Home
http://www.faz.net/-gqi-143wt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

BMW Arbeiter bestimmen jetzt die Manager-Löhne

24.10.2009 ·  Spitzengehälter werden künftig an den Lohn am Band gekoppelt. Das empfiehlt ein neues Gesetz. BMW macht den Anfang. Fair soll es zugehen, sagt der Vorstand. Nur: Was ist der gerechte Lohn für einen Spitzenmanager?

Von Georg Meck
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Noch nie hatte BMW den Ruf, ein Hort der Absahner zu sein. Da stand schon die Familie Quandt als knausriger Großaktionär vor. Wer als Automanager sein Gehalt maximieren wollte, der heuerte besser in Stuttgart an, egal ob in Untertürkheim oder in Zuffenhausen. Ein Wiedeking-Gehalt hätte den gesamten BMW-Vorstand auf Jahre genährt. Schon Jürgen Schrempp verdiente seinerzeit mehr als die BMW-Führung zusammen.

Sollte je ein Herr von BMW gehofft haben aufzuholen, sieht der sich nun getäuscht. Als erster Dax-30-Konzern koppelt BMW das Gehalt des Spitzenpersonals an die Löhne am Band. „Wir stellen sicher, dass sich die Schere nicht weiter öffnet“, sagt Personalvorstand Harald Krüger (BMW-Personalvorstand: „Unsere Leute brauchen keine Karotte“).

In der Fabrik werden grob gerechnet 40.000 Euro im Jahr bezahlt, der einfache Vorstand erhält rund eine Million Euro. Die Relation zwischen oben und unten soll stabil bleiben. Fair soll es zugehen, sagt der BMW-Vorstand. Nur: Was ist der gerechte Lohn für einen Spitzenmanager? Leistet BMW-Chef Norbert Reithofer 38-mal so viel der gewöhnliche BMW-Angestellte? Und ist die Arbeit von VW-Chef Martin Winterkorn 162-mal so viel Wert wie die des durchschnittlichen VW-Werkers?

Nichts taugt besser dazu, die Vergütung von Managern zu skandalisieren, als die „CEO-to-worker-pay-ratio“. Das ist das Verhältnis zwischen Top-Gehalt und dem Lohn des einfachen Arbeiters. Von links außen bis tief ins konservative Lager wogt die Empörung über die zunehmende Spreizung der Einkommen. „Da ist etwas aus der Balance geraten.“

Bankchefs kassierten das 1000fache ihrer Angestellten

In Amerika haben Bank-Chefs das 1000fache ihres durchschnittlichen Angestellten kassiert und mussten hinterher mit Steuergeld rausgehauen werden. Vor einer Generation hat ein Vorstandschef in Amerika das 30- bis 40fache des Arbeiters verdient. Im New-Economy-Boom stieg der Wert auf über 500, jetzt liegt er bei 319, im Finanzsektor deutlich darüber. Das amerikanische Volk zürnt. Präsident Barack Obama greift zur Brechstange: Die Grundgehälter von Managern, deren Unternehmen dank Staatshilfe überleben, werden um 90 Prozent gekürzt. Die amerikanische Notenbank beansprucht für sich die umfassende Kontrolle über die Spitzengehälter in den größten Banken des Landes. Verglichen mit den amerikanischen Verhältnissen, nimmt sich die Spreizung der Löhne hierzulande bescheiden aus. Im Durchschnitt verdient der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns 80-mal so viel wie sein Angestellter; Wolfgang Reitzle von Linde liegt mit dem Faktor von 219 an der Spitze, ganz hinten krebst Martin Blessing, Commerzbank-Chef von Staates Gnaden.

Wahr ist, dass die Vorstandsgehälter in Deutschland in den neunziger Jahren massiv zugelegt haben. Richtig ist aber auch, dass die Gehaltsunterschiede verglichen mit anderen Industriestaaten immer noch gering sind. Das sagt Stefan Liebig, ein an der Universität Bielefeld lehrender Ungleichheitsforscher.

Ungerechtigkeitsempfinden nimmt ab

Trotzdem finden viele das Gehaltsgefüge unfair, gerade Angehörige der Mittelschicht. „Mit höherer Bildung steigt die Wahrscheinlichkeit, sich selbst als ungerecht entlohnt zu bezeichnen“, sagt Professor Liebig. Nachdem sich dieses Gefühl in den vergangenen Jahren verstärkt hat, berichtet der Forscher von erstaunlichen Ergebnissen der jüngsten Umfrage: Das subjektive Ungerechtigkeitsempfinden hat 2009 abgenommen. „Floriert die Wirtschaft, fordern die Menschen einen höheren Anteil am Zugewinn. Geht es schlecht, sind sie zufrieden, den Arbeitsplatz zu behalten.“ Etwa jeder Dritte fühlt sich demnach heute ungerecht bezahlt (im Osten 50 Prozent, im Westen 31 Prozent).

