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Ehemaliger Ministerpräsident : Bilfinger-Chef Roland Koch wird abgelöst

  • Aktualisiert am

Roland Koch war von 1999 bis 2010 Ministerpräsident des Landes Hessen. Bild: dpa

Vor drei Jahren wechselte der frühere hessische Ministerpräsident an die Spitze des Baukonzerns Bilfinger. Nun ist Roland Kochs Karriere überraschend schon wieder zu Ende. Hinter den Kulissen gab es offensichtlich erheblichen Streit - und Zweifel an Kochs Fähigkeiten als Industrielenker.

          Roland Koch wird an der Spitze des Bau- und Dienstleistungskonzerns Bilfinger abgelöst. Der ehemalige hessische Ministerpräsident soll zum 8. August ausscheiden und vorübergehend durch den früheren Bilfinger-Boss Herbert Bodner ersetzt werden. Bodner werde vom 11. August dieses Jahres bis zum 31. Mai 2015 zum Vorstandsvorsitzenden bestellt.

          Koch habe dem Aufsichtsrat angeboten, zu einer einvernehmlichen Trennung zu kommen, teilte der Konzern mit. Das Gremium wiederum werde am 7. August entscheiden. Klar ist aber schon jetzt, dass es offenbar stark unterschiedliche Auffassungen zwischen Koch und  dem Aufsichtsrat gibt über den künftigen Kurs des Konzerns.

          Sie hängen zusammen mit der zweiten Gewinnwarnung in kurzer Zeit, die das Unternehmen parallel zum Führungswechsel herausgegeben hat: Bilfinger erwartet für das laufende Jahr nun ein verringertes Konzernergebnis zwischen 205 und 220 Millionen Euro. Erst am 30. Juni hatte das Unternehmen die Gewinnerwartung für das laufende Jahr senken müssen.

          Schwerwiegender Vorfall

          Dass ein Konzern zwei solche Warnungen binnen weniger Wochen herausgibt, ist ungewöhnlich und für einen Vorstandschef ein schwerwiegender Vorfall. Bei Bilfinger gehört zudem seit längerem der schwedische Investor Cevian zu den Miteignern. Er ist bekannt als Investor, der die Unternehmenspolitik oft aktiv mitbeeinflussen will – auch wenn er im Fall Bilfinger erklärte, die Investition diene nicht strategischen Zielen, sondern habe zum Zweck, Handelsgewinne zu erzielen. Das Aktienpaket umfasst inzwischen einen Anteil von etwa 20 Prozent. Ein Vertreter von Cevian ist in den Aufsichtsrat eingezogen.

          Aus Unternehmenskreisen verlautete am Abend, Cevian habe gleichwohl bei der Absetzung Kochs keine herausgehobene Rolle gespielt, der Investor sei nicht die alleinige treibende Kraft gewesen. „Dass hier Bereinigungsbedarf bestand, war nicht nur die Überzeugung eines Aktionärs“, hieß es. Kritiker Kochs monierten, der frühere Politiker habe viel versprochen und wenig gehalten. Zu fragen sei, ob er die Fähigkeiten mitgebracht habe, ein operatives Industriegeschäft zu leiten.

          Koch contra Aufsichtsrat

          Koch selbst sprach in der Pressemitteilung des Konzerns den Dissens mit dem Aufsichtsrat offen aus. „Für ein unverändert erfolgreiches Unternehmen wie Bilfinger ist Berechenbarkeit am Kapitalmarkt ein wichtiges Gut. Durch zwei kurz aufeinanderfolgende Gewinnwarnungen, für die ich als Vorstandsvorsitzender einstehe, ist dieses Vertrauen erschüttert“, ließ er sich zitieren.

          „Ich hoffe, mit meinem Angebot eine schnelle Normalisierung herbeiführen zu können“, so Koch. „Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil ich feststellen musste, dass wesentliche Teile des Aufsichtsrats und ich bei der Beurteilung der unmittelbaren nächsten notwendigen Maßnahmen nicht ausreichend übereinstimmen.“

          Der Nachfolger ist der Vorgänger

          Bilfinger-Aufsichtsratschef Bernhard Walter erklärte sich in der Mitteilung wie folgt: „Ich betrachte das von Roland Koch vorgeschlagene Vorgehen im Unternehmensinteresse als fair, es verdient meinen großen Respekt. Der Dank gilt ausdrücklich auch seiner Arbeit in den letzten drei Jahren.“ Die Integration zum Engineering- und Servicekonzern Bilfinger habe unter Roland Kochs Führung große Fortschritte gemacht. „Alle wesentlichen strategischen Entscheidungen, auch die großen organisatorischen Veränderungen im Rahmen des Excellence-Programms sind auf die geschlossene Zustimmung des Aufsichtsrates gestoßen.“ Daran werde festgehalten.

          Roland Koch war mehr als zehn Jahre lang Ministerpräsident des Landes Hessen. Im Juli 2011 wechselte er von der Politik in die Wirtschaft und übernahm des Vorstandsvorsitz bei Bilfinger. Seither brachte er mehrere Sparprogramme auf den Weg. Im Herbst des vergangenen Jahres kündigte das Unternehmen an, 1250 von weltweit insgesamt 9000 Stellen zu streichen - rund 800 davon waren in Deutschland angesiedelt. Ende Juli hatte der IG-Metall-Vorstand und bisherige Bilfinger-Aufsichtsrat Holger Timmer Koch gravierende Managementfehler vorgeworfen.

          Koch designierter Nachfolger Bodner ist zugleich sein Vorgänger. Der österreichische Bauingenieur stand von 1999 bis zum Amtsantritt Kochs an der Bilfinger-Spitze. Bodner baute das Unternehmen um, fuhr das konjunkturanfällige Baugeschäft zurück und erweiterte den Dienstleistungsbereich durch Zukäufe massiv.

          Bodner, der seine berufliche Karriere beim Stuttgarter Bauunternehmen Züblin begonnen hatte, erlebte allerdings auch Krisen. Als im Jahr 2009 das Kölner Stadtarchiv infolge eines U-Bahn-Baus einstürzte und zwei Menschen in den Tod riss, geriet Bilfinger (damals noch unter dem Namen Bilfinger Berger) in die Kritik. Pfuschvorwürfe machten die Runde. Erst als Bodner mit Schadenersatzklagen bei Verunglimpfungen drohte, kehrte Ruhe ein. Sein Privatleben schottet der Vater zweier Kinder und passionierte Segler ab.

          Quelle: FAZ.NET/ala., smo., AFP, dpa

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