Es ist mitunter sieben Uhr morgens, wenn die Revolution in Europas größtem Medienkonzern beginnt. Ein hagerer Mann sitzt am Boden, sein Rücken ist gespannt, die Arme gestreckt. Die Beine schieben das Becken, die Hände halten zwei Griffe, sie ziehen an einem Stahlseil. Der Sportler Thomas Rabe rudert.
Nachher wird der Manager Thomas Rabe reden müssen, vor ein paar hundert Mitarbeitern, weltweit sind ihm 100.000 unterstellt. Sie alle will er mitnehmen auf diese Reise. Was soll er sagen? Dass der Konzern ein Wachstumsproblem hat? Nein, ein ausgeprägtes Wachstumsproblem, das klingt dramatischer. Der Sportler beugt die Knie, drückt das Becken auf dem Ergometer nach vorn.
Rabe sucht den „Sense of Purpose“ für Bertelsmann
Wie sieht die Zukunft aus? Kommt alles auf den Prüfstand? Zu radikal. Langfristig und schrittweise umbauen, das summt sanfter. Vielleicht stellt er den Mitarbeitern die Sinnfrage. Die Frage nach dem „Sense of Purpose“. Er liebt Englisch, die Sprache der Finanzwelt. 177 Jahre ist Bertelsmann alt, und jetzt steht er an der Spitze, endlich darf er führen. Doch welche Daseinsberechtigung hat dieses Imperium noch? Das ist die Preisfrage. Er muss sie beantworten, dafür haben sie ihn geholt. Thomas Rabe atmet ein. Die Hände ziehen am Seil.
Ob er von seiner morgendlichen Ruderstunde erzählt oder über das, was er mit Bertelsmann vorhat - seit Thomas Rabe vor vier Monaten auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden gerückt ist, halten die Bertelsmänner die Luft an am Stammsitz im ostwestfälischen Gütersloh, in Berlin, New York, Luxemburg. Überall dort, wo der Gigant mit 15 Milliarden Euro Jahresumsatz seine Geschäfte betreibt. Bertelsmann, das ist ein Konzern, der vieles macht: Fernsehen (RTL), Zeitschriften (Stern, Spiegel), Musikrechte (Iggy Pop, Nena). Auch weniger Glamouröses wie Datenbanken oder Adresshandel spült Geld in die Kassen, sogar Schulden treibt Bertelsmann für andere Firmen ein.
Internetkonzerne wie Google wachsen rasant, Bertelsmann stagniert. Deswegen verlor Chef Hartmut Ostrowski das Vertrauen von Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn. Für den Defensivspieler Ostrowski wechselte sie einen Stürmer ein. Thomas Rabe war zwar Finanzvorstand, was langweilig klingt, doch da kennt man Rabe schlecht. Der Mann ist von Schöpfungsdrang getrieben. Nicht weniger wird von ihm erwartet: den Konzern neu erfinden. „Voll auf Angriff“, lautet sein Auftrag.
Es wird höchste Zeit. Reinhard Mohn wurde mit dem Buchclub groß, in den Achtzigern brachte Bertelsmann den Deutschen das Privatfernsehen, in den Neunzigern machte man mit dem Internet Kasse. Wofür das Medienunternehmen heute steht in einer Welt, die aufgeteilt ist zwischen Facebook, Google, Apple und Amazon, kann indes keiner mehr so genau sagen. Der Sense of Purpose ist verschütt gegangen in Gütersloh, der einst stolze Konzern hat ein verlorenes Jahrzehnt hinter sich. Nur das Brauchtum hat überdauert, das bertelsmannsche Prinzip der Dezentralität steht wie gemeißelt: Die Geschäftsführer in den Satelliten dürfen schalten und walten.
Sogar ein Börsengang ist möglich
Ein weiteres Mantra, noch wichtiger: Bertelsmann ist Familiensache. Keine sechs Jahre ist es her, da musste der Konzern auf Drängen der allmächtigen Liz Mohn fremde Anteilseigner ausbezahlen. Fast hätten die Milliarden den Konzern stranguliert. „Die Belastung für das Unternehmen war groß“, sagt Rabe, „da soll keiner etwas anderes erzählen.“ Auch für ihn persönlich. Er musste die Finanzierung aushandeln.
Als Chef hat Rabe vier Monate gebraucht, um diese Bertelsmann-Welt auf den Kopf zu stellen. Er hat einen Vertrauten eingesetzt, der die digitale Welt erobern soll - von Gütersloh aus. „Ich sperre mich gegen eine dogmatische Betrachtungsweise der Dezentralität“, sagt Rabe. „Die inhaltliche Koordination erfolgt aus der Zentrale.“ Bertelsmann brauche „mehr Kooperation“.
Damit der klamme Konzern auf Einkaufstour gehen kann, haben sich die Mohns zudem überzeugen lassen, sich dem Kapitalmarkt zu öffnen. Sogar ein Börsengang ist möglich. Es ist eine Sensation, sie wird fortan mit dem Namen jenes Mannes verbunden sein, der federnden Schrittes um die Ecke biegt, schnell geht, schnell spricht, schnell denkt.