Superstars wie Bill Gates oder Steve Jobs wird ihr Gehalt gegönnt, der Rest der Zunft hat es im öffentlichen Urteil schwer. Hartgesottene Manager-Kritiker wollen sogar den Eigentümern gesetzlich vorschreiben, wie hoch sie ihr Spitzenpersonal entlohnen dürfen. Der Zugriff der Eigner auf das Unternehmen müsse gelockert werden, fordert der St. Gallener Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann allen Ernstes.

Die Marktwirtschaft sieht solche Eingriffe nicht vor, Angebot und Nachfrage regeln auch den Preis für Spitzenmanager. „Und wenn die Vorstände immer schneller gefeuert werden, muss das mit einem höheren Gehalt aufgewogen werden“, sagt der Hamburger Wirtschaftsjurist Michael Adams. Entscheidend sei die Kompetenz der Aufsichtsräte: „Die müssen erkennen, welcher Manager sein Geld wert ist und welcher nicht.“

Spornt Geld an?

Bewaffnet mit Studien, streiten die Gelehrten, ob Geld die Geschäftsführer anspornt oder von einem bestimmten Betrag an nur noch deren dunkelste Instinkte weckt. „Manager, die durch finanzielle Anreize gesteuert werden, lassen sich Professionalität und Integrität abkaufen“, sagt Thielemann kategorisch.

Als Beleg für die Verwerflichkeit monetärer Anreize wird gerne die Geschichte vom kleinen Jungen mit dem Rasenmäher erzählt: Ein Sohn mäht abwechselnd mit dem Vater den Rasen, ohne dafür Geld zu sehen. Belohnt ihn die Mutter einmal mit fünf Euro, lässt schlagartig sein Einsatz nach: Er mäht nur noch gegen Bezahlung. Und wenn der Nachbar auch nur einen Euro mehr bietet, pflegt er dort den Garten.

So weit die Anekdote, übertragen auf die Industrie, formuliert BMW-Vorstand Krüger sie nicht viel anders: Er mag keine Typen, denen man ständig eine Karotte vor die Nase halten muss, damit sie sich bewegen. Weit wichtiger als der finanzielle Anreiz sei die intrinsische, also selbstgesetzte Motivation, sagt BMW und provoziert damit den Widerspruch der Empiriker. Schnödes Geld sei das wirksamste Mittel, um Manager zu Höchstleistungen zu treiben, sagt Jens Massmann, Vergütungsexperte bei Ernst & Young, der etliche Dax-Konzerne berät. Intrinsischer Antrieb schön und gut, „aber alle empirischen Studien beweisen: Unternehmen mit variabler Vergütung haben eine bessere finanzielle Performance.“ Wie hoch die Belohnung sein darf, regelt in Deutschland seit dem Sommer ein Gesetz „zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung“ (Bremse für Vorstandsgehälter). Was aber heißt angemessen? Hier kommt wieder die Spreizung zwischen Chef und Angestelltem ins Spiel, die neuerdings in der Vergütung zu beachten ist – insofern dürfte das Beispiel BMW Nachahmer finden.

Unternehmen droht „ein ein tödlicher Cocktail“

Ob das den Unternehmen guttut, ist eine andere Frage. „Das Gesetz setzt die falschen Anreize: Ein Vorstand wird dann belohnt, wenn er möglichst teure Leute einstellt“, sagt Vergütungsberater Massmann. Umgekehrt gilt künftig tendenziell derjenige Manager als besonders gierig, der einen hohen Anteil an Niedriglöhnern beschäftigt – Handels- oder Krankenhauskonzerne etwa. Denn da ist der Abstand zwischen oben und unten besonders groß. Agieren diese Vorstandschefs egoistisch rational, sorgen sie dafür, dass die Löhne steigen: Sie ermuntern die Gewerkschaften zu höheren Gehältern oder lassen Harvard-Absolventen die Regale auffüllen. Dann darf auch der Chef wieder mehr verdienen. „Für das Unternehmen ensteht so ein tödlicher Cocktail“, warnt der Hamburger Professor Adams.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Logisches Ende

Von Susanne Preuß

Die Schlecker-Filialen werden geschlossen, die Mitarbeiter stehen auf der Straße. Eine bittere Nachricht für die Beschäftigten. Aber es gibt auch ein gutes Fazit aus dem Ende der Drogeriekette. Mehr 10 32

01.06.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.050,29 −3,42%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.319,85 −3,26%
Dow Jones 12.118,60 −2,22%
EUR/USD 1,2433 +0,58%
Rohöl Brent Crude 98,82 $ −2,76%
Gold 1.606,00 $ +3,08%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.