12.05.2004 · Das erste Quartal 2004 war für die Aktien der börsennotierten Biotech-Unternehmen sowohl in Amerika als auch in Europa das beste seit einigen Jahren. Doch die Konsolidierungswelle wird kommen.
Von Carsten KnopDer deutschen Biotechnologiebranche geht es besser; das erste Quartal 2004 war für die Aktien der börsennotierten Biotech-Unternehmen sowohl in Amerika als auch in Europa das beste seit einigen Jahren. So hat sich der Nasdaq-Biotechnologieindex in den vergangenen sechs Monaten erheblich besser entwickelt als der Dow-Jones-Index (siehe Grafik).
Die schon seit geraumer Zeit erwartete Konsolidierungswelle, also das Verschwinden einer größeren Zahl von Biotech-Unternehmen, ist bisher nicht in Schwung gekommen. Doch wird sich diese Entwicklung mittelfristig nicht vermeiden lassen. So läßt sich, unmittelbar vor der Vorlage des neuen "Biotechnologie-Reports" des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young, die Stimmung unter den deutschen Biotech-Unternehmen und -Investoren zusammenfassen. Der Ernst&Young-Report hat sich zu dem Spiegelbild der Branche schlechthin entwickelt und wird am heutigen Mittwoch in Berlin vorgestellt.
"Zwei oder drei" Börsengänge
In der Branche gilt der Börsengang des Schweizer Unternehmens Basilea, der erste solche Schritt eines kontinentaleuropäischen Biotech-Unternehmens seit zwei Jahren, als Signal, daß sich nun auch in Europa die Finanzierungsbedingungen nach und nach wieder verbessern. Hanns-Peter Wiese, Partner beim Wagniskapitalgeber Global Lifescience Ventures (GLSV), geht davon aus, daß es in Europa in diesem Jahr insgesamt "zwei oder drei" Börsengänge aus der Biotech-Branche geben könnte. Hinzu kommen Fortschritte in der Produktpipeline. "Dennoch wird die lange erwartete Konsolidierungswelle wohl dieses Jahr kommen", sagt Wiese. Der Druck auf die Unternehmen werde zunehmen, sich nach Kooperationspartnern umzusehen.
Tatsächlich vollzieht sich diese Entwicklung schon, auch wenn dadurch die Zahl der deutschen Biotech-Unternehmen bisher nicht signifikant gesunken ist. Das zeigt ein Blick auf die wichtigste deutsche Biotech-Region München. Ein großer Teil der dort ansässigen Unternehmen ist durch Wagniskapital finanziert. Um diese derzeit sehr knappe Kapitalquelle auszugleichen, werden Kooperationen immer wichtiger. So haben die Münchner Biotechnologie-Unternehmen mehr als 250 Lizenzverträge und Entwicklungspartnerschaften mit anderen Biotechnologie- und Pharmaunternehmen geschlossen. Genauso viele Kooperationen gibt es mit Forschungseinrichtungen. Morphosys etwa arbeitet mit Pfizer und Boehringer Ingelheim zusammen, Micromet mit Medimmune und GPC mit Eli Lilly. Die Zahl der Unternehmen indessen reduzierte sich nur um zwei auf nun 98. Selbst in den Boomjahren gab es in München und Umgebung nur etwas mehr als 100 Unternehmen. Neuansiedlungen und Gründungen haben die Zahl der Insolvenzen nahezu ausgeglichen.
Zu viele kleine Unternehmen
Doch ist auch Horst Domdey, Vorstand der Münchener Bio-M AG, die als Service-, Beratungs- und Finanzierungsgesellschaft das Ziel verfolgt, die Entwicklung der Biotech-Region München zu einem der führenden Biotechnologiezentren Europas voranzutreiben, davon überzeugt, daß die wirtschaftliche Talsohle zwar erreicht, die Phase der Konsolidierung aber nicht abgeschlossen ist. "Über 300 kleine und mittlere Biotech-Unternehmen in Deutschland verkraftet die Branche auf Dauer nicht", glaubt Domdey. Nach seinen Schätzungen beträgt der Kapitalbedarf allein der Biotech-Unternehmen in der Region München für die kommenden drei Jahre zwischen 400 und 700 Millionen Euro. Viele Unternehmen seien auf Sparkurs gegangen, was sich entsprechend negativ auf die Zahl der Mitarbeiter ausgewirkt habe. Gründungen habe es zuletzt immer weniger gegeben.