Den Ausgleich für sein Powerplay sucht Rabe im Sport. Er hat sich dafür einem Anreizsystem unterworfen: Ein Kilometer Laufen zählt einen Punkt, ebenso ein Kilometer Rudern. Ein Kilometer Radfahren: halber Punkt. Im Idealfall will Rabe in der Woche auf hundert Punkte kommen. Der Bertelsmann-Chef zwingt seinen Körper, in einer Woche, neben dem Job, die doppelte Strecke eines Marathons zu laufen. Das ist extrem.
Was sagt das aus über den Menschen? Der sich schindet und andere mit Humor und Neugier für sich einnimmt? Begleiten wir Thomas Rabe. Die Reise beginnt in Bayern, führt durch die Lüfte über dem Bodensee und endet in der Schweiz. Am Ende steht das Bild eines scharfsinnigen, gewitzten Mannes, der nicht nur den Sport, sondern auch die Karriere diesem Ziel unterwirft: hundert Punkte.
Halb elf Uhr vormittags, in München steht Thomas Rabe im Atrium von Random House, dem größten Publikumsverlag der Welt. Rabe spricht über Daseinsberechtigung. Die Reihen sind dicht besetzt, die Mitarbeiter haben über den neuen Chef gelesen, dass er ein scharfer Rechner sein soll. „Sense of Purpose“, ruft Rabe ins Rund, der Akzent breit amerikanisch, Rabe strahlt. Er spricht von dem „Marathonlauf“, der nötig ist, aber er lobt auch. „Rewards“ steht auf seinem Sprechzettel, Anerkennung zollen! Rabe knallt die Erfolgsverben wie Schüsse in die Menge: Die Konkurrenz gejagt, Marktanteil erhöht. Die Rede strotzt vor Anglizismen, man wähnt sich an der Wall Street. Rabe beschwört das Publikum, als stünde Bertelsmanns Börsengang kurz bevor.
Am Ende verteilt Rabe noch ein paar Freundlichkeiten, dann federt er mit der abgewetzten Ledertasche zum Mercedes, auf die Reise zur nächsten Bühne. Der Wahlkampf geht weiter: mehr Wachstum wagen! Die Angestellten blicken ihm nach. Rabe nimmt das Leben mit.
Rabe kleidet sich in sattsam getragener Stangenware
Auf dem Rollfeld wartet der Firmenflieger, Rabe herzt den Piloten. 13 Länder hat er als Chef bisher bereist, 400 Führungskräfte getroffen. Rabe muss auch die letzten Bertelsmänner in den Niederungen des Reichs von seiner aggressiven Strategie überzeugen. Der Stoff, in den er sich kleidet, ist sattsam getragene Stangenware. Der Kragen ist leicht abgescheuert, das Schuhwerk zweckmäßig. Am linken Handgelenk misst eine Digitaluhr den Puls, am rechten hängt ein indisches Freundschaftsband. Im weißen Leder des Jets, umgeben von goldenen Armaturen, wirkt Rabe wie ein Fremdkörper. Der Eindruck täuscht. Rabe ist angekommen.
Rabe ist Sohn eines EU-Beamten in Brüssel, nach Schule und Promotion startet er blitzschnell durch. Er ist erst 46 Jahre alt, doch die Jugend täuscht, Rabe steht im 24. Berufsjahr. Er hat lange auf den Sprung in die erste Reihe gewartet. Dann ist er gesprungen und fast abgestürzt.
Der Falcon-Jet steigt um ein paar hundert Meter, Rabe spricht über seinen Tiefpunkt. Als Finanzvorstand liebäugelte er erst mit dem Chefposten von ProSieben Sat. 1, während Bertelsmann mit den Ratingagenturen rang. Liz Mohn war sauer, aber Rabe gelobte Loyalität. Ein Jahr später wurde bekannt, dass er sich für den Vorstandsvorsitz von Haniel bewarb. Die Gespräche sollen weit fortgeschritten gewesen sein. „Für mich war klar: Ich wollte nicht dauerhaft Finanzvorstand sein“, sagt Rabe. „Wer mich kennt, weiß, ich will gestalten. Geschäft aufbauen interessiert mich.“
„Seit einem Jahr trinke ich keinen Tropfen Alkohol mehr“
Illoyalität bedeutet normalerweise die Kündigung. Doch Liz Mohn mag Rabe, das reicht, mochte die Wut der Vorstandskollegen noch so heftig gewesen sein. Seine Gegner unterstellen Rabe Hang zu Egomanie und Eitelkeit, ein Vorwurf, dem seine Leistungsfixierung Nahrung verleiht. Rabes Vorgänger Ostrowski erzählte gern, er esse am liebsten Currywurst. Rabe isst am liebsten gar nichts. Asketen sind Fanatiker. Sie quälen ihre Knochen, wenn es dem Ziel dient, sie halten eisern Disziplin. „Seit einem Jahr trinke ich keinen Tropfen Alkohol mehr“, sagt Rabe, „glauben Sie mir: das ist für mich kein Verlust an Lebensqualität. Es ist ein Gewinn.“ Die Anfeindungen nach seinem Fehltritt nahm Rabe sportlich: er wollte das jetzt durchstehen.
