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Börsenfusion Koch: Die Börse ist zu weit gegangen

20.06.2006 ·  Hessen empört sich über das Angebot der Deutschen Börse für eine Fusion mit der Mehrländerbörse Euronext: Der Standort Frankfurt sei bedroht. Und auch die Umworbene gibt sich spröde.

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Das neue Angebot der Deutschen Börse für eine Fusion mit der Mehrländerbörse Euronext stößt auf scharfe Kritik der hessischen Landesregierung. Ministerpräsident Roland Koch sagte, die Bedeutung des Finanzplatzes Frankfurt werde mit dem neuen Konzept nicht mehr gewahrt. Die Deutsche Börse sei mit der vorgeschlagenen Abkehr vom Hauptsitz Frankfurt „eindeutig zu weit gegangen.“ Wie in einem Teil der gestrigen Ausgabe berichtet, hält die Deutsche Börse nicht mehr an Frankfurt als alleinigem Sitz der Hauptverwaltung fest. Vielmehr sollen die Zentralfunktionen und auch das Management der einzelnen Unternehmensbereiche auf Frankfurt, Paris und Amsterdam aufgeteilt werden.

Nach den Worten Kochs kann die Landesregierung nun nicht mehr auf politische Unterstützung zählen. Zugegebenermaßen habe die Regierung aber keinen unmittelbaren Einfluß auf den Vorgang. Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel ergänzte jedoch, das Land könne sich durchaus gegen die Transaktion stellen. Auf die Frage, ob eine Blockade möglich sei, sagte er: „Im Extremfall, ja.“ Rhiel hob damit wohl darauf ab, daß die im Hessischen Wirtschaftsministerium angesiedelte Börsenaufsicht der Deutschen Börse die Lizenz zum Börsenbetrieb entziehen könnte. Vor vier Jahren hatte der Bundestag nach der gescheiterten Fusion von Deutscher und Londoner Börse auf Drängen der Bundesländer in das Börsengesetz eine „Betriebspflicht“ eingeführt.

Auf die Vorgänge Einfluß nehmen

Im Gegenzug erhält der private Träger einer Börse die Erlaubnis, einen Markt für Wertpapiere zu organisieren. Aufgenommen wurde ferner das Verbot, den Handel oder die Aufsicht darüber durch eine Auslagerung „wesentlicher Funktionen und Tätigkeiten“ zu „beeinträchtigen“. Ein Hebel, auf die Vorgänge Einfluß zu nehmen, wäre aber auch der Börsenrat, das Aufsichtsorgan der öffentlich-rechtlichen Frankfurter Wertpapierbörse, deren Betreiber die Deutsche Börse ist. Der Börsenrat müßte beispielsweise die von der Deutschen Börse vorgeschlagene Abschaffung des Handelssystems Xetra billigen. Es soll nach dem Fusionskonzept durch das NSC-System von Euronext ersetzt werden.

Der neue Fusionsvorschlag der Deutschen Börse, hinter dem als treibende Kraft Aufsichtsratschef angeblich Kurt Viermetz steht, ist darauf abgestellt, die starke föderale Struktur von Euronext auf die neue Börsenorganisation zu übertragen. Der Aktienhandel der neuen Börsenorganisation, die auch einen neuen Namen bekäme, wäre in Paris angesiedelt. Der Derivatehandel würde aus Frankfurt und London heraus gesteuert, die Informationstechnologie aus Frankfurt und Paris. Der rechtliche Unternehmenssitz wäre, wie schon bei Euronext, in Amsterdam angesiedelt. Für Amsterdam wäre auch das Generalsekretariat vorgesehen, während Risikomanagement und Compliance in Paris zuhause wären. Den Vorstandsvorsitzenden würde die Deutsche Börse stellen, den Aufsichtsratsvorsitzenden Euronext. Diese Konstruktion macht es unwahrscheinlich, daß Euronext-Chef Jean-Francois Theodore für den Fall einer Fusion an Bord bleiben würde. Er gilt ohnehin als strenger Befürworter einer Fusion mit der New York Stock Exchange (Nyse).

„Nachbesserungen nur kosmetischer Natur“

Es überrascht daher auch nicht, daß Euronext auch den neuen Vorstoß der Deutschen Börse ablehnt. Offiziell war am Dienstag zwar kein Kommentar zu erhalten, doch im Umfeld des Unternehmens hieß es, die jüngste Offerte aus Frankfurt enthalte „nichts substantiell Neues“. „Wir sehen nichts, was uns von unserem hervorragenden Fusionsplan mit der Nyse abbringen sollte“, verlautete aus Kreisen der Börse. Die versprochene Aufwertung anderer Standorte als Frankfurt sei von der Deutschen Börse nicht detailliert genug festgelegt worden. „Die Nachbesserungen sind nur kosmetischer Natur“.

Mit Blick auf die technologischen Fragen wird zur Kenntnis genommen, daß die Deutsche Börse im Aktienhandel bereit ist, ihr elektronisches Xetra-System durch die Euronext-Plattform NSC zu ersetzen und in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem französischen Plattformbetreiber Atos zu arbeiten. Doch reicht dies Euronext nicht. Euronext sei nicht bereit, zusätzlich ihre Terminhandelsplattform Liffe-Connect zugunsten der von Eurex aufzugeben. „Wir glauben, daß Liffe-Connect das bessere System ist. Der Kundenzuspruch beweist dies“. Zudem halte die Deutsche Börse weiter an ihrer „Silo“-Struktur fest, die Handel, Abwicklung und Abrechnung unter ein Dach stellt. Dies sei nicht akzeptabel. Nach ausführlichen Verhandlungen mit der Nyse und mit der Deutschen Börse habe sich Euronext für New York entschieden. Auch das politische Sperrfeuer aus Paris und anderen Städten ändere daran nichts. Einen Termin für die Hauptversammlung von Euronext, auf der die Aktionäre die Transaktion genehmigen müssen, gibt es noch nicht.

Engagement ist ein Signal

Eine kleine Erfolgsmeldung gab es aber am Dienstag für die Deutsche Börse: Die Commerzbank ist mit einer Beteiligung von etwas mehr als einem Prozent in den Aktionärskreis der Börse zurückgekehrt. „Wir verfolgen die Gespräche der beiden Börsen mit großer Aufmerksamkeit und hoffen, daß die Chance zur Schaffung einer starken europäischen Börsenplattform nicht vertan wird“, sagte Klaus-Peter Müller, der Vorstandssprecher der Commerzbank. Das Engagement ist ein Signal, daß die deutschen Banken bei der Börsenkonsolidierung mitreden wollen. Bei Euronext haben mehrere französische Banken schon vor einigen Monaten ihre Anteile von rund 11 Prozent in einem Pool zusammengefaßt, um ihre Interessen zu bündeln.

Quelle: dri./chs./jja., F.A.Z., 21.06.2006, Nr. 141 / Seite 11
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