19.03.2010 · Vom „digitalen Klassenzimmer“ ist derzeit viel die Rede. Doch die virtuelle Wirklichkeit in Deutschlands staatlichen Schulen sieht anders aus: Neun Schüler teilen sich einen Computer, meistens Standgeräte, die schon einige Jahre alt sind. Ob sich das ändert? Ein Besuch auf der Didacta-Bildungsmesse.
Von Lisa BeckerDie virtuelle Wirklichkeit in Deutschlands staatlichen Schulen sieht derzeit so aus: Neun Schüler teilen sich einen Computer. Es sind meistens Standgeräte, die schon einige Jahre alt sind. Laptops gibt es nur in wenigen Klassen. Oft stehen die Computer in Computerräumen; der Großteil der Schüler arbeitet vergleichsweise selten mit ihnen. Die Verfügbarkeit von Computern bedeutet ohnehin nicht, dass sie fruchtbar im Unterricht eingesetzt werden, wie viele Medienpädagogen beklagen. Das kann sich mit dem bevorstehenden Generationswechsel ändern, wenn mehr jüngere Lehrer in die Schulen drängen. Andererseits wird das Lehren mit digitalen Medien in der Lehrerausbildung immer noch nicht gelehrt. Weil außerdem nicht abzusehen ist, dass der Staat kräftig in die digitale Ausstattung der Schulen investieren wird, dauert es noch einige Jahre, bis Computer in vielen Schulen den Unterricht spürbar bereichern.
Die virtuelle Realität, die in dieser Woche auf Europas größter Bildungsmesse, der Didacta in Köln, zu besichtigen ist, hat mit dem Bild, das die Staatsschulen abgeben, freilich wenig zu tun. Ein großer Teil der Ausstellung ist, wie schon in den Jahren zuvor, dem digitalen Lernen gewidmet. In manchen Ländern hat die digitale Zukunft allerdings schon begonnen, wie am Stand von Smart Technologies zu erfahren ist. Das kanadische Unternehmen ist Weltmarktführer für elektronische interaktive Tafeln. Diese High-Tech-Geräte sollen nach dem Willen von Smart und anderer "Whiteboard"-Hersteller in den Schulen das Ende der Kreidezeit einläuten. Vor knapp zwanzig Jahren hat das Unternehmen seine erste elektronische Tafel verkauft; erfolgreich ist man bisher in Nordamerika, Mexiko und vor allem in Großbritannien gewesen, wo schon 60 Prozent der Klassenräume mit einem solchen Board ausgestattet sind. In Deutschland hingegen sind es nur knapp 5 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden auf der Welt von allen Herstellern fast 750 000 elektronische Tafeln verkauft; das waren 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Ob die Verkäufe in Deutschland stark steigen werden, vermag man bei Smart nicht vorauszusagen. Das Interesse sei groß, der Stand auf der Didacta wachse von Jahr zu Jahr und werde von immer mehr Pädagogen besucht, versichert eine Unternehmenssprecherin. Doch weiß auch sie um die knappen Kassen des Staates. Eine Tafel kostet zwischen 1700 und 3000 Euro. Will man das Board weitreichend einsetzen, dann muss jeder Schüler an einem Laptop arbeiten, der mit der elektronischen Tafel verbunden ist. Das bedeutete aber viele tausend Euro Investitionen für jeden Klassenraum.
Doch selbst wenn man das Board nur als Tafel benutze, biete es schon viele Möglichkeiten, sagt Thomas Reichwein, der Lehrer in der Anwendung der weißen Tafeln schult. Reichwein fegt mit seinem Finger, einem Stift und einer Art Schwamm über die Tafel. Mit dem Stift schreibt er Wörter auf den berührungsempfindlichen Bildschirm. Mit seiner Hand bewegt er die Wörter über die Tafel an jeden beliebigen Ort, über die Menüleiste verändert er Farbe und Schrift. So könne man viel differenziertere Tafelbilder erstellen als auf der Kreidetafel. Nahezu unbegrenzt seien die Möglichkeiten, wenn man das Board mit Schüler-PCs zusammenschalte, schwärmt Reichwein. Dann könne man sogar mit einer Partnerklasse in London an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten.
