende eines Commodore Amiga abmontierte und durch einen selbstgemachten Aufsatz, versehen mit dem Markennamen Brainlab, ersetzte – um so die Hardware für seine ersten Produkte professionell an Kunden zu bringen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Wen interessiert es im Jahr 2017, dass Vilsmeier 450 Kilogramm Zusatzgepäck für lau bei der Lufthansa eincheckte, um das Material möglichst billig zu einer Jahrestagung für Neurochirurgie zu transportieren; bei der Fluggesellschaft deklarierte er es als Material für eine Studienarbeit. Da war das ohnehin nur 20 Tage währende Studentenleben schon Jahre vorbei. Und auf ebenjener Messe hat er sich mit seinem Kumpel und Kompagnon auf der Toilette versteckt, um nachts klammheimlich den Messestand aufzubauen. Der hätte nach den Vorschriften der Gewerkschaft eigentlich von teuren Arbeitskräften aufgebaut werden müssen.

          Ein Navi für Operationen

          Die Liste der Beispiele für Gerissenheit, intelligente Unverschämtheit, charmante Dreistigkeit, aber auch jugendlicher Naivität scheint länger zu sein. Ohne diese Mischung würde Stefan Vilsmeier heute mit seinem Unternehmen Brainlab AG nicht so erfolgreich dastehen, das immerhin 260 Millionen Euro Umsatz erzielt. Angespielt auf die abgewandelte Blende am Amiga, sagt er: „Das Risikoprofil war damals nun einmal ein anderes, ich habe es einfach nicht besser gewusst.“

          Das allein ist es nicht, warum er so früh ein Gespür für Digitalisierung und Vernetzung, für Gesundheit 4.0 entwickelte. Es ist die Kombination aus Cleverness, enormer Auffassungsgabe, Neugierde und der Fähigkeit, aufgenommenes komplexes Wissen in neue Kanäle zu leiten.

          Sogar Kanzlerin Angela Merkel versucht sich bei der Einweihung der Zentrale an der Technik von Brainlab, Gründer und CEO Vilsmeier im Hintergrund.

          Brainlab ist ein Anbieter von softwaregestützter Medizintechnik in der Neurochirurgie, Orthopädie und Onkologie. Sie wird in 4000 Krankenhäusern, in 750 von 1000 in der Welt führenden Krebszentren, in allen 36 deutschen Universitätskliniken eingesetzt. Mit den Geräten und der Software können Patienten schonender und erfolgversprechender behandelt werden.

          „Früher“, sagt Vilsmeier, „musste sich der Arzt vor der Operation die Röntgenaufnahmen am Lichtkasten genau anschauen und sich einprägen, um den Eingriff vornehmen zu können.“ Mit den Geräten von Brainlab, insbesondere der Software, werden Chirurgen wie mit einem Navigationssystem durch dreidimensionale anatomische Darstellungen in Echtzeit auf Bildschirmen im OP unterstützt.

          Kopieren und erneuern

          „Digitalisierung im Gesundheitswesen schien vor 30 Jahren eine absurde Idee“, sagt Vilsmeier. „Vor diesem Hintergrund habe ich das Unternehmen gegründet.“ Es ging schon damals darum, die Fülle digitaler Daten aus der Kernspin- und Computertomographie auszuwerten. Besonders in der Neurochirurgie, Orthopädie und der Onkologie fallen riesige Datenmengen an.

          Ein Nerd ist der Autodidakt nicht, auch kein hyperintelligentes Genie, wie man im ersten Moment meinen mag. Mit einem Abi-Schnitt von 2,0 ist er gut gewesen in der Schule, aber nicht herausragend. Der schlechteste Software-Entwickler sei er gewesen, lacht Vilsmeier und beschreibt sich als „Copy-and-Paste-Typ“; jemand, der kopiert und weiterentwickelt.

          Angefangen hat alles mit dem Kauf eines Commodore C64; da war er 15 Jahre alt. Es ging um das legendäre Balken-Tennis. Computerspiele haben ihn aber nie interessiert. Es ging ihm, dem von Mathematik und Physik Begeisterten, darum, das in der Schule Gelernte besser umzusetzen: etwa Vektorgeometrie in hoher Auflösung darzustellen. So rüstete er seinen C64 mit angeeigneten Kenntnissen und Taschengeld auf, entwickelte an ihm Algorithmen.

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