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Biebertaler Blutegelzucht Ausbrecherkönige mit therapeutischem Biss

20.11.2009 ·  Westeuropas größter Blutegel-Zuchtbetrieb steht in Biebertal bei Gießen und spürt keine Krise. Weil außer dem Umsatz auch die Belegschaft wächst, ist die Firma gerade geehrt worden. Nun wartet sie auf die Zulassung ihrer Tiere als Arzneimittel.

Von Thorsten Winter, Biebertal
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Sie sehen aus wie kleine Schlangen, doch schwimmen sie im Wasser eher wie Delfine. Jeder von ihnen kann Nachwuchs zeugen und gebären. Mit den rotbraunen Streifen auf dem Rücken steuern sie schnurstracks auf Futterquellen zu. Hindernisse kennen sie kaum. „Sie quetschen sich durch kleinste Öffnungen“, sagt Harald Galatis und bezeichnet Blutegel deshalb als Ausbrecherkönige. Er muss es wissen. Sind Egel doch sein beruflicher Alltag, genauer gesagt: medizinische Blutegel, die etwa bei rheumatischen und arthritischen Gelenkschmerzen eingesetzt werden.

Der Agraringenieur für Tropen leitet die Blutegelzucht in Biebertal bei Gießen, das größte Unternehmen seiner Art in Westeuropa. Bis zu zwei Millionen der wurmartigen Blutsauger, vom wenige Millimeter kleinen Baby bis zum fast 15 Zentimeter langen erwachsenen Elterntier, tummeln sich in den Wasserbecken und Gläsern des Unternehmens, das vor Wochenfrist mit dem hessischen Gründerpreis geehrt worden ist.

Mehr Nachfrage verlangt mehr Hände

Gefragt sind die Tiere der Biebertaler Blutegelzucht GmbH bei Heilpraktikern, aber auch bei Ärzten. Und zwar zunehmend: Nach 1,2 Millionen Euro wird das Unternehmen bis Ende Dezember rund 1,4 Millionen Euro umgesetzt haben, wie der Geschäftsführer sagt. Im nächsten Jahr soll sich das Wachstum fortsetzen – Galatis rechnet mit einem Jahresumsatz von bis zu 1,6 Millionen Euro. Zudem schreibt die im vergangenen Jahr aus dem gemeinnützigen Zentrum für Arbeit und Umwelt Gießen hervorgegangene Blutegelzucht nicht nur schwarze Zahlen, sie stellt auch Mitarbeiter ein. Zu den derzeit 24 Beschäftigten werden bis 2012 sechs hinzukommen, wie Galatis sagt.

Denn bei steigender Nachfrage nach Egel braucht der Betrieb auch mehr Mitarbeiter. Mit einer Pinzette werden die Tiere aus ihrem Umfeld gefischt und in eine Wanne gesetzt, in die ein mit Pferdeblut gefülltes Rohkondom gehängt wird. „Die Egel saugen das Blut durch das Latex ab“, erläutert Galatis die Methode. Das Blut, das er von einem Pferdemetzger in der Nachbarkommune Heuchelheim bezieht, muss innerhalb von 24 Stunden nach der Schlachtung verfüttert werden. Zwischen acht und 35 Liter umfasst eine Lieferung. Jeder für die Fütterung ausgewählte Egel frisst in etwa das Fünffache seines Eigengewichts; im Falle eines Babys sind das laut Galatis 0,05 Gramm Blut. Ein Jungtier darf sich alle ein bis drei Wochen den Bauch vollschlagen, ältere Egel müssen mit längeren Zeitabständen leben.

„Müssen regelmäßig gefüttert werden“

Untergebracht ist die Firma in einer ehemaligen Gärtnerei am Rande des Ortsteils Rodheim. Dort liegen gleichsam die Wurzeln des Betriebs: Der Gärtner hatte vor allem Wasserpflanzen gezüchtet, bevor er das Geschäft aufgab. „Und in den Becken mit Wasserpflanzen schwammen auch ein paar Egel ’rum“, sagt Galatis. Zum Hauptprodukt wurden die kleinen Tiere jedoch mit Verspätung. Zunächst verlegte sich Zentrum für Arbeit und Umwelt in Biebertal auf die Zucht von Pilzen auf biologischer Basis. Wobei das Ziel vor allem darin bestand, Jugendlichen mit Defiziten in der Erziehung die Grundlagen des Erwerbsleben beizubringen.

Nebenbei kümmerte sich der Projekt-Scout des Zentrums, der Biologe Manfred Roth, aus professionellem Interesse um die Egel und verkaufte anfangs auch 500 Stück im Jahr. Nachdem die Pilzzucht im Jahr 2000 ausgegründet worden war, gerieten die Egel verstärkt ins Visier der Beschäftigungsgesellschaft. „Sie eignen sich gut, gewisse Schlüsselqualifikationen zu erlernen“, erläutert Galatis, „denn sie müssen regelmäßig gefüttert werden, zudem müssen Filter in den Becken mit den Egeln gesäubert werden.“

Uni-Studie belegt Wirksamkeit

Gleichwohl begann die Trägergesellschaft umso mehr dazu zu neigen, die Egel aufzugeben, je mehr sich der Gesetzgeber mit den Tieren beschäftigte: Wenn Egel zu Heilzwecken eingesetzt werden, sind sie dann Medizinprodukte oder Arzneimittel? So lautete die Frage. Der deutsche Staat hat sich für die zweite Antwort entschieden, während die Tiere in Amerika als Medizinprodukte gelten – und von der Arzneimittelbehörde zugelassen sind. Angesichts der Definitionsfrage legt Galatis die Stirn in Falten – einen Antrag auf Zulassung der Biebertaler Egel hat die Firma dennoch stellen müssen. Rund eine halbe Million Euro verschlingt der Antrag. Das ist kein Pappenstiel für den jungen Betrieb, doch hat die Blutegelzucht die Kosten aus dem Barmittelzufluss aufgebracht, wie der Chef sagt. Und mögen andere Arzneimittelhersteller um die Zulassung ihrer Medikamente bangen – den Mittelhessen ist die Zulassung zugesagt. Bleibt nur die Frage, wie viele Indikationen die Behörde zuerkennt.

Zehn hätte Galatis gerne, aber auf acht dürfte es hinauslaufen, wie er meint. Wichtig ist die Zulassung für arthritische Beschwerden und den als Ohrklingeln bekannten Tinnitus, bei dem Blutegel helfen sollen, sofern er auf Durchblutungsstörungen beruht. Dass der Einsatz von Egeln die Schmerzern bei arthritischen Kniebeschwerden lindert, hat eine Studie der Uni Essen festgestellt. Wobei der Egeleinsatz fünfzehnmal länger wirke als die Standardtherapie mit einem entzündungshemmenden Schmerzmittel, heißt es.

Fürsprecherin Demi Moore

Von einer amtlichen Zulassung erhofft sich Galatis einen Schub fürs Geschäft. Bisher scheuen viele Ärzte noch den Einsatz medizinischer Egel, die die Biebertaler zum Preis von 4,35 Euro je Stück verkaufen, wenn es sich um importierte Wildfänge aus der Türkei handelt. Selbst gezüchtete, die mit mehr Arbeit verbunden sind, kosten 6,50 Euro. Dass Sympathiebekundungen für die Egel gut fürs Geschäft sind, weiß Galatis aus eigener Erfahrung: Nachdem Schauspielerin Demi Moore zu Jahresbeginn berichtet hatte, sich mit Blutegeln behandeln zu lassen, stieg der Umsatz der Biebertaler.

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