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BP Rechnung könnte auf 70 Milliarden Dollar wachsen

13.07.2010 ·  BP drohen durch die Ölpest im Golf von Mexiko astronomisch hohe Schadenersatzforderungen. Dem viertgrößten Unternehmen der Welt könnte ein Ende auf Raten bevorstehen: Der Ausverkauf seiner wertvollsten Beteiligungen.

Von Marcus Theurer, London
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Die Börse feiert schon: Frühestens in einigen Wochen wird klar sein, ob es dem britischen Ölkonzern BP gelingt, das fatale Ölleck im Golf von Mexiko dauerhaft zu verschließen. Doch der Aktienkurs des Energieunternehmens, der sich in den vergangenen Monaten zeitweise mehr als halbiert hat, steigt und steigt. Seit Ende Juni hat das Papier um mehr als ein Drittel zugelegt – ein Wertzuwachs von mehr als 15 Milliarden Pfund (19 Milliarden Euro). Es ist ein schriller Cocktail aus Spekulationen und Hoffnungen, der den Börsenkurs beflügelt, gemixt aus Erwartungen auf ein baldiges Ende der Umweltkatastrophe, Übernahmegerüchten und einem möglichen Befreiungsschlag von BP durch Beteiligungsverkäufe.

Die Wetten am Finanzmarkt sind gewagt, denn tatsächliche stehen dem gemessen am Umsatz viertgrößten Unternehmen der Welt die dramatischsten Wochen seiner Geschichte erst noch bevor. In den vergangenen Tagen hat BP zwar eine neue Abdeckkappe über dem havarierten Bohrloch installiert, die den Ölfluss vorerst wirksam eindämmen soll, doch sie ist nur ein Provisorium. Erst durch die sogenannten Entlastungsbohrungen, die voraussichtlich im August fertiggestellt werden, kann das Leck endgültig mit Spezialzement verschlossen werden. „Die Chancen, dass das funktioniert, liegen bei deutlich über 90 Prozent“, sagt Geoffrey Maitland, Professor für Energietechnik am Imperial College in London. Aber eine Garantie für das Gelingen der schwierigen Operation 6000 Meter unter dem Meeresspiegel gibt es nicht.

Kann ein Konzern derart gigantische Belastungen überleben?

Auch im Erfolgsfall wäre damit der Überlebenskampf für BP noch lange nicht ausgestanden. Es sei „hochgradig ungewiss“, wie viel die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten den Ölriesen an Schadenersatz und Strafen am Ende kosten werde, warnt Michele della Vigna, Analyst bei der Investmentbank Goldman Sachs. Die Rechnung für BP könne aber schlimmstenfalls bis zu 70 Milliarden Dollar erreichen, schätzt der Branchenexperte – eine Zahl mit zehn Nullen, eine Summe größer als der komplette Börsenwert deutscher Industriewerte wie Daimler und Eon.

Kann ein Konzern derart gigantische Belastungen überleben? „BP ist ein finanzstarkes Unternehmen“ versichert stoisch Carl-Henric Svanberg, der Verwaltungsratschef des Konzerns, aber der britische Regierungschef David Cameron lässt angeblich bereits Notfallpläne für eine mögliche Pleite des wankenden Riesen aufstellen. Analysten halten ein solches Szenario freilich für sehr unwahrscheinlich, weil in den tausenden von Tochtergesellschaften und Beteiligungen von BP gewaltige Werte schlummern, die durch den Verkauf von Konzernteilen realisiert werden können.

Die Konkurrenten sollen schon wegen einer feindlichen Übernahme vorgefühlt haben

Der Kronjuwel von BP trägt den Namen „Thunder Horse“. Der Wert des BP-Anteils an diesem riesigen Ölfeld im Golf von Mexiko wird auf 22 Milliarden Dollar geschätzt. Die Investmentbank Goldman Sachs taxiert den Substanzwert (Net Asset Value) des gesamten Unternehmens auf knapp 250 Milliarden Dollar. Andere Branchenexperten nennen ähnlich hohe Summen, denn BP ist dank des wachsenden Energiehungers der Welt hoch profitabel. In den vergangenen drei Jahren hat das laufende Geschäft einen Mittelzufluss (Cash Flow) von 91 Milliarden Dollar und Nettogewinne von 60 Milliarden Dollar eingebracht.