Diese Entwicklung bestätigt Wiese von GLSV, einem Wagniskapitalgeber, der sich auf die sogenannte Life-Science-Branche spezialisiert hat. "Unsere Finanzierungen haben sich in die späteren Phasen der Entwicklung eines Unternehmens verschoben", sagt Wiese. Sogenannte Seed-Finanzierungen, also Gelder, die in der Gründungsphase eines Unternehmens fließen, habe man im zweiten GLSV-Fonds, dessen Mittel zur Zeit investiert werden, überhaupt noch nicht vergeben. "Der Einstieg zu einem späteren Zeitpunkt führt andererseits dazu, daß die Finanzierungsrunden heute ein höheres Volumen haben als früher", sagt Hans Küpper, ebenfalls ein Partner bei GLSV. Der Fonds GLSV II wurde im Jahr 2002 mit einem Volumen von 143 Millionen Euro geschlossen. Wie für die meisten Wagniskapitalgeber derzeit typisch, unterstützt GLSV seine Unternehmer nach einer Beteiligung bei strategischen Entscheidungen, Patentfragen, Finanzierungsvorhaben oder der Herstellung von Geschäftsverbindungen.
Amerika schon weiter
Damit folgt GLSV amerikanischen Vorbildern. Doch ist der Markt dort in anderer Hinsicht wohl schon wieder weiter als der deutsche oder europäische. So hat es in den Vereinigten Staaten im ersten Quartal 2004 acht Börsengänge aus der Biotech-Branche gegeben. Zudem hat der Life-Science-Sektor dort nach Angaben des Schweizer Biotech-Beteiligungsunternehmens BB Biotech im vergangenen Jahr mit einem Zufluß von 22 Prozent aller von Wagniskapitalgebern vergebenen Mittel das höchste Investitionsvolumen seit 1992 erzielt. Auch seien wieder erhebliche Beträge in neugegründete Unternehmen geflossen. "Investitionen in die Branche sind langfristig aussichtsreich", sagt Edwin van der Geest von der Schweizer Bellevue Asset Management AG, die die Investmententscheidungen für BB Biotech trifft: "Bis zum Jahr 2006 rechnen wir mit einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von 20 Prozent und einer Steigerung der Zahl der Patente um 15 Prozent."
Zu vermuten ist, daß die Unternehmen, die die Kapitalknappheit der vergangenen Jahre überstanden haben und die heute in der Lage sind, über Finanzierungsrunden frische Mittel zu bekommen, das Schlimmste hinter sich haben - vorausgesetzt, die Produkte, die nun in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium sind, enttäuschen letztlich nicht doch, was in der Pharmabranche jederzeit möglich ist. Jedenfalls hat es zum Beispiel das erst 1998 gegründete Regensburger Unternehmen Antisense Pharma jüngst geschafft, seine bereits dritte Finanzierungsrunde abzuschließen und dabei rund 16 Millionen Euro einzusammeln.
Antisense hat einen Wirkstoff in den Tests der Phase II, der gegen Hirntumoren eingesetzt werden kann. Das Unternehmen hat nahezu die gesamte Entwicklung in eigener Regie vorgenommen ("Regensburg ist in vielen Disziplinen führend und bietet einen guten Pool an Mitarbeitern") und konnte auf Partnerschaften bisher weitgehend verzichten. Daß das nicht immer so bleiben wird, weiß Antisense-Mitbegründer Reimar Schlingensiepen. "Doch solche Partnerschaften muß man zum richtigen Zeitpunkt eingehen, um günstige Bedingungen herausholen zu können, und nicht auf Teufel komm heraus", sagt Schlingensiepen, der damit einen weiteren Grund für die bisher nur zögernde Konsolidierung der Branche nennt.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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