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Bernard Madoff „Es gibt keine harmlose Erklärung“

16.12.2008 ·  Bernhard L. Madoff hatte eine Nase für Trends. Er verdingte sich als Rettungsschwimmer, brach sein Jurastudium ab und brachte es bis an die Spitze der Nasdaq. Nach dem Milliardenbetrug an seinen Investoren wird jetzt sein Unternehmen aufgelöst: ein Porträt.

Von Norbert Kuls
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FBI-Agenten kommen immer im Morgengrauen. Am Donnerstag morgen der vergangenen Woche klingelten in der noblen Upper East Side von Manhattan zwei Agenten an der Wohnungstür des New Yorker Fondsmanagers Bernard Madoff. „Wir sind hier, um herauszufinden, ob es eine harmlose Erklärung gibt“, fragte Agent Theodore Cacioppi. „Es gibt keine harmlose Erklärung“, antwortete der 70 Jahre alte Mann im hellblauen Bademantel und Hausschuhen. Die Agenten nahmen Madoff daraufhin wegen Verdachts auf Betrug fest.

Der Fall sorgte für ein Beben an der Wall Street und bei den zahlreichen Anlegern von Madoff, zu denen ergraute Großmütter in Florida, europäische Banken und eine Stiftung des Filmregisseurs Steven Spielberg zählen. Es geht um die gigantische Summe von 50 Milliarden Dollar – wohl der größte Betrugsfall dieser Art in der Geschichte der Wall Street. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat Madoff ein Schneeballsystem betrieben, bei dem er die Renditen für Kunden seiner Vermögensverwaltung mit dem Geld neu angeworbener Investoren gezahlt hat. „Es ist alles eine große Lüge“, soll Madoff seinen Söhnen gestanden haben, die danach über ihre Anwälte die Polizei informierten.

Ende einer illustren Karriere

Mit dem Besuch der FBI-Agenten endete eine illustre Karriere an der Wall Street. Begonnen hatte Madoffs Aufstieg vor 48 Jahren. Madoff, der im einfachen New Yorker Stadtteil Queens aufgewachsen war, hatte damals mit nur 5000 Dollar Eigenkapital eine Wertpapierfirma gegründet, die später seinen eigenen Namen tragen sollte: Bernard L. Madoff Investment Securites. Madoff, der sein Jurastudium abgebrochen hatte, verdiente sich das Geld selbst. Er arbeitete im Sommer als Rettungsschwimmer an den Stränden von Long Island und installierte Sprinkleranlagen für Gärten.

Madoff machte seinen Namen und sein Vermögen als Börsenmakler. Er erkannte früher als andere, welche Rolle Computer für den Aktienhandel spielen würden. In einer Zeit, als die meisten Transaktionen noch über Telefon abgewickelt wurden, war seine Firma bereits vollkommen automatisiert und konnte Aufträge in Sekundenschnelle abwickeln. Madoffs Reputation wuchs und er wurde schließlich Verwaltungsratsvorsitzender der elektronischen Börse Nasdaq. Parallel zu dem Maklergeschäft baute Madoff auch eine Vermögensverwaltung für reiche Privatanleger und Institutionen auf. Sein Name und sein Ruf hatten genügend Gewicht, um diese Kunden anzuziehen. „Der Name des Eigentümers steht an der Tür“ warb Madoff. Das reichte.

„Er war bekannt als ein großer Wohltäter“

„Er war bekannt als ein großer Wohltäter, eine Säule der Gemeinschaft“, sagte ein Hedge-Fondsmanager der „New York Times“. Dazu kamen sehr beständige Renditen von etwas mehr als 10 Prozent im Jahr, egal ob die Börse gerade haussierte oder die Kurse fielen. Das sorgte zwar bei einigen Profianlegern für Misstrauen. Es gab Vermutungen, dass Madoff sein als Makler gewonnene Wissen über große kursbewegende Aktienaufträge illegalerweise für seine Vermögensverwaltung nutzte. Aber Beschwerden bei der Börsenaufsicht führten nicht weiter. Das über Jahre gewachsene Vertrauen in Madoff und in die Sicherheit der Anlagen blieb groß. Bei Anlegern, von denen viele der jüdischen Gesellschaft angehörten, galt Madoff als eine Art „jüdische Staatsanleihe“. Sichere Anlagen als Staatsanleihen gibt es nicht. Zur Reputation von Madoff trug auch bei, dass er viele Anleger abwies. In manchen Golfclubs von Palm Beach war eine Mitgliedschaft auch deswegen attraktiv, weil damit ein Eintritt zu Madoffs Fonds leichter wurde.

Genaue Informationen über seine Anlagestrategien gab Madoff nie heraus. Zwar stand sein Name an der Tür seiner Firma im bekannten Lipstick-Hochhaus in Manhattan. Aber selbst von den mehr als hundert Mitarbeitern der Maklerfirma hatte kaum jemand Zutritt zum 17. Stock, von wo aus Madoff seine Vermögensverwaltung betrieb. Dort kämmen jetzt Ermittler durch die Akten von Madoff, der Anlegern regelmäßig detaillierte Aufstellungen ihrer Aktienpositionen geschickt hat. Die Behörden fragen sich, wie ein einzelner Mann über eine solch lange Zeit einen derart großen Betrug durchführen konnte.

Normalerweise haben Firmen von der Größe Madoffs Hunderte Mitarbeiter, um den Verwaltungsaufwand zu erledigen. Am Ausmaß des Betrugs zweifeln die Behörden dennoch nicht. „Wir haben nur noch nicht ermittelt, wie er es gemacht hat“, sagte ein Anwalt der Börsenaufsicht.

Jetzt wird Madoffs Firma aufgelöst, um möglichst viel Geld für seine Opfer herauszuholen. Ein New Yorker Richter gab am Montagabend einem entsprechenden Antrag des amerikanischen Anlegerschutzfonds SIPC (Securities Investor Protection Corporation) statt. Es war nach wie vor unklar, wie viel Geld noch übrig ist. Madoff selbst hat gesagt, er habe nur noch 200 bis 300 Millionen Dollar. Die SIPC garantiert bis zu 500.000 Dollar pro Kunde.

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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