24.01.2005 · Analysten sind überzeugt: Dem Börsengang von Paion werden ein halbes Dutzend anderer Gesellschaften in Deutschland folgen.
Von Carsten KnopPaion soll ein Eisbrecher werden. Denn dem Börsengang des Aachener Biotechnologieunternehmens wollen, wenn sich die Bedingungen für solche Transaktionen nicht wieder verschlechtern, 2005 noch bis zu fünf weitere Unternehmen der Branche folgen. Dieser Meinung ist Helmut Schühsler, Managing Partner beim Münchener Wagniskapitalgeber Techno Venture Management (TVM).
Zu dem Kreis wird ganz offensichtlich auch die Berliner Jerini AG gehören, an der die TVM beteiligt ist. Denn: "Jerini braucht sich selbst hinter größeren amerikanischen Unternehmen nicht zu verstecken", ist Schühsler überzeugt. Diejenigen, die glaubten, das Fenster für Börsengänge in der Biotechnologie sei noch nicht offen, irrten. Der Börsengang von Epigenomics im vergangenen Jahr sei zwar "nicht berauschend" gewesen. Doch habe es das Unternehmen immerhin auf das Parkett geschafft. Anderen, etwa Medigene oder GPC Biotech, seien wichtige Kapitalmaßnahmen gelungen. Das Interesse der Investoren sei da. "Und die Bewertungen der Gesellschaften, die an die Börse gehen, werden mit 150 bis 200 Millionen Euro attraktiv sein."
Entwicklung von Medikamentenwirkstoffen
Bekannt ist, daß Jerini die Deutsche Bank damit beauftragt hat, Möglichkeiten für einen Börsengang zu sondieren. Die von Schühsler genannte Bewertungsspanne gilt auch mit Blick auf Jerini wahrscheinlich. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung von Medikamentenwirkstoffen auf der Basis von Peptiden spezialisiert.
Der am weitesten entwickelte Wirkstoff des Unternehmens ist Icatibant, der sich zur Behandlung des sogenannten vererbten Angio-Ödems in den Vereinigten Staaten und Kanada in zulassungsrelevanten klinischen Studien der Phase III befindet. Die Erkrankung verursacht plötzliche Schwellungen der Hände und Füße. Die Zulassung des Medikaments ist in den Jahren 2006/2007 geplant. Jerini beschäftigt rund 90 Mitarbeiter und hat bisher 55 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Zu den weiteren Investoren gehören 3i und Health Cap aus Schweden.
Für Investoren und Privatanleger geeignet
Attraktiv seien Börsengänge der Biotechbranche zum einen für institutionelle Investoren, doch sollten auch Privatanleger vor den Papieren nach der Meinung von Schühsler nicht grundsätzlich zurückschrecken. Das gelte zumindest für Privatanleger, die über ein breit diversifiziertes Portfolio verfügten und einen langen Anlagehorizont hätten, sagt Schühsler.
Doch auch jenseits der anstehenden Börsengänge befinde sich die Branche in einer betriebsamen Phase, da bei den Unternehmen, denen nun langsam das Geld ausgehe, die Zeit für eine Neuordnung gekommen sei. "In diesem Jahr kommt die lange angekündigte Konsolidierung der Branche", hatte schon zu Jahresbeginn Wolfgang Kazmierowski angekündigt, Geschäftsführer bei Freyberg Close Brothers, einem Corporate-Finance-Beratungshaus, das seinen Kunden unter anderem beim Kauf und Verkauf von Unternehmen behilflich ist. "Die Zeit des internen Optimierens ist aber vorbei", sagt auch Schühsler.
Mitarbeiter in Amerika teurer
Jetzt sei es möglich, zu niedrigen Preisen an interessante Forschungsansätze und hochqualifizierte Mitarbeiter zu kommen. Diese Chance sollten die etablierten deutschen Unternehmen wie Medigene, Morphosys, GPC Biotech oder Evotec nutzen. Bei TVM gehe man auch davon aus, daß die meisten Transaktionen innerhalb Deutschlands abgewickelt würden - und ist damit in dieser Hinsicht anderer Meinung als Kazmierowski, der einen Ausverkauf in die Vereinigten Staaten befürchtet.
"Die Amerikaner sind aber nicht schnell genug, das machen die Deutschen unter sich aus", glaubt Schühsler. Das Umfeld sei in Deutschland gar nicht so schlecht, sagt auch Oliver Schacht, Finanzvorstand bei der Berliner Epigenomics: "In der Biotechbranche ist Deutschland ein Billiglohnland." Die Mitarbeiter in Amerika seien rund 30 Prozent teurer, und Schwierigkeiten, in Berlin qualifizierte Leute zu finden, gebe es auch nicht. Über die Lohnnebenkosten müsse er ebenfalls nicht klagen. Der einzige Unterschied: "Hier ist vieles gesetzlich vorgeschrieben, in Amerika freiwillig, eben vom Markt vorgegeben."
Biotech nicht ungefährlich
Daß mit den Unternehmen Xerion und Axima jüngst zwei prominente Vertreter der Münchener Biotech-Szene Insolvenzantrag gestellt hätten, bedeute zwar für die Finanziers einen weitgehenden Verlust ihres Engagements, sei aber für die Branche nicht grundsätzlich negativ, sagt Schühsler. Tatsächlich gebe es genug Interessenten, die Technik und Mitarbeiter übernehmen wollten. Dabei müsse allerdings schnell gehandelt werden, da die Mitarbeiter in solchen Situationen schnell abwanderten.
Vor so einem Schicksal schützen auch prominente Namen im Gründer- und Investorenkreis nicht: Axima war vom Biowissenschaftler Axel Ullrich gegründet worden, hatte von TVM, HBM und Novartis 64 Millionen Euro eingesammelt und gehört mit rund 65 Mitarbeitern zu den größten privaten Biotechnologieunternehmen in Deutschland. Paion wird wahrscheinlich auch der erste Börsengang eines Biotechunternehmens in Europa in diesem Jahr. Als weitere Kandidaten gelten die britischen Unternehmen Ardana und Prostrakan, die österreichische Intercell und das Schweizer Unternehmen Speedel Pharma. In Deutschland werden noch Namen wie Micromet und Wilex genannt.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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