Als der europäische Flugzeugbauer Airbus im Januar 2005 in Toulouse den A380 in einer feierlichen Zeremonie vorstellte, war die Welt noch in Ordnung. Es war ein stolzer Moment, denn Airbus präsentierte einen Meilenstein in der zivilen Luftfahrt: das größte Passagierflugzeug in der Welt. Mehrere tausend Gäste waren gekommen, darunter auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Freilich hielt die Partystimmung nicht sehr lange an. Schon ein paar Monate später tauchten Probleme in der Fertigung auf, und Airbus musste zugeben, dass sich die Auslieferung des Superjumbos verzögern wird. Daraus sollte schließlich eine ganze Pannenserie werden, die den Zeitplan immer weiter nach hinten schob und Airbus in eine schwere Krise stürzte. Der erste A380 wird nach jetziger Planung erst im Oktober dieses Jahres an die Fluggesellschaft Singapore Airlines ausgeliefert, fast zwei Jahre später als ursprünglich vorgesehen.
Pompöse Enthüllungszeremonie
Der große amerikanische Airbus-Rivale Boeing ist also gewarnt: Eine pompöse Enthüllungszeremonie macht noch lange kein betriebsfähiges Flugzeug. An diesem Sonntag wird Boeing versuchen, die Welt mit der Vorstellung eines neuen Modells zum Staunen zu bringen. Im Boeing-Werk in Everett nahe Seattle wird Vorstandschef Jim McNerney erstmals den 787 präsentieren - ein Flugzeug, das für das Unternehmen eine ebenso zentrale Bedeutung hat wie der A380 für Airbus.
Der 787-Jet, der auch den Spitznamen „Dreamliner“ trägt, ist bei Fluggesellschaften auf gute Resonanz gestoßen und hat maßgeblich zum Comeback von Boeing in den vergangenen Jahren beigetragen. Boeing hat gegenüber Airbus erheblich Punkte gutgemacht und die Europäer 2006 zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder bei der Zahl der Flugzeugbestellungen überholt. Der Aktienkurs hat innerhalb von zwei Jahren fast 50 Prozent an Wert gewonnen.
Als Benzinsparmodell konzipiert
Boeing hat den Bau des Dreamliner im Dezember 2003 beschlossen. Es war die erste völlig neue Flugzeugserie seit langer Zeit: Das jüngste Modell war zuvor der Langstreckenflieger 777, den Boeing 1990 auf den Weg gebracht hat und der 1995 erstmals ausgeliefert wurde. Zwei weitere zwischenzeitlich geplante Großprojekte hatte das Unternehmen wieder aufgegeben: den Sonic Cruiser, der fast Schallgeschwindigkeit fliegen sollte, sowie den 747X, der als Nachfolger des 747-Jumbos vorgesehen war. Der Dreamliner ist ein mittelgroßer Langstreckenflieger, der je nach Version zwischen 210 und 330 Menschen Platz bieten soll.
Er wurde vor allem als Benzinsparmodell konzipiert, das aus leichterem Material besteht und erheblich weniger Treibstoff verbraucht als vorherige Flugzeuggenerationen. Boeing ging beim Dreamliner außerdem so weit wie noch nie mit der Auslagerung von Produktionsprozessen. Ein großer Teil der Fertigung wurde an Zulieferer von Amerika über Italien bis Japan abgegeben, in Everett findet im Wesentlichen nur die Endmontage statt. Aus strategischer Sicht sollte der Dreamliner ein Kontrapunkt zum A380 von Airbus werden: Der Jumbo der Europäer steht für die Bündelung des Verkehrs auf große Drehkreuze wie Frankfurt oder New York, zu denen viele Menschen zuerst von kleineren Flughäfen aus anreisen. Dagegen setzt Boeing mit dem Dreamliner auf Direktflüge über längere Strecken auch zwischen kleineren Flughäfen.
Nicht vom Fleck weg ein Erfolg
Die Boeing 787 war nicht vom Fleck weg ein Erfolg: Boeing tat sich zunächst schwer, Käufer unter den Fluggesellschaften zu finden, und verfehlte seine selbstgesteckten Ziele bei den Bestellungen. Nach Anlaufschwierigkeiten belebte sich das Geschäft aber im Jahr 2005 deutlich, und seither schwillt das Auftragsvolumen stetig an. Heute gilt der Dreamliner als der erfolgreichste Start, den jemals ein Zivilflugzeug geschafft hat. Boeing hat mittlerweile 634 Festbestellungen und ist auf Jahre hinaus ausverkauft. Zu Listenpreisen, die je Maschine zwischen 146 Millionen und 200 Millionen Dollar liegen, haben diese Aufträge nach Angaben von Boeing ein Umsatzvolumen von fast 100 Milliarden Dollar. Der tatsächliche Wert dürfte aber um einiges niedriger sein, denn in der Branche sind hohe Rabatte üblich.
Auch bei Boeing verlief der Entwicklungsprozess nicht reibungslos. So kam es zu Verzögerungen im Zulieferkreis, und das Flugzeug ist zu schwer geraten. Im Mai 2008 soll die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways als Erste eine Boeing 787 bekommen. Das soll dann der insgesamt siebte produzierte Dreamliner sein, die ersten sechs sind Testmaschinen. Den Jungfernflug nimmt sich Boeing für den September dieses Jahres vor. Bei dem Premierenjet, der am Sonntag vorgestellt werden soll, hat sich Boeing sieben Wochen Zeit für die Endmontage gelassen. Bis zum Jahr 2010 will Boeing so weit sein, den Dreamliner innerhalb von drei Tagen fertigzustellen.
Airbus liegt vor Boeing
Obwohl Boeing und Airbus unterschiedliche Schwerpunkte in ihren Strategien setzen, versucht Airbus, dem Dreamliner direkt mit dem neuen A350 Paroli zu bieten. Den Bau des A350 hat Airbus bereits im Jahr 2004 beschlossen, es kam aber zu Verzögerungen, weil die potentiellen Kunden mit den ersten Konzepten unzufrieden waren. Airbus sah sich gezwungen, das Design mehrmals zu überarbeiten. Nach zunächst schwacher Resonanz konnte Airbus nun bei der Luftfahrtschau im französischen Le Bourget eine Reihe von Aufträgen für den A350 melden.
Für das Modell, das im Jahr 2013 ausgeliefert werden soll, liegen nun nach Airbus-Angaben 154 Festbestellungen und 100 Kaufzusagen vor. Boeing dringt im Gegenzug in das A380-Revier vor und arbeitet an einer neuen Version des Typs 747 mit dem Namen 747-8. Boeing hat hier mittlerweile feste Bestellungen für 24 Passagierversionen und 63 für Frachter, außerdem 44 Zusagen. Airbus liegt mit dem A380 bei 173 Festbestellungen und 14 Zusagen.
Präsentation vor Zehntausenden
Boeing erwartet am Sonntag in Everett 15.000 Gäste, darunter Kunden, Medienvertreter und Mitarbeiter des Werks. Außerdem wurde das Football-Stadion in Seattle für Mitarbeiter und Boeing-Pensionäre angemietet, in dem 50.000 Menschen Platz finden und sich die Veranstaltung auf Großleinwand ansehen können.
Den 8. Juli hat das Unternehmen bewusst für die Feier ausgewählt: Die Zahlenfolge des Datums 7-8-7 steht nach amerikanischer Schreibweise, die den Monat nach vorne setzt, für den Namen des neuen Flugzeugs.
