11.09.2009 · Die Baukonzerne wollen vom klassischen Baugeschäft nichts mehr wissen. Das Zauberwort heißt „Infrastrukturanbieter“. Statt selbst komplett zu bauen planen, finanzieren und betreiben die Konzerne Flughäfen, Tunnel und Gefängnisse. Und kümmern sich um die Wartung.
Von Bernd FreytagJetzt hat auch noch Bilfinger Berger die Nase vom Bau gestrichen voll. Nach einer Serie von teuren Pannen bei Großbauprojekten kündigte der Mannheimer Bauriese in dieser Woche an, sein Baugeschäft erheblich zu reduzieren. Mit Dienstleistungen und Betreiberprojekten lässt sich mehr Geld verdienen, außerdem sind sie weniger riskant. Die Börse honorierte den Kurswechsel, obwohl der Konzern zuvor seine Gewinnerwartungen für das laufenden Jahr dämpfen musste: das spricht Bände.
Bilfinger ist kein Einzelfall, die meisten börsennotierten Großkonzerne verabschieden sich auf Druck ihrer Investoren langsam von ihrem angestammten, aber margenarmen Kerngeschäft. Die Börse mag keine Baurisiken, zumal keine entsprechenden Chancen gegenüberstehen. Wenn der Auftrag vorschriftsmäßig erledigt wird, dann fließt die vorher vereinbarte Summe, andernfalls wird es für den Konzern teuer. Daraus haben die Großen ihre Lehre gezogen: Die Unternehmen bauen nicht mehr, sie lassen bauen. Der führende deutsche Baukonzern Hochtief etwa ist mit seiner Tochtergesellschaft Turner größter Anbieter im amerikanischen Hochbau. Rund 8 Milliarden Dollar setzt der Konzern dort um, so viel wie kein anderer Konkurrent – und zwar ohne einen einzigen festangestellten Bauarbeiter.
Der deutsche Baumarkt spielt für die großen heimischen Konzerne schon heute kaum mehr eine Rolle. Bilfinger erwirtschaftet gerade noch rund 700 Millionen seiner knapp 11 Milliarden Euro Konzernerlöse mit dem deutschen Bau. Zudem ist das Geschäft kaum rentabel, in den beiden Vorjahren machte der Mannheimer Konzern sogar Verlust – obwohl 80 Prozent der Aufträge an Subunternehmen weitergegeben werden. Beim Branchenführer Hochtief sind die Relationen kaum anders: Von knapp 22 Milliarden Euro Konzernleistung entfallen noch 13 Prozent auf Deutschland, wie viel davon im reinen Baugeschäft erwirtschaftet, sagt der Vorstand schon gar nicht mehr. Es dürfte kaum ins Gewicht fallen, zumal Hochtief in Deutschland, anders als auf vielen seiner Auslandsmärkten, fast keine Autobahnen und Bahnwege mehr baut.
Ein Aderlass sondergleichen
Das Interesse der deutschen Baukonzerne am deutschen Baugeschäft ist in den Nachwehen der Wiedervereinigung verlorengegangen. Kurz nach der Wende hatte die Bundesregierung mit Sonderprogrammen die Baukonjunktur angekurbelt, nur um danach umso fester auf die Ausgabebremse zu treten. Die Folge waren: schneller Kapazitätsauf- und -abbau und ein horrender Preisdruck der verbliebenen Anbieter. Vor allem Mittelständler starben in diesem Auf und Ab einen leisen Tod. Zusammen mit dem Bauriesen Holzmann verschwanden allein im Jahr 2002 etwa 9200 Betriebe vom Markt, so viel wie nie zuvor in Deutschland. Anfang 2005 musste der zweite Großkonzern Walter Bau die Waffen strecken.
Von 1995, dem Scheitelpunkt der Wiedervereinigungseuphorie, bis heute ist der Umsatz im Bauhauptgewerbe um ein Viertel zurückgegangen, die Zahl der Beschäftigten halbierte sich glattweg auf rund 700.000 – ein Aderlass sondergleichen. Dabei ist Marktbereinigung ausgeblieben: Nach der Schließung größerer Betriebe führten häufig mehrere Kleinunternehmen Teile des insolventen Vorgängers fort. So kommt es, dass die Zahl der Unternehmen in einem stark geschrumpften Markt kaum zurückgegangen ist, etwa 75.000 Firmen aller Couleur gibt es im Bauhauptgewerbe noch in Deutschland. Atomisierung der Anbieterseite nennen das Fachleute. Mehr als 99 Prozent der Betriebe setzen im Jahr weniger als 10 Millionen Euro um. Die Kleinbetriebe unterbieten den Mittelstand, der Mittelstand unterbietet den zahlenmäßig noch immer starken großen Mittelstand und die Großkonzerne haben ihre Lehren daraus gezogen.
Mit bauen allein ist es nicht getan
Die fünf größten „deutschen“ Baukonzerne Hochtief, Bilfinger Berger, BAM (ein niederländisches Unternehmen, zu dem das Traditionsunternehmen Wayss & Freytag gehört), Strabag (Österreicher, die auch den Baukonzern Ed. Züblin kontrollieren) und die französische Vinci mit ihren deutschen Tochtergesellschaften Eurovia und SKI stehen für weniger als 10 Prozent der Umsätze im deutschen Bauhauptgewerbe. Das ist in anderen Teilen der Welt anders und für die Großen entsprechend lukrativer. Die vermeintlich baumüden Deutschen sind nicht nur größter Bauanbieter in Nordamerika: Hochtief und Bilfinger wären zusammen auch in Australien mit Abstand die Nummer 1.
Mit Bauen allein ist es aber auch dort schon lange nicht mehr getan. Das Geschäftsmodell entwickelt sich hin zum Infrastrukturanbieter: Die Großkonzern planen, finanzieren und betreiben Autobahnen, Flughäfen, Tunnel, Schulen, selbst Gefängnisse und sie kümmern sich um Wartung und Instandhaltung von Immobilien.
Um die Aufträge zu bekommen, genügt eine kleine flexible Bauabteilung, den Rest erledigt das große Heer der Subunternehmer.
Im deutschen Baugeschäft geben Mittelständler und Kleinbetriebe den Ton an. Mit 2,1 Millionen Beschäftigten einschließlich des Ausbaugewerbes, den Bauausstattern und Installationsbetrieben ist die Branche für die Beschäftigung in Deutschland noch immer von großer Bedeutung. Die Gewichte im Hochbau haben sich in der Krise vom Neubau hin zum Ausbau und zur Bestandspflege verschoben. Das ist ohnehin das Geschäft für Kleine. Und im Zweifel können sie weiter für die Großen arbeiten. Als Subunternehmer – die werden jetzt gebraucht.
Bernd Freytag Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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