Doch der Beteiligungsschatz auf dem BP sitzt ist seit dem fatalen Unfall im Golf von Mexiko gefährlich billig zu haben. Trotz der Kurserholung der letzten Wochen wird das Unternehmen immer noch mit lediglich 110 Milliarden Dollar bewertet – also mit weniger als der Hälfte des geschätzten Substanzwerts. Die Konkurrenten Exxon-Mobil und Chevron sollen schon bei der Regierung in Washington wegen einer feindlichen Übernahme von BP vorgefühlt haben. Analysten glauben allerdings, dass allenfalls Exxon-Mobil finanzstark genug wäre. Die Risiken wären zudem beträchtlich: von den ungewissen Kosten der Ölpest über kartellrechtliche Probleme bis zu den zu erwartenden Integrationsschwierigkeiten bei der Zusammenführung zweier so großer Unternehmen.

BP gebietet über ein Weltreich an Beteiligungen

BP-Chef Tony Hayward jettet derweil als Krisenmanager um die Welt. In Russland versuchte er, misstrauisch gewordene Partner zu beruhigen, im Nahen Osten bemühte er sich, Großinvestoren als Ankeraktionäre zu gewinnen. Das Golfemirat Abu Dhabi signalisierte am Dienstag Interesse. Parallel dazu beginnt BP mit der Geldbeschaffung: Eine Kapitalerhöhung schließt das Unternehmen wegen des niedrigen Aktienkurses zwar vorerst aus aber Hayward kürzt die Investitionen, streicht die Dividende und nimmt zusätzliche Kredite auf. Vor allem aber will der BP-Chef bis Mitte nächsten Jahres Tochtergesellschaften im Wert von 10 Milliarden Dollar zu Geld machen und es ist gut möglich, dass weitere Notverkäufe folgen.

BP gebietet heute über ein Weltreich an Beteiligungen. Was davon nach den geplanten Notverkäufen übrig bleiben wird, ist bisher kaum abschätzbar. Viel wird von der mittelfristigen Entwicklung des Ölpreises abhängen: Je höher dieser ist, umso mehr wirft das operative Geschäft von BP ab und umso weniger Tochtergesellschaften müssen voraussichtlich abgestoßen werden. Sollte die Weltwirtschaft dagegen zurück in eine Rezession rutschen und der Ölpreis deutlich fallen, wäre das fatal für BP.

Ein Rückzug aus Amerika wäre ein Ende auf Raten

Welche Beteiligungen zur Disposition stehen, ist bislang unklar. Spekuliert wird unter anderem darauf, dass sich der Konzern von seiner Sparte Pan America trennen wird, die Öl und Gas in Argentinien fördert. Das dürfte mehr als 9 Milliarden Dollar einbringen. Auch Ölfelder in Alaska könnten auf der Verkaufsliste stehen. Weniger lukrativ wäre dagegen die Veräußerung von Raffinerien und Tankstellenketten wie Aral. Dieses sogenannte Downstream-Geschäft ist margenschwach und leidet unter Überkapazitäten. Es hat 2009 nur rund 3 Prozent zum Vorsteuergewinn des Konzerns beigesteuert. Entsprechend bescheiden wären die zu erwartenden Verkaufspreise.

Ein schwerer Schlag wäre es für den britischen Riesen, wenn sich der Konzern aus den Vereinigten Staaten zurückziehen müsste, ob aus wirtschaftlicher Not oder auf politischen Druck des erbosten amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Das könnte schlimmstenfalls zu einem Ende auf Raten führen. Analysten schätzen, dass mehr als ein Drittel des Unternehmenswerts von BP in Amerika konzentriert ist.

In den Vereinigten Staaten und dort nicht zuletzt im Golf von Mexiko lagern rund 30 Prozent der gesamten globalen Öl- und Gasreserven des Konzerns. Das Land ist einer der wichtigsten Garanten für den Produktionsnachschub und damit das langfristige Überleben von BP. Das ist auch der Hauptgrund, warum sich die Spekulationen über eine rasche Ablösung von BP-Chef Hayward immer mehr verdichten. Der Brite hat mit seinen umstrittenen öffentlichen Äußerungen während der Ölkatastrophe in Amerika zu viel Wut auf sich gezogen. Wenn überhaupt, hat BP wohl nur mit einer neuen Führung eine Chance, das zerrüttete Verhältnis zur amerikanischen Regierung zu reparieren.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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