http://www.faz.net/-gqe-76ebz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 09.02.2013, 10:03 Uhr

Betriebskitas Ein Herz für Kinder

Deutschlands Unternehmen werden familienfreundlicher. Sie richten Betriebskitas ein und zahlen die Notfallbetreuung. Dahinter steckt nicht nur Nächstenliebe, sondern auch Kalkül.

von
© Seuffert, Felix Kindergrippe „Sternchen“ der Daimler AG: Wenn Mama und Papa den Nachwuchs in guten Händen wissen, verbringen sie mehr Zeit im Unternehmen.

Deutschland ist ein kinderfeindliches Land. Hieß es zumindest vor 14 Tagen, nachdem in einer Umfrage nicht mal jeder siebte Deutsche seiner Heimat gute Bedingungen für Kinder attestiert hatte. Von „Deutschlands gescheiterter Familienpolitik“ ist die Rede. Zeitungen kritisieren, mahnen, verteufeln. Die Lebensbedingungen für Familien sind ein heißes Eisen geworden. Eines aber geht in der allgemeinen Erregung seit Jahren unter: In Deutschlands Betrieben tut sich etwas. Weitgehend unbemerkt von der Medienöffentlichkeit hat in den Unternehmen ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Nicht ohne Eigennutz entdecken Firmenchefs und Personalverantwortliche ihr Herz für die Kinder der Mitarbeiter. Sie richten Betriebskindergärten ein oder buchen sogenannte Belegplätze bei einem heimischen Träger. Einige zahlen ihren Angestellten eine Notfallbetreuung. Andere erlauben es, dass der Nachwuchs gleich mit in die Firma kommt.

Christoph Schäfer Folgen:

Beispiel Siemens. Europas größter Elektrokonzern ist nach eigener Aussage das Unternehmen mit den meisten Betriebskitas in Deutschland. Schon 1100 Krippenplätze haben die Münchner an 21 Standorten geschaffen - und bauen schnell weiter. In den nächsten drei Jahren wollen sie ihre Kapazität auf 2000 Plätze fast verdoppeln. 40 Millionen Euro lässt sich der Konzern das kosten.

Betreuungsplätze bei fast alles Dax-Konzernen

Beispiel Commerzbank. Das Kreditinstitut hat schon 260 Betreuungsplätze. In diesem und dem nächsten Jahr sollen weitere 80 hinzukommen. Seit eineinhalb Jahren bietet die Bank ihren Angestellten zusätzlich einen Hort mit 80 Plätzen, in dem diese ihre Schulkinder nach Unterrichtsende bis 19 Uhr betreuen lassen können. Außerdem gibt es eine großzügige Notfallhilfe. Falls die reguläre Betreuung unerwartet ausfällt, werden die Kinder der Mitarbeiter stunden-, tage- und zur Not auch wochenweise betreut. Von 6 bis 22 Uhr, bei Bedarf auch am Wochenende. Bis zu 25 Tage. Alles ist kostenlos.

Die beiden Großkonzerne sind bei weitem nicht die einzigen, die sich der Kinder ihrer Mitarbeiter annehmen. Fast alle Dax-Konzerne halten Betreuungsplätze vor, knapp die Hälfte baut gerade neue oder kauft weitere ein. Im März 2012 - das ist das jüngste verfügbare Erhebungsdatum - gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts 586 Betriebskitas in Deutschland. Das sind zwar nur etwas mehr als 1 Prozent aller Einrichtungen im Land, aber die Trendkurve zeigt aufwärts: Vier Jahre zuvor gab es lediglich 369 dieser Kitas. Entscheidender ist ohnehin die Zahl der Belegplätze. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen buchen diese Plätze, weil sie sich keine eigene Betriebskita leisten können“, sagt Stefan Spieker, Geschäftsführer der Fröbel-Gruppe. Er muss es wissen: Sein Trägerverein betreut mehr als 10000 Kinder und betreibt in ganz Deutschland 125 Standorte. Dem Geschäftsführer zufolge kostet es rund 25000 Euro, einen neuen Platz einzurichten. Wer eine mittelgroße Kita mit 60 Plätzen bauen will, muss also erst einmal 1,5 Millionen Euro finanzieren können. Hinzu kommen die laufenden Kosten. Da ein Kitaplatz in vielen Fällen nur am Wohnort des Kindes, nicht aber am Standort des Betriebs staatlich bezuschusst wird, müssen zahlreiche Unternehmen ihre Kitas zudem ohne staatliche Subventionen bauen und betreiben.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russlanddeutsche Zwischen den Stühlen

Russlanddeutsche hatten es nicht leicht in der Sowjetunion. Eine Frankfurterin auf der Suche nach Identität in einer Zeit, da das Klima zwischen ihren Heimatländern schwierig geworden ist. Mehr Von Theresa Weiß

26.08.2016, 14:28 Uhr | Rhein-Main
Co-Parenting Wenn die Eltern nur Freunde sind

Wenn Männer und Frauen sich zusammentun, um Kinder zu bekommen, muss nicht immer Liebe dahinterstecken: Freundschaft als Basis geht auch. Wir haben eine Familie besucht, in der das gut funktioniert. Mehr

27.08.2016, 14:42 Uhr | Gesellschaft
Österreich Arabische Touristinnen randalieren in einer Bank

Weil sie sich gegenüber Mitarbeitern ausweisen sollten, sind zwei Touristinnen in einer Bank in Zell am See handgreiflich geworden. Die Polizei wollte schlichten, doch der Streit eskalierte. Mehr

25.08.2016, 13:08 Uhr | Gesellschaft
Geschichten aus Rio I Alltag Angst

Bianca Neves Ferreira da Silva ist Polizistin in Rio de Janeiro. Sie weiß, was es heißt, mit dem Tod zu leben. Die Hoffnung gibt sie trotzdem nicht auf. Mehr Von David Klaubert und André Vieira

25.08.2016, 13:54 Uhr | Gesellschaft
Integration Was wir von Einwanderern verlangen können

Trotz der Herkulesaufgabe der Integration der Flüchtlinge steht der Staat dem radikalen Islam bisher planlos gegenüber. Es wird Zeit aus den Fehlern zu lernen. Ein Gastbeitrag von Ahmad Mansour und Cem Özdemir. Mehr

28.08.2016, 09:02 Uhr | Politik

Das Spiel mit den Steuern

Von Ralph Bollmann

Die Parteien scheinen endlich einig: Eine Steuersenkung soll praktisch schon beschlossene Sache sein. Doch noch gibt es ein offensichtliches Problem. Mehr 18 11

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“