20.01.2006 · Sie repräsentieren 120 Milliarden Euro Konzernumsatz und etwa 470.000 Mitarbeiter: Zwölf deutsche Familienkonzerne haben einen Verein gegründet, mit dem sie mehr Einfluß auf internationale Bilanzierungsrichtlinien nehmen wollen.
Zwölf führende deutsche Familienkonzerne wollen gemeinsam mehr Einfluß auf die internationalen Bilanzierungsrichtlinien - die International Financial Reporting Standards (IFRS) - nehmen. Sie fühlen sich bisher von dem International Accounting Standards Board (IASB) in London und seinen Standards nicht sachgerecht behandelt. Anlaß ist vor allem der Standard IAS32, der einen bilanziellen Verlust des Eigenkapitals zur Folge haben könnte.
Jetzt haben sich deshalb zwölf Familienunternehmen zur Gründung eines Vereins entschlossen, der den Namen "Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften" trägt. Der Vereinssitz ist in Weinheim/Bergstraße, dem Unternehmenssitz der Freudenberg&Co. KG. Peter Bettermann, Sprecher der Unternehmensleitung von Freudenberg, gilt als Initiator, der auch die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation der Standardsetzer aufwirft.
Aushöhlung erprobter Bilanzierungsgrundsätze
Die Vereinigung, die rund 120 Milliarden Euro Konzernumsatz und etwa 470.000 Mitarbeiter repräsentiert, befürchtet zudem, daß der deutsche Gesetzgeber sich an handelsrechtlichen Regelungen ausrichten könnte, wenn sie für ihn vorteilhafter sein könnten. Ein Beispiel dafür ist die Dauer der Abschreibungsfristen, die durch die internationalen Standards deutlich verlängert werden. Nicht alle diese Gründungsgesellschaften bilanzieren bisher nach IFRS oder sind kapitalmarktorientiert. Sie sehen aber durch die Anpassung des HGB an internationale Bilanzierungsstandards eine Aushöhlung erprobter Bilanzierungsgrundsätze. Andere namhafte familiengeführte Konzerne aus unterschiedlichsten Branchen haben ihre Mitwirkung zugesagt. Wie Frank Reuther, Leiter Rechnungswesen bei Freudenberg und Vorsitzender der Vereinigung, sagte, ist der Verein auch für alle interessierten Mittelstandsunternehmen und Personen offen. Deshalb gebe es gestaffelte Mitgliedsbeiträge, die sich an der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Mitglieds orientierten.
Rückhalt beim BDI
Im Vorfeld hat es Sondierungen mit dem IASB und den deutschen Standardsetzern gegeben, die die Initiative ebenso begrüßten wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), sagte Dieter Truxius, Mitglied der Geschäftsführung von Heraeus und Vorstandsmitglied der Vereinigung. "Wir haben die Chance, in den zuständigen Gremien mitzuwirken", faßte Truxius das Ergebnis der Sondierungen zusammen. Die Vereinigung will ein Sprachrohr für den deutschsprachigen Mittelstand in Bilanzierungsfragen werden, "da ein Unternehmen alleine nicht gehört wird", wie Truxius sagte. Er gestand zudem ein, daß es Versäumnisse in der Einflußnahme in der Vergangenheit gegeben habe. Doch "durch Standards ist etwas herausgekommen, was wir nicht akzeptieren können". Der kritisierte IAS 32 "ist der Todesstoß für die GmbH&Co. KG", ergänzte Reuther. In dieser Rechtsform existieren in Deutschland rund 130.570 Gesellschaften, die meist Mittelständler sind und die mit den 796.000 GmbH das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden.
Demnächst werden ein organisatorischer Unterbau und entsprechende Arbeitsgruppen gebildet, die vorrangig Stellungnahmen zu aktuellen Problemen der nationalen und internationalen Rechnungslegung verfassen. Weiter wird beabsichtigt, in den Gremien und Arbeitsgruppen der nationalen und internationalen Institutionen der Rechnungslegungsstandards mitzuarbeiten. Damit soll verhindert werden, daß die Belange von familiengeführten oder mittelständischen Unternehmen bei künftigen Bilanzierungsregeln untergehen.
Die Initiatoren
Die zwölf Gründungsmitglieder der Vereinigung sind:
Adolf Würth&Co. KG
Bertelsmann AG
Boehringer Ingelheim GmbH
B. Metzler seel. Sohn&Co. KGaA
Dr. August Oetker KG
Freudenberg&Co. KG
Georg von Holtzbrinck GmbH
Heraeus Holding GmbH
Franz Haniel&Cie. GmbH
Karlsberg Holding GmbH
Merck KGaA
Schwarz Beteiligungs- und Finanz-GmbH (Lidl)
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?
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