Home
http://www.faz.net/-gqi-x2ed
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Biotechnologie Viel Forschung und wenig Erfolg

18.04.2008 ·  In der Pharmaindustrie wird die Biotechnologie immer wichtiger. Deutsche Unternehmen fassen jedoch nur sehr schwer Fuß, obwohl rund 500 Firmen hierzulande forschen. Nun drohen auch noch steuerliche Nachteile.

Von Michael Psotta und Stephan Finsterbusch
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Den großen Pharmakonzernen fällt es immer schwerer, neue Medikamente erfolgreich auf den Markt zu bringen - sei es wegen der komplizierten Zulassungsbedingungen, der hohen Hürden in der Forschung oder des Drucks der Gesundheitspolitik auf die Arzneimittelpreise. Das ist eine ungünstige Entwicklung für die klassische Pharmaindustrie. Aufgrund des zeitlich begrenzten Patentschutzes ist sie dringend auf Nachfolger für ihre aktuellen Kassenschlager angewiesen.

Die Biotechnologie wittert ihre Chance: Sofern die Firmen an aussichtsreichen Medikamenten forschen, sind sie attraktiv. Das zeigt sich an den hohen Preisen, die für erforschte biotechnische Arzneimittel oder für gesamte Biotech-Unternehmen bezahlt werden. Zuletzt hat der japanische Pharmakonzern Takeda 5 Milliarden Euro für die amerikanische Biotech-Gesellschaft Millennium bezahlt, die ein Produkt vermarktet, aber eine vielversprechende Forschung hat. Der Erfolg der Schweizer Roche-Gruppe gründet wesentlich auf dem Mehrheitsbesitz am amerikanischen Biotechnologiekonzern Genentech, der an der Börse mit rund 50 Milliarden Euro bewertet wird. Die Darmstädter Merck KGaA versucht gerade, mit dem für 13 Milliarden Euro erworbenen schweizerischen Biotechnologieunternehmen Serono am Pharmamarkt durchzustarten.

Klinische Tests sind längst kein Erfolgsgarant

Doch wo bleiben die deutschen Biotechnologieunternehmen? Immerhin forschen seit vielen Jahren rund 500 Firmen mit regionalen Schwerpunkten in Martinsried bei München oder rund um Heidelberg. Davon arbeiten 82 Unternehmen an Produkten, die übrigen sind im Dienstleistungs- und Zulieferbereich tätig. Die gesamte Branche setzt im Jahr etwa 1 Milliarde Euro um. Die dabei verbuchten Verluste belaufen sich auf 600 Millionen Euro.

Große Investoren sind neben ausländischen Wagniskapitalgebern vor allem Dietmar Hopp, Mitgründer des Softwarehauses SAP, sowie die Familie Strüngmann, die Gründer des an Novartis verkauften Pharmaunternehmens Hexal. Sie prophezeien der Biotechnologie eine ähnliche Entwicklung, wie sie die Computer- und Informationstechnologie seit den siebziger Jahren genommen hat. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Noch hat kein Produkt aus deutschem Labor den Schritt auf den Weltmarkt geschafft. Zwar befinden sich immer mehr Medikamente im zweiten oder sogar dritten Stadium, also in fortgeschrittenen klinischen Tests. Doch das ist noch längst kein Erfolgsgarant.

Das musste die Aachener Biotech-Gesellschaft Paion erfahren, die 2007 mit einem Medikament gegen Schlaganfall kurz vor der Zulassung scheiterte und zwei Drittel ihres Börsenwertes verlor. Ähnlich erging es GPC Biotech. Deren Krebsmittel Satraplatin wurde überraschend die vorzeitige Marktzulassung in den Vereinigten Staaten verweigert - mit fatalen Folgen für den Aktienkurs. Wie Paion und GPC Biotech kämpfen viele Firmen in Deutschland stärker mit den Risiken, als dass sie schon Erfolge feiern könnten. Stimmen aus der Branche lassen befürchten, dass der deutschen Biotechnologie nun auch von anderer Seite Schwierigkeiten drohen: Denn sie zählt sich zu den Verlierern der Unternehmensteuerreform.

„Eine Reform zugunsten gut verdienender Unternehmen“

„Was wir brauchen, sind investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen“, sagte Jan Schmidt-Brand, Vorstandsvorsitzender der Heidelberg Pharma AG. „Die jüngste Reform der Unternehmensteuer war eine Reform zugunsten gut verdienender Unternehmen.“ Für eine Branche wie die Biotechnologie, die mit viel Kapital vorfinanziert werden müsse, bis sie erste Ergebnisse liefere, sei das Gesetzespaket ein Nachteil. Pablo Serrano vom Branchenverband Bio Deutschland meint: „Bei Unternehmen der Biotechnologie sind zehnjährige Entwicklungsphasen bis zur Marktreife eines Produktes und damit verbundene Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe die Regel“. Daher dürften Börsengänge oder Übernahmen von Anteilen an diesen Firmen durch neue Kapitalgeber auf keinen Fall zu einer Beschneidung steuerlicher Verlustvorträge führen. „So sehen wir uns im Wettbewerb mit Konkurrenten in Amerika oder Großbritannien im Hintertreffen“, erklärte er.

Dort werde die Forschung in der Branche über die Steuersysteme gefördert. Berlin lehnt das ab. „Die steuerliche Förderung ist auf Grund der hohen Breitenwirkung immer durch Mitnahmeeffekte gekennzeichnet, hinsichtlich ihrer finanziellen Auswirkungen schwer einzugrenzen und entzieht sich unter subventionspolitischen Aspekten eher der Kontrolle des Gesetzgebers“, erklärte Markus Tofote vom Finanzministerium.

Darüber hinaus können mit der Reform der Unternehmensbesteuerung in Deutschland steuermindernde Verluste einer Firma verlorengehen, wenn der neue Anteilseigner direkt die Mehrheit am Stammkapital des Unternehmens übernimmt. Das wird nicht nur von kleinen innovativen Firmen moniert, sondern auch von deren Kapitalgebern. Dörte Höppner vom Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften sagte, die Koalition in Berlin habe als Ausgleich zu Härten der Steuerreform einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt. Der aber hänge seit Oktober im Parlament und sei weit von internationalen Standards entfernt. So blicken die großen Pharmakonzerne auf ihrer Suche nach lukrativen Partnern und Produkten allzu leicht über die deutsche Biotechnologie hinweg.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.