06.06.2008 · Microsoft macht sich Sorgen. Windows Vista ist eine Enttäuschung, die Zukunft des Betriebssystems ungewiss. Der Softwarekonzern sieht sich zudem der grundlegenden Frage gegenüber, welche Bedeutung Windows in der künftigen Computerwelt haben wird.
Von Roland Lindner, New YorkWer hätte gedacht, dass einmal irgendjemand Windows XP hinterhertrauern würde? Das Betriebssystem des Softwarekonzerns Microsoft war bis vor ein paar Jahren so etwas wie der Prügelknabe der Technologiebranche: verspottet wegen seiner Sicherheitslücken, die es anfällig für Attacken von Computerviren machten. Aber auch Windows Vista, der vor eineinhalb Jahren auf den Markt gekommene Nachfolger von XP, brachte einige Tücken mit sich. Jetzt, da XP ausgemustert werden soll, bildet sich Widerstand: Microsoft will am 30. Juni den Verkauf von Windows XP mit wenigen Ausnahmen einstellen und nur noch Vista abgeben. Der Online-Dienst „Infoworld“ hat eine Petition mit dem Namen „Save XP“ gestartet, um Microsoft dazu zu bewegen, XP weiterhin anzubieten. Mehr als 200.000 Nutzer haben sich dem bislang angeschlossen.
Kein Produkt ist für Microsoft so wichtig wie Windows, das Programm, das so etwas wie das Rückgrat eines Personal Computers bildet und den Betrieb des Rechners mit einer Reihe von Anwendungen steuert. Die Software läuft auf mehr als 90 Prozent aller Personal Computer in der Welt. Ob die Rechner nun von Dell oder von Hewlett-Packard kommen: Sie haben Windows als Standard installiert, und beim Verkauf der Computer macht Microsoft fast automatisch Umsätze. Zusammen mit der Bürosoftware Office, die mit Bausteinen wie Word oder Excel ebenfalls eine dominierende Marktstellung hat, steht Windows für mehr als die Hälfte des Umsatzes von Microsoft und für einen noch größeren Teil des Gewinns.
Vista löste keine Begeisterung aus
Die aktuelle Windows-Version Vista stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Entwicklung war von einer ganzen Serie von Verzögerungen geplagt. Die Software sollte ursprünglich einmal im Jahr 2004 veröffentlicht werden - das wäre im Einklang mit dem üblichen dreijährigen Turnus zwischen Neuauflagen von Windows gewesen. Microsoft wurde dann aber von den Sicherheitsproblemen bei XP und anderen älteren Windows-Versionen abgelenkt und musste sich erst einmal darauf konzentrieren, diese Schwächen auszumerzen. Einige geplante Bausteine von Vista erwiesen sich außerdem als zu kompliziert, und Microsoft machte am Ende Abstriche bei der Ausstattung, um die Verzögerungen in Grenzen zu halten. Die Premiere war schließlich erst im Herbst 2006 in der Version für Unternehmenskunden. Für Privatkunden war das Programm Anfang 2007 verfügbar.
Die lange erwartete neue Windows-Version löste aber alles andere als Begeisterung aus. Nutzer beschwerten sich, dass Vista zu kompliziert und mit anderen Computerprogrammen nicht kompatibel sei. Außerdem setzt Vista bei Computern eine hohe Rechenleistung voraus. Eigentümer von älteren Rechnern stellten fest, dass ihre Maschinen viel langsamer liefen. Der Erfolg oder Misserfolg einer neuen Windows-Version lässt sich an den Quartalsberichten von Microsoft nicht sofort ablesen. So fließen zum Beispiel weiterhin Lizenzumsätze von Unternehmenskunden für Windows an Microsoft, egal ob sie nun XP oder Vista einsetzen. Zuletzt mehrten sich aber die Indizien, dass sich die Verbreitung von Vista in Grenzen hält. Nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Forrester Research haben Ende vergangenen Jahres nur 6 Prozent der befragten Unternehmen Vista eingesetzt. Technologieanalyst Rob Enderle meint, dass die Zahl noch kleiner ist, sogar bis heute: „Viele Unternehmen machen Testläufe mit Vista, aber es gibt nur ganz wenige, die es auf breiter Front nutzen“, sagt er. Im April meldete Microsoft erstmals auch in einem Quartalsbericht ein schwächer als erwartetes Geschäft mit Windows: Der Umsatz in der Sparte schrumpfte gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent auf 4 Milliarden Dollar.