Kurz vor Landung in Zürich reicht eine Sprecherin Rabe eine Magazinmeldung: Der Bertelsmann-Chef habe Interesse am Fachverlag SpringerScience - ein Milliardendeal, der den Wachstumsmarkt Bildung öffnen könnte, dort, wo Rabe Bertelsmann groß machen will. Das Interesse ist bekannt, trotzdem springen die Nachrichtenagenturen an. Begierig liest Rabe die Zeilen, er wirkt nicht unfroh über das Echo. Es könnte den Druck auf die Familie Mohn erhöhen: Je mehr alle Welt die Expansion Bertelsmanns diskutiert, desto schwerer kann Liz Mohn sich doch noch gegen den Börsengang sperren, wenn Rabe Geld für die Zukäufe braucht. „Zum gegebenen Zeitpunkt müssen und werden wir auch handeln“, sagt Rabe. „Alles andere wäre unglaubwürdig.“
In Zürich trifft sich Rabe in einem Hotel mit den Geschäftsführern der Schweizer Bertelsmann-Firmen, erläutert seine Umbaupläne. Er spricht frei, kann die Agenda im Schlaf herbeten. Rabe sitzt auf der vordersten Kante des Stuhls, seine Füße wippen.
„In Berlin fühle ich mich unheimlich wohl. Dort schalte ich am Wochenende ab.“
Er muss jetzt liefern. Wenn er Bertelsmann nicht aus dem Sparkorsett befreit, ist sein Ruf dahin. Das ist die Frage: Ob er sich in diesem Konzern durchsetzen kann, der beherrscht ist von den Interessen der Mohns und deren Beratern. „Ich stelle mich gerne jeder offenen, sachlichen Diskussion“, sagt Rabe. „Es darf nur nicht damit enden, dass man sich irgendwann im Kreis dreht.“ Dann sagt er einen für Bertelsmann-Angestellte mutigen Satz: „Wenn man mir von der Seite reinfunkt, mag ich das gar nicht.“
Nach dem Abend in Zürich will Rabe nur noch heim. Nach Berlin. Mit seiner Frau, einer Neurologin am Krankenhaus in Gütersloh, wohnt er am Wochenende in Mitte, einen Steinwurf von der Torstraße entfernt. „Ich fühle mich dort unglaublich wohl.“ Er liebt diese Stadt. Er braucht die Entfernung. „Am Wochenende schalte ich ab, sonst könnte ich dieses Arbeitspensum nicht geben“, sagt Rabe, „ich hüpfe nicht auf jede Veranstaltung.“ Nachdem er die ganze Woche gesendet habe, sei er am Ende schon mal müde. „Und Smalltalk ermüdet mich noch mehr.“ Rabe sammelt seine Kräfte.
Beim Marathon, weiß Rabe, kommt der Einbruch auf den letzten zehn Kilometern. Und wer zu schnell losrennt, kommt gar nicht ins Ziel.
Der Mensch
Thomas Rabe ist ein Kind Europas: geboren am 6. August 1965 in Luxemburg, aufgewachsen als Sohn eines EU-Beamten in Brüssel, wo er die mehrsprachige Europaschule besuchte. Rabe spricht fünf Sprachen, wenn auch nicht alle fließend. Als Jugendlicher spielte er in Punk-Bands, etwa als Bassist der „White Lies“ (Notlügen). In Köln wurde er in Ökonomie promoviert, danach wickelte er bei Treuhand DDR-Firmen ab. 2000 landete er als Finanzchef bei RTL in Luxemburg, sechs Jahre später wechselte er als solcher zu Bertelsmann nach Gütersloh. Dort und in Berlin-Mitte lebt Rabe mit seiner Frau, einer Neurologin. Rabes Auto: ein Mini.
Das Unternehmen
Der Medienkonzern Bertelsmann mit Sitz in Gütersloh hat vor zwei Jahren den 175. Geburtstag gefeiert. Die 15 Milliarden Euro Umsatz der Firma (Gewinn vor Steuern: 1,7 Milliarden Euro), die mit Buchklubs groß wurde, spielt zu einem guten Teil die Sendergruppe RTL ein. Beherrscht wird der Konzern von Liz Mohn, der zweiten Frau des 2009 verstorbenen Reinhard Mohn. Oft wird spekuliert, Bertelsmann könnte sich bald vom Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr mit seinen kriselnden Wirtschaftstiteln FTD und Capital verabschieden. Doch CEO Thomas Rabe sagt, er habe „keine Absicht, Gruner + Jahr zu verkaufen“. Auch nicht die Wirtschaftsmedien, „das sind etablierte Blätter“.
