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Imagewechsel : Lidl duzt sich

Auf Du und Du: Lidl-Mitarbeiter in einer Schweizer Filiale Bild: Picture-Alliance

Die Hierarchie bleibt, Knigge geht: Konzernchef Klaus Gehrig hat mit zwei Worten in einer E-Mail eine Lawine losgetreten. Hinter einem „Sie“ kann sich bei Lidl nun niemand mehr verstecken.

          Rund 375.000 Mitarbeiter hat die Schwarz-Gruppe aktuell. Schon wieder 25.000 mehr als noch vor einem Jahr arbeiten damit bei Lidl und Kaufland in aller Welt, und das Wachstum geht munter weiter. Klaus Gehrig führt die Schwarz-Gruppe mit harter Hand, aber trotzdem - oder genau deswegen - darf jetzt jeder der 375.000 Mitarbeiter Klaus zu ihm sagen, wenn man sich denn trifft. Der Lidl-Chef heißt Sven (Seidel), der Kaufland-Chef Patrick (Kaudewitz), und der Pförtner an Tor 1 vielleicht Max oder Andreas. Seit Anfang März ist man in der Schwarz-Gruppe per Du.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Dass es so kommen würde, war im Schwarz-Vorstand besprochen worden. Klaus Gehrig selbst hatte es satt, seine Golfpartner auf dem Platz standesgemäß mit Du anzusprechen und anschließend wieder zum förmlichen Sie überzugehen, erzählt er. Die Vorstandskollegen berichteten von ähnlichen Eindrücken: In Amerika, wo der Start von Lidl vorbereitet wird, spricht man sich mit Vornamen an, doch kaum sitzt man im Flugzeug, ist wieder alles ganz deutsch-korrekt. Einen konkreten Plan für den Kulturwandel gab es nicht, vor allem keinen Zeitplan. Dass es dann ganz schnell ging, liegt vor allem an Otto-Chef Hans-Otto Schrader und an der „Heilbronner Stimme“, der Lokalzeitung am Schwarz-Stammsitz Neckarsulm. Und das kam so: Klaus Gehrig las davon, dass Hans-Otto Schrader, Chef des Versandhändlers Otto, seinen Mitarbeitern das Du angeboten hat - als „äußeres Zeichen, dass etwas Neues beginnt, eine Art verbaler Startschuss für unser Projekt Kulturwandel 4.0“. Das traf so ziemlich genau die Stimmung von Klaus Gehrig. Er informierte ein paar Dutzend Führungskräfte über das Otto-Projekt mit dem Tenor: „Das passt doch auch zu uns“, und schloss seine Mail mit der Formel: „Gruß Klaus“.

          Den Kulturwandel vorantreiben

          Diese zwei Wörter brachten dann den Durchbruch, weil die Mail der „Heilbronner Stimme“ zugespielt wurde: „Gruß Klaus“, schrieb die „Heilbronner Stimme“ über ihren Beitrag, der daran erinnerte, dass der Konzern streng hierarchisch geprägt ist, persönliche Beziehungen zwischen den Mitarbeitern skeptisch beäugt wurden und Vornamen als eine Art geheime Verschlusssache betrachtet wurden. Tatsächlich hat man noch vor wenigen Monaten junge Leute bei Lidl erlebt, kaum der Lehre entkommen, die sich gesiezt haben. Entsprechend ungläubig waren die Reaktionen auf den Zeitungsartikel. „Herr Seidel, ich hab da mal ’ne Frage. Das ganze Unternehmen ist in Aufruhr, kommt da noch eine Mail?“, lautete eine Frage an den Lidl-Chef. Eine Mail gab es nicht, auch keine Richtlinie, aber ein Interview mit dem hauseigenen Pressesprecher, das im Intranet veröffentlicht wurde. Noch nie habe ein Beitrag im Firmennetz so viele Klicks bekommen, berichtet Seidel im Gespräch mit der F.A.Z., erkennbar vergnügt.

          „Den Impuls bekamen wir von Klaus Gehrig. Und typisch Lidl, haben wir diese Idee mit Begeisterung aufgegriffen: schnell und unkompliziert“, wird Seidel im Intranet zitiert: „Damit wollen wir den Kulturwandel weiter vorantreiben und Hierarchien abbauen.“ Unnötige Barrieren würden beseitigt, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe werde einfacher, lautete der Tenor.

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