Gates gibt Schwachpunkte bei Vista zu
„Vista ist eine Enttäuschung, wenn man bedenkt, wie lange sich Microsoft dafür Zeit genommen hat“, sagt Enderle. Microsoft wehrt sich gegen den Eindruck, dass Vista ein Flop ist. Vista sei bislang 150 Millionen Mal verkauft worden, und damit sei man zufrieden. Mitgründer und Verwaltungsratsvorsitzender Bill Gates gab aber vor wenigen Tagen auf einer Konferenz Schwachpunkte zu: Microsoft rühme sich seiner Kultur, seine Produkte ständig zu verbessern, und bei Vista habe das Unternehmen besonders viel Gelegenheit gehabt, diese Kultur zu demonstrieren, sagte Gates.
Nach Meinung von Enderle hat es Microsoft tatsächlich geschafft, einige der Schwachpunkte von Vista auszuräumen. Aber nach den anfänglichen Negativschlagzeilen habe Vista bis heute einen schlechten Ruf, und das halte viele Unternehmen von der Umstellung auf die neue Version ab. In jüngster Zeit ist sogar immer häufiger von Unternehmen zu hören, die Vista ganz überspringen und auf die nächste Generation von Windows warten wollen. Die neue Version hat bislang den inoffiziellen Namen „Windows 7“, und Microsoft nimmt sich die Einführung für Anfang 2010 vor. Bill Gates und Vorstandsvorsitzender Steve Ballmer gaben auf der Konferenz eine erste Vorschau. So soll Windows 7 die Bedienung des Computers über Berührung des Bildschirms mit den Fingern erlauben, ähnlich wie beim Multifunktionshandy iPhone von Apple. Über weitere Einzelheiten von Windows 7 hüllt sich Microsoft bislang in Schweigen. Es ist auch eine völlig offene Frage, ob es Microsoft diesmal schafft, das Programm zum geplanten Termin auf den Markt zu bringen.
„Windows wird nicht von heute auf morgen verschwinden“
Microsoft sieht sich zudem der viel grundlegenderen Frage gegenüber, welche Bedeutung Windows in der künftigen Computerwelt haben wird. Die traditionelle Domäne von Windows ist der standortgebundene Computer und seine Festplatte. Immer mehr Aktivitäten werden aber ins Internet verlagert, Beispiele sind netzbasierte E-Mail-Dienste oder Fotoverwaltungsseiten. Internetunternehmen wie Google treiben diese Entwicklung mit einem rasanten Ausbau solcher Angebote voran. Google wagt sich dabei auch immer mehr in das Revier von Microsoft vor und bietet zum Beispiel Online-Dienste für Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation.
Microsoft sieht der Entwicklung nicht tatenlos zu und nutzt das Internet für eigene Angebote wie den kürzlich vorgestellten Dienst „Live Mesh“. Damit können Microsoft-Programme auf verschiedenen Geräten über das Internet miteinander verbunden werden. Microsoft sieht sich bei seinen eigenen Internetinitiativen freilich immer der Gefahr gegenüber, das Geschäft seiner wichtigsten Umsatzträger wie Windows und Office zu kannibalisieren. Aber nach Meinung von Enderle wird Microsoft den Niedergang seiner etablierten Geschäfte nicht aufhalten können: „Windows wird nicht von heute auf morgen verschwinden, aber es wird auf längere Sicht an Bedeutung verlieren.“
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
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