Home
http://www.faz.net/-gqi-76ebz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Betriebskitas Ein Herz für Kinder

Deutschlands Unternehmen werden familienfreundlicher. Sie richten Betriebskitas ein und zahlen die Notfallbetreuung. Dahinter steckt nicht nur Nächstenliebe, sondern auch Kalkül.

© Seuffert, Felix Vergrößern Kindergrippe „Sternchen“ der Daimler AG: Wenn Mama und Papa den Nachwuchs in guten Händen wissen, verbringen sie mehr Zeit im Unternehmen.

Deutschland ist ein kinderfeindliches Land. Hieß es zumindest vor 14 Tagen, nachdem in einer Umfrage nicht mal jeder siebte Deutsche seiner Heimat gute Bedingungen für Kinder attestiert hatte. Von „Deutschlands gescheiterter Familienpolitik“ ist die Rede. Zeitungen kritisieren, mahnen, verteufeln. Die Lebensbedingungen für Familien sind ein heißes Eisen geworden. Eines aber geht in der allgemeinen Erregung seit Jahren unter: In Deutschlands Betrieben tut sich etwas. Weitgehend unbemerkt von der Medienöffentlichkeit hat in den Unternehmen ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Nicht ohne Eigennutz entdecken Firmenchefs und Personalverantwortliche ihr Herz für die Kinder der Mitarbeiter. Sie richten Betriebskindergärten ein oder buchen sogenannte Belegplätze bei einem heimischen Träger. Einige zahlen ihren Angestellten eine Notfallbetreuung. Andere erlauben es, dass der Nachwuchs gleich mit in die Firma kommt.

Christoph Schäfer Folgen:      

Beispiel Siemens. Europas größter Elektrokonzern ist nach eigener Aussage das Unternehmen mit den meisten Betriebskitas in Deutschland. Schon 1100 Krippenplätze haben die Münchner an 21 Standorten geschaffen - und bauen schnell weiter. In den nächsten drei Jahren wollen sie ihre Kapazität auf 2000 Plätze fast verdoppeln. 40 Millionen Euro lässt sich der Konzern das kosten.

Betreuungsplätze bei fast alles Dax-Konzernen

Beispiel Commerzbank. Das Kreditinstitut hat schon 260 Betreuungsplätze. In diesem und dem nächsten Jahr sollen weitere 80 hinzukommen. Seit eineinhalb Jahren bietet die Bank ihren Angestellten zusätzlich einen Hort mit 80 Plätzen, in dem diese ihre Schulkinder nach Unterrichtsende bis 19 Uhr betreuen lassen können. Außerdem gibt es eine großzügige Notfallhilfe. Falls die reguläre Betreuung unerwartet ausfällt, werden die Kinder der Mitarbeiter stunden-, tage- und zur Not auch wochenweise betreut. Von 6 bis 22 Uhr, bei Bedarf auch am Wochenende. Bis zu 25 Tage. Alles ist kostenlos.

Die beiden Großkonzerne sind bei weitem nicht die einzigen, die sich der Kinder ihrer Mitarbeiter annehmen. Fast alle Dax-Konzerne halten Betreuungsplätze vor, knapp die Hälfte baut gerade neue oder kauft weitere ein. Im März 2012 - das ist das jüngste verfügbare Erhebungsdatum - gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts 586 Betriebskitas in Deutschland. Das sind zwar nur etwas mehr als 1 Prozent aller Einrichtungen im Land, aber die Trendkurve zeigt aufwärts: Vier Jahre zuvor gab es lediglich 369 dieser Kitas. Entscheidender ist ohnehin die Zahl der Belegplätze. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen buchen diese Plätze, weil sie sich keine eigene Betriebskita leisten können“, sagt Stefan Spieker, Geschäftsführer der Fröbel-Gruppe. Er muss es wissen: Sein Trägerverein betreut mehr als 10000 Kinder und betreibt in ganz Deutschland 125 Standorte. Dem Geschäftsführer zufolge kostet es rund 25000 Euro, einen neuen Platz einzurichten. Wer eine mittelgroße Kita mit 60 Plätzen bauen will, muss also erst einmal 1,5 Millionen Euro finanzieren können. Hinzu kommen die laufenden Kosten. Da ein Kitaplatz in vielen Fällen nur am Wohnort des Kindes, nicht aber am Standort des Betriebs staatlich bezuschusst wird, müssen zahlreiche Unternehmen ihre Kitas zudem ohne staatliche Subventionen bauen und betreiben.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Weihnachtswünsche Was Mitarbeiter wirklich motiviert

Viele Firmen nutzen Weihnachten, um sich bei ihren Mitarbeitern mit einem kleinen Geschenk zu bedanken. Doch über Schokolade, Wein und Schreibartikel sind die wenigsten wirklich glücklich. Sie haben andere Wünsche. Mehr

06.12.2014, 09:00 Uhr | Beruf-Chance
Klimaspot Meine Eltern erwischt

Manche Dinge will man nicht sehen, Licht aus ist in solchen Momenten die ideale Lösung, die nebenbei auch noch Stromverbrauch und -kosten senkt. Wenn jeder deutsche Haushalt nur fünf Prozent weniger Strom nutzt, könnten knapp sieben Terawattstunden (TWh) im Jahr eingespart werden. Soviel Strom erzeugt ein großes Kohlekraftwerk, das aus fünf Kraftwerksblöcken besteht. Mehr

20.11.2014, 13:17 Uhr | Wissen
Bilinguale Erziehung Mehr Sprache wagen

Deutschpflicht für Migrantenfamilien oder Mandarin in der Grundschule: Werden Kinder damit mehrsprachig? Mehr Von Jan Schwenkenbecher

16.12.2014, 17:17 Uhr | Wissen
Leben in Armut und Einsamkeit Die zurückgelassenen Kinder Moldaus

In der Republik Moldau wachsen viele Kinder in schwerer Armut und ohne ihre Eltern auf. Mütter und Väter sind oft nach Russland gegangen, um Arbeit zu finden. Mehr

04.12.2014, 16:52 Uhr | Gesellschaft
Ungleiche Verteilung Die Erbschaftsteuer verschont die Unternehmer

Wer Wertpapiere oder Geld erbt, zahlt hohe Steuern. Wer eine Firma erbt, wird verschont. Und das soll gerecht sein? An diesem Mittwoch prüft das Bundesverfassungsgericht, ob diese Ungleichbehandlung noch gerechtfertigt ist. Mehr Von Dyrk Scherff

17.12.2014, 07:29 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.02.2013, 10:03 Uhr

Bescherung im Bundesrat

Von Heike Göbel

Die jüngsten Beschlüsse im Bundesrat bringen den Ländern mehr Geld. Für den Bund ist das nicht so gut. Mehr 2


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Lehrer und Schüler sind zufrieden mit der Computerausstattung an Schulen

Lehrer und Schüler sind eigentlich zufrieden mit ihrer Internet- und Computer. Doch welche Gruppe ist kritischer mit der Ausstattung? Mehr 1