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Bezahlautomaten Kasse, bitte!

07.11.2009 ·  Bezahlautomaten im Einzelhandel gibt es schon seit Anfang der neunziger Jahre. Aber sie blieben eine Seltenheit. Doch mit der Wirtschaftskrise kommt Bewegung in den Markt. Immer mehr Handelskonzerne in Europa ersetzen die Kassiererin durch Selbst-Einscann-Automaten.

Von Marcus Theurer
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Auf den ersten Blick sieht die neue Tesco-Filiale im englischen Northampton aus wie jede andere. Es ist eins der kleineren "Express"-Geschäfte der britischen Supermarktkette. Doch wer mit dem Einkaufskorb in der Hand die Kasse ansteuert, merkt: Dieser Laden ist anders als die anderen. Vergeblich halten die Kunden Ausschau nach einer Kassiererin. Stattdessen hat Tesco fünf Selbstbedienungs-Terminals aufgestellt, an denen die Käufer die Preise ihrer Waren selbst einscannen und in bar oder mit Karte bezahlen. Es gibt nur einen Mitarbeiter, der behilflich ist, wenn es Probleme mit der Bedienung der Geräte gibt.

Dass Supermärkte neben normalen Kassen auch Selbstbedienungs-Terminals haben, ist in Großbritannien anders als etwa in Deutschland schon heute keine Seltenheit. Aber dass der Marktführer in Northampton die Kassenmitarbeiter ganz abschafft, ist auch auf der Insel ein Novum. "Ein kleiner Test" sei die Filiale, sagt eine Tesco-Sprecherin. "Wir wollen erproben, ob wir unseren Kunden einen besseren Service anbieten können, wenn wir die Mitarbeiter von der Kassenarbeit entlasten."

Tesco, die drittgrößte Supermarktkette der Welt, ist einer der Vorreiter unter den internationalen Handelsriesen. Die britischen Kunden von Tesco bezahlen schon heute ein Viertel ihrer Einkäufe am Automaten, und an der amerikanischen Westküste ist der Konzern noch viel weiter: Fern der Heimat, in Kalifornien, haben die Briten mit "Fresh & Easy" eine ganze Ladenkette aufgebaut, in deren mehr als hundert Filialen es praktisch nur noch Kassenautomaten gibt.

Real, Edeka und Ikea testen die Geräte in Deutschland

Ist das die Zukunft? Werden wir bald alle so bezahlen? Warum nicht, meint Richard Dodd vom britischen Einzelhandelsverband. "Der technische Fortschritt geht eben weiter", sagt Dodd. In den Banken hätten Geldautomaten schon vor 30 Jahren die Schalterangestellten ersetzt, und am Flughafen seien Eincheck-Automaten auch längst eine Selbstverständlichkeit. Wirklich neu sind auch die Bezahlautomaten im Einzelhandel nicht. Es gibt solche Geräte schon seit Anfang der neunziger Jahre. Aber nach Schätzung des Londoner Marktforschers Retail Banking Research (RBR) gab es Ende 2008 weniger als 16 000 Kassenautomaten in Europa, ein Anteil von weit unter einem Prozent.

In Deutschland verzichten die Discounter-Riesen Aldi und Lidl noch komplett auf die Maschinen. Es gibt sie im Wesentlichen in der Real-Kette von Metro und in einigen Edeka-Märkten. Doch jetzt, so sagen Experten, kommt Bewegung in den Markt. "Die Kassenautomaten zählen zu den wenigen Gewinnern der Wirtschaftskrise", glaubt Björn Weber vom Marktforscher Planet Retail in Frankfurt. RBR schätzt, dass die Zahl solcher Geräte in Europa allein im kommenden Jahr um ein Drittel wachsen wird. In Deutschland hat die schwedische Möbelkette Ikea dieses Jahr knapp tausend Terminals aufgestellt.

„Das wird sich durchsetzen“

Carrefour, der zweitgrößte Lebensmittelhändler der Welt, führt in seinem französischen Heimatmarkt die Geräte im großen Stil ein, und die Konkurrenten Casino und Auchun tun dasselbe. In Großbritannien investiert nun auch der Tesco-Konkurrent Morrisons in neue Selbstbedienkassen. "In der Rezession wollen die Handelsunternehmen schnell die Kosten senken", hat Weber beobachtet - und das Bezahlen ist ein großer Kostenblock. "25 bis 30 Prozent der Personalkosten einer Filiale entfallen auf den Kassenbereich", sagt der Unternehmensberater Jochen Hiemeyer, Partner bei Roland Berger in München.

"Das wird sich sicher auch in Deutschland durchsetzen, wenn auch nicht über Nacht", prophezeit Hiemeyer. Einer der weltgrößten Hersteller von Kassensystemen ist Wincor Nixdorf aus Paderborn. Zwar sind die Hightech-Automaten mindestens viermal so teuer wie normale Kassentechnik und kosten derzeit noch bis zu 14 000 Euro. "Aber je nach Auslastung können die Anschaffungskosten schon nach zwei bis drei Jahren wieder erwirtschaftet werden", verspricht Nixdorf-Manager Lothar Wolf. Die meisten Fachleute halten es zwar für unwahrscheinlich, dass alle Supermarkt-Kassiererinnen verschwinden, doch das Interesse an den Automaten sei groß, sagt Wolf: "Der Handel steht enorm unter Wettbewerbsdruck und sucht Optimierungspotential."

Gewerkschafter fürchten Stellenabbau

Die Einzelhändler bestreiten allerdings, dass es ihnen darum gehe, Personal und Kosten einzusparen. Im britischen Einzelhandel ist die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Tesco will allein dieses Jahr trotz Rezession in Großbritannien 11.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Ikea hat dagegen im Frühjahr angekündigt konzernweit 5000 Arbeitsplätze zu streichen, und Deutschland ist der wichtigste Markt für die schwedische Möbelgruppe. Aber die flächendeckende Einführung der SB-Kassen führe nicht zu Stellenstreichungen, sagt eine Sprecherin: "Die Mitarbeiter werden stattdessen in der Kundenberatung eingesetzt."

Die Kassenautomaten, dienten vor allem dazu, die bei Ikea vor allem an den Wochenenden langen Wartezeiten zu verkürzen. Weil sie kompakter sind, können statt einer traditionellen Kasse zwei Bezahlterminals aufgestellt werden. Ulrich Dalibor, der bei der Dienstleistungsgesellschaft Verdi für den Handel zuständig ist, glaubt den Beteuerungen der Handelskonzerne nicht. Er warnt vor dem Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen. "Die Kassen-Mitarbeiter bei Ikea machen sich sehr wohl Sorgen um ihren Arbeitsplatz, und das zu Recht", sagt der Gewerkschafter.

Angesichts des Verdrängungswettbewerbs im deutschen Handel sei es "Augenwischerei", anzunehmen, dass die nicht mehr benötigten Kassenmitarbeiter alle im Service eingesetzt würden. "Der Handel nutzt jede Möglichkeit zur Kostensenkung, und die Kassierer sind ohnehin in vielen Fällen Leiharbeitnehmer", sagt Dalibor. Der Gewerkschafter erinnert an die Erfahrungen in der Bankenbranche: "Da sind nach der Einführung der Geldautomaten in den achtziger Jahren massenhaft Arbeitsplätze gestrichen worden."

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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