Home
http://www.faz.net/-gqi-6ue6w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Bauer-Verlag gegen Großhändler Neue Sorgen um das Pressevertriebsnetz

Der Bauer-Verlag attackiert das Grosso-System. Doch nicht nur der Bundesgerichtshof richtet über den Pressevertrieb. Die Entscheidungen nahen.

© dpa Vergrößern Das Pressevertriebssystem in Gefahr: Wer kann es retten?

In einer Woche droht der Anfang vom Ende des deutschen Pressevertriebssystems. Der Bundesgerichtshof wird am Montag sein Urteil darüber verkünden, ob der Bauer-Verlag („Bravo“, „TV Movie“, „Neue Post“) rechtmäßig einen Pressegroßhändler gekündigt hat. Verleger und Handel erwarten gebannt die Entscheidung, die die Bedingungen des Presse-Grosso-Systems grundlegend ändern kann.

Dass Bauer dem norddeutschen Großhändler Alexander Grade die Lieferrechte seiner Zeitschriften entzogen hat, ist stark umstritten. Die Kündigung erfolgte ohne Angaben von Gründen - ein Verstoß gegen die gemeinsame Erklärung, die sich die Verlegerverbände VDZ und BDZV mit dem Grossoverband 2004 selbst gegeben haben, um die Bestandteile des Systems zu sichern. „Das Grosso-System garantiert jedem den Marktzutritt und schafft eine Pressevielfalt, die ohnegleichen ist“, sagte Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es sei ein Garant dafür, dass Pressefreiheit gelebt werden kann.

Yvonne Bauer, die Verlegerin des Bauer-Verlages, mit ihrem Vater Heinz Bauer Yvonne Bauer, die Verlegerin des Bauer-Verlages, mit ihrem Vater Heinz Bauer © dpa Bilderstrecke 

Die Großhändler liefern die Zeitschriften und Zeitungen als neutrale Dienstleister der Verlage zum Kiosk - und das für jeden Titel je nach Umsatz und Auflage zu den gleichen Konditionen. Sie fürchten, dass ein Urteil zugunsten Bauers ihre Neutralität und die Pressevielfalt gefährdet. 70 Grosso-Betriebe liefern 2,7 Milliarden Exemplare im Jahr an 120 000 Verkaufsstellen in Deutschland. Erhalten die Verlage mehr Macht, wie durch ein leichtes Drohen mit einer einfachen Kündigung, können besonders die großen Unternehmen mehr Druck auf den Vertriebsweg aufbauen und versuchen, sich Vorteile zu Lasten des Wettbewerbs am Kioskregal zu sichern. Letztendlich geht es um die Plazierung im Einzelhandel, die mit darüber entscheidet, wie sich ein Titel verkauft.

Nur ist eben der Bauer-Verlag aus dem Branchenkonsens über das in Jahrzehnten gewachsene System ausgestiegen und attackiert den Pressegroßhandel auch vor dem Landgericht Köln. Dort streitet er sich mit dem Grosso-Verband über dessen zentrales Verhandlungsmandat, das einheitliche Konditionen für alle sichert.

Das Kartellamt fragt nach

Doch nicht nur von der rechtlichen Seite wächst der Druck auf das System. Auch das Bundeskartellamt versucht sich in das Presse-Grosso-System einzumischen - wenn auch noch mit angezogener Handbremse. Dass zwei der fast 70 Pressegroßhändler ihren Zusammenschluss dem Amt gemeldet haben, nahm die Behörde zum Anlass, umfangreiche Fragebögen an die Vertriebswelt zu verschicken. Diese gingen an zahlreiche Verlage, Nationalvertriebe und mehr als 10 Pressegroßhändler und liegen dieser Zeitung in verschiedenen Fassungen vor. Der Bauer-Verlag etwa bestätigte den Erhalt für die Vertriebsgesellschaft, die VU Verlagsunion und ihren Hamburger Großhändler Pressevertrieb Nord.

Zusammenschließen wollten sich die beiden Unternehmen Pressevertrieb Köln Doll & Esser aus Hürth und der Pressegroßhandel Probst & Heuser GmbH & Co. KG aus Wuppertal. Den Antrag auf Genehmigung beim Bundeskartellamt haben sie nach dem Verschicken der Fragebögen zurückgezogen, so dass das Amt vorerst nicht weiter über die Fusion beschließen muss und Zeit zum Datensammeln hat. Nach eigenen Angaben wollen sich die Unternehmen weiter zusammenschließen.

Antworten auf die vielen Fragen hat das Bundeskartellamt inzwischen. „Wir haben umfangreiche Daten gesammelt und werten diese aus“, bestätigt ein Sprecher. Beabsichtigt sei auch ein Kontakt zur britischen Wettbewerbsbehörde, um deren Untersuchungen des Marktes zu erhalten. Dieser Austausch sei bei allen Unterschieden vor allem methodisch sehr interessant. Großbritannien wird vom Großhandel als Beispiel dafür angeführt, wie sehr die Pressevielfalt leidet, wenn die großen Verlage viel Macht haben und es nur noch wenige Großhändler gibt.

Wie beim Mikado-Spiel

Warum will das Bundeskartellamt gerade jetzt mehr über das Presse-Grosso-System wissen? Das Kartellamt weist vor allem auf den angemeldeten Zusammenschluss der Großhändler hin. Doch als vor einem Jahr zwei Großhändler in Schleswig-Holstein fusionierten, genehmigte es diesen ohne eine solche Untersuchung. Seitdem hat der Streit zwischen Bauer und dem Großhandel den Bundesgerichtshof erreicht, in deren Verhandlung im Mai mit Jörg Nothdurft auch ein Vertreter des Kartellamts sprach. Er redete darüber, dass wenn wie mit der Kündigungsfrage eine der vielen Säulen des Systems wegbreche, ungewiss sei, wie der Pressegroßhandel weiter existieren könne. Schon da sprach er davon, dass das Kartellamt für Antworten mehr über das System wissen müsse. Die Behörde scheint somit aufmerksam auf die Frage des Pressevertriebs geworden zu sein und wartet gespannt auf den Ausgang des Verfahrens am Bundesgerichtshof - die Urteilsbekanntgabe hat das Gericht vom Dienstag gerade auf Montag, den 24. Oktober, verschoben. Auch in seinem Schreiben an die Verlage geht das Kartellamt indirekt auf den Prozess ein und fragt, was es bedeuten würde, wenn die Verlage „im Verhältnis zu den Presse-Grossisten ein ordentliches Kündigungsrecht