Wenn Schulen Smart Boards kauften, dann zunächst wenige. Doch dann folgten fast immer weitere Bestellungen, sagt Reichwein. "Die Lehrer merken dann, dass die Kinder das wollen." Auf den Willen und die Motivation der Kinder setzt auch Nintendo, der Hersteller von Computerspielen und Spielekonsolen. Während viele Eltern versuchen, die Zeiten zu begrenzen, in denen ihre Kinder mit dem Nintendo-Gerät spielen, sollen sie nach dem Willen des japanischen Unternehmens in der Schule mit Nintendo lernen. Um die Vorteile zu zeigen, hat das Unternehmen auch in Deutschland einen Pilotversuch gestartet: an der Hauptschule Plattling bei Deggendorf. Mathematiklehrer Ulrich Walter Stöger spielt privat keine Videospiele. Im Unterricht setzt er seit einiger Zeit jedoch zwölf Nintendo DS Lite ein. Die Geräte werden über Funk miteinander verbunden. Der Lehrer stellt eine Kopfrechenaufgabe, und die Schüler legen los. Alle könnten sehen, wer der Schnellste sei; die Schüler motiviere das sehr, sagt Stöger. Sie rechneten inzwischen viel schneller im Kopf, und der Notendurchschnitt der Klasse habe sich um eine Note verbessert.
Noch ist auf der Didacta aber mehr Gedrucktes als Digitales zu sehen. Auch die Bildungsmedien, mit denen im vergangenen Jahr ein Umsatz von 460 Millionen Euro erzielt wurde, sind meistens auf Papier gedruckt. Doch was passiert mit den Schulbuchverlagen, wenn immer mehr auf digitalen Wegen gelernt und gelehrt wird? Die Sprecherin des Klett Verlages, Dagny Ladé, gibt sich optimistisch: "Wir sind ein Verlag, keine Druckerei", sagt sie. "Wir machen Inhalte." Auf welchem Weg die Inhalte verbreitet werden, sei nicht wichtig.
Auf den digitalen Zug ist Klett genauso wie andere Verlage schon aufgesprungen. So setzt man auf die allmähliche Verbreitung der Whiteboards und bietet inzwischen Inhalte für die elektronischen Tafeln an, zum Beispiel interaktive Landkarten. Diese kann man mit der Hand in alle Richtungen bewegen, man kann sie größer und kleiner machen, man kann darauf zeichnen und Entfernungen zwischen zwei Orten sekundenschnell bestimmen, wenn man mit der Hand von einem Ort zum anderen fährt.
Außerdem wird heute jedem Arbeitsheft und jedem Buch Software beigelegt. "Wir wissen, dass wir kein gedrucktes Buch verkaufen, wenn wir nicht noch E-Learning-Produkte dazu anbieten"; sagt Ladé. Außerdem sei es inzwischen üblich, in Schulbüchern auf Inhalte im Netz zu verweisen. Am Ende eines Textes zu Shakespeare steht dann zum Beispiel ein Link auf eine Biographie des Schriftstellers in einer britischen Enzyklopädie. Oft seien die Texte im Netz wesentlich aktueller als die in den Schulbüchern, die nicht selten schon 15 Jahre alt seien, sagt Ladé.
Es gibt jedoch eine Entwicklung, welche die Schulbuchverlage nachdenklich werden lassen muss. Die Lehrer, die digitale Medien im Unterricht einsetzen, erstellen einen guten Teil ihres Unterrichtsmaterials selbst, zum Beispiel mit Hilfe des Internets. Doch Ladé gibt sich zuversichtlich. "Wir werden den Stoff so gut strukturieren, dass die Lehrer auf unsere Materialien zurückgreifen werden", glaubt sie. Das spare dem Lehrer außerdem viel Arbeit. Lisa Becker
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