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Veröffentlicht: 20.08.2013, 10:35 Uhr

Beratungsprotokolle bei Wertpapieren Die Kapitulation eines Bankberaters

Protokollwahnsinn, standardisierte Produkte, Entmündigung - warum ein gut ausgebildeter Bankangestellter die Anlageberatung an den Nagel hängt.

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© picture alliance / dpa Themendie Entmündigte Kunden, entmündigte Berater: Was soll man da noch raten?

Es ist eine Kapitulation: Der Mann ist Angestellter einer Bank. Er ist gut ausgebildet und seit Jahren im Beruf tätig. Als Anfang 2010 die Beratungsprotokolle in der Anlageberatung eingeführt wurden, war er von der Idee noch angetan. Inzwischen hat er gemerkt: Zur Vorfreude gab es keinen Anlass. Tatsächlich hat hier eine Regulierungswut Einzug gehalten, die vorgibt, Kundeninteressen in den Vordergrund zu stellen, in ihrer praktischen Umsetzung aber nur Bürokratie geschaffen hat. Der Eingriff des Gesetzgebers, so findet der Banker, bewirke deshalb faktisch genau das Gegenteil des Gewollten: Die Banken haben die Risiken auf ihre Kunden abgewälzt. Dafür bekommen die zur „Belohnung“ seitenweise mehr oder weniger unverständliche Protokolle. Zugleich dürfen Windpark-Genussrechte von Laien ohne vernünftige Beratung verscherbelt werden. Dem engagierten Banker reicht es. Er hängt seinen Beruf als Anlageberater an den Nagel.

Carsten Knop Folgen:

Den Namen des Bankangestellten können wir nicht nennen, denn er arbeitet weiter in seinem Kreditinstitut. Seine Begründung für die neue Berufsplanung aber ist ein Protokoll ganz anderer Art: Es zeugt von einem falsch verstandenen Verbraucherschutz, von den Auswirkungen, die staatlicher Paternalismus im Alltag haben kann. Im Gespräch hat der Banker seiner Frustration Ausdruck verliehen. Auf diesem Weg ist ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortung und für mehr Freiheit entstanden. Der Text folgt den eigenen Worten des Angestellten.

Aus gutem Willen entstanden  -  in das Gegenteil verkehrt

„Als am 1. Januar 2010 zum Schutz der privaten Kleinanleger die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner für die Wertpapierberatung der Banken eine Protokollpflicht eingeführt hat, gehörte ich - wohl als Anhänger einer Minderheit unter den Bankberatern - noch zu den Befürwortern dieser lästigen Pflicht. Mir war zwar von Beginn an bewusst, dass der Schutz des Verbrauchers in der gewählten Form der Protokollpflicht schon bald zu einer immer standardisierten Beratung von Kunden führen würde - also zu vorgegebenen Produkten und weniger Auswahl. Aber mir war nicht klar, welche Dimensionen diese gesetzliche Bestimmung erreichen würde.

Meine ursprünglich positive Grundeinstellung hatte einen Grund: Ich hielt es für sinnvoll, da durch die Protokolle für den Kunden auch noch nach Jahren nachvollziehbar sein würde, welche Wünsche er hatte und wie er beraten wurde. Meine Begeisterung aber, als Kundenberater einer Bank künftig durch die Protokollierung des Beratungsgesprächs einfacher meinem Gewissen folgen zu können, ist einer bitteren Enttäuschung gewichen. Was aus gutem Willen - und vor dem Hintergrund der Finanzkrise und des erheblichen Fehlverhaltens vieler Banker in der Beratung von Kunden - entstanden ist, hat sich in das Gegenteil des ursprünglich Angestrebten verkehrt: Denn die Haftung wird von der Bank nun durch die beweisbare, weil dokumentierte Aufklärung vor Risiken auf den Kunden abgewälzt. Im Gegenzug erhalten die Verbraucher seitenweise bedrucktes Papier. Im Zusammenhang mit komplexeren Anlagevorschlägen und Depotbesprechungen kann der Umfang bis zu fünfzig Seiten betragen.

„Aufgeklärter Anleger wird zum unmündigen Verbraucher“

Das eigentliche Beratungsgespräch steht nicht mehr im Vordergrund. Es geht hauptsächlich darum, wie der Berater die Dokumentation unfallfrei (also formvollendet und gesetzeskonform) in die Computersysteme bekommen kann. Dazu werden einfache Depot- und Anlagevorschläge gewählt, die erst gar nicht zu Komplikationen oder fehlerhaften Darstellungen führen könnten. Den Bankkunden gehen so über die Monate und Jahre tonnenweise Papierstapel zu. Sie rücken auch den aufgeklärten Anleger pauschal in die Ecke des unmündigen Verbrauchers. Geradezu grotesk ist es, dass in der Praxis wiederum gerade dann auf die Erstellung eines Beratungsprotokolls verzichtet wird, wenn doch mal ein komplexer Sachverhalt erläutert wurde.

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