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Bauer-Verlag gegen Großhändler : Neue Sorgen um das Pressevertriebsnetz

Das Pressevertriebssystem in Gefahr: Wer kann es retten? Bild: dpa

Der Bauer-Verlag attackiert das Grosso-System. Doch nicht nur der Bundesgerichtshof richtet über den Pressevertrieb. Die Entscheidungen nahen.

          In einer Woche droht der Anfang vom Ende des deutschen Pressevertriebssystems. Der Bundesgerichtshof wird am Montag sein Urteil darüber verkünden, ob der Bauer-Verlag („Bravo“, „TV Movie“, „Neue Post“) rechtmäßig einen Pressegroßhändler gekündigt hat. Verleger und Handel erwarten gebannt die Entscheidung, die die Bedingungen des Presse-Grosso-Systems grundlegend ändern kann.

          Dass Bauer dem norddeutschen Großhändler Alexander Grade die Lieferrechte seiner Zeitschriften entzogen hat, ist stark umstritten. Die Kündigung erfolgte ohne Angaben von Gründen - ein Verstoß gegen die gemeinsame Erklärung, die sich die Verlegerverbände VDZ und BDZV mit dem Grossoverband 2004 selbst gegeben haben, um die Bestandteile des Systems zu sichern. „Das Grosso-System garantiert jedem den Marktzutritt und schafft eine Pressevielfalt, die ohnegleichen ist“, sagte Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es sei ein Garant dafür, dass Pressefreiheit gelebt werden kann.

          Yvonne Bauer, die Verlegerin des Bauer-Verlages, mit ihrem Vater Heinz Bauer Bilderstrecke
          Yvonne Bauer, die Verlegerin des Bauer-Verlages, mit ihrem Vater Heinz Bauer :

          Die Großhändler liefern die Zeitschriften und Zeitungen als neutrale Dienstleister der Verlage zum Kiosk - und das für jeden Titel je nach Umsatz und Auflage zu den gleichen Konditionen. Sie fürchten, dass ein Urteil zugunsten Bauers ihre Neutralität und die Pressevielfalt gefährdet. 70 Grosso-Betriebe liefern 2,7 Milliarden Exemplare im Jahr an 120 000 Verkaufsstellen in Deutschland. Erhalten die Verlage mehr Macht, wie durch ein leichtes Drohen mit einer einfachen Kündigung, können besonders die großen Unternehmen mehr Druck auf den Vertriebsweg aufbauen und versuchen, sich Vorteile zu Lasten des Wettbewerbs am Kioskregal zu sichern. Letztendlich geht es um die Plazierung im Einzelhandel, die mit darüber entscheidet, wie sich ein Titel verkauft.

          Nur ist eben der Bauer-Verlag aus dem Branchenkonsens über das in Jahrzehnten gewachsene System ausgestiegen und attackiert den Pressegroßhandel auch vor dem Landgericht Köln. Dort streitet er sich mit dem Grosso-Verband über dessen zentrales Verhandlungsmandat, das einheitliche Konditionen für alle sichert.

          Das Kartellamt fragt nach

          Doch nicht nur von der rechtlichen Seite wächst der Druck auf das System. Auch das Bundeskartellamt versucht sich in das Presse-Grosso-System einzumischen - wenn auch noch mit angezogener Handbremse. Dass zwei der fast 70 Pressegroßhändler ihren Zusammenschluss dem Amt gemeldet haben, nahm die Behörde zum Anlass, umfangreiche Fragebögen an die Vertriebswelt zu verschicken. Diese gingen an zahlreiche Verlage, Nationalvertriebe und mehr als 10 Pressegroßhändler und liegen dieser Zeitung in verschiedenen Fassungen vor. Der Bauer-Verlag etwa bestätigte den Erhalt für die Vertriebsgesellschaft, die VU Verlagsunion und ihren Hamburger Großhändler Pressevertrieb Nord.

          Zusammenschließen wollten sich die beiden Unternehmen Pressevertrieb Köln Doll & Esser aus Hürth und der Pressegroßhandel Probst & Heuser GmbH & Co. KG aus Wuppertal. Den Antrag auf Genehmigung beim Bundeskartellamt haben sie nach dem Verschicken der Fragebögen zurückgezogen, so dass das Amt vorerst nicht weiter über die Fusion beschließen muss und Zeit zum Datensammeln hat. Nach eigenen Angaben wollen sich die Unternehmen weiter zusammenschließen.

          Antworten auf die vielen Fragen hat das Bundeskartellamt inzwischen. „Wir haben umfangreiche Daten gesammelt und werten diese aus“, bestätigt ein Sprecher. Beabsichtigt sei auch ein Kontakt zur britischen Wettbewerbsbehörde, um deren Untersuchungen des Marktes zu erhalten. Dieser Austausch sei bei allen Unterschieden vor allem methodisch sehr interessant. Großbritannien wird vom Großhandel als Beispiel dafür angeführt, wie sehr die Pressevielfalt leidet, wenn die großen Verlage viel Macht haben und es nur noch wenige Großhändler gibt.

          Wie beim Mikado-Spiel

          Warum will das Bundeskartellamt gerade jetzt mehr über das Presse-Grosso-System wissen? Das Kartellamt weist vor allem auf den angemeldeten Zusammenschluss der Großhändler hin. Doch als vor einem Jahr zwei Großhändler in Schleswig-Holstein fusionierten, genehmigte es diesen ohne eine solche Untersuchung. Seitdem hat der Streit zwischen Bauer und dem Großhandel den Bundesgerichtshof erreicht, in deren Verhandlung im Mai mit Jörg Nothdurft auch ein Vertreter des Kartellamts sprach. Er redete darüber, dass wenn wie mit der Kündigungsfrage eine der vielen Säulen des Systems wegbreche, ungewiss sei, wie der Pressegroßhandel weiter existieren könne. Schon da sprach er davon, dass das Kartellamt für Antworten mehr über das System wissen müsse. Die Behörde scheint somit aufmerksam auf die Frage des Pressevertriebs geworden zu sein und wartet gespannt auf den Ausgang des Verfahrens am Bundesgerichtshof - die Urteilsbekanntgabe hat das Gericht vom Dienstag gerade auf Montag, den 24. Oktober, verschoben. Auch in seinem Schreiben an die Verlage geht das Kartellamt indirekt auf den Prozess ein und fragt, was es bedeuten würde, wenn die Verlage „im Verhältnis zu den Presse-Grossisten ein ordentliches Kündigungsrecht“ hätten.

          Ganz ähnlich wie Nothdurft urteilen die Verlage über den Pressevertrieb. „Wenn eines der das System tragenden Elemente in Frage gestellt wird, gerät das ganze System ins Wanken“, warnt Fürstner vom VDZ. Es sei wie beim Mikado-Spiel: Ziehe man ein tragendes Stäbchen, breche das Spiel zusammen. „Wir hoffen zuversichtlich, dass den Richtern die Bedeutung und Tragweite ihrer Entscheidungen für die künftige Pressevielfalt in Deutschland bewusst ist.“

          Quelle: F.A.Z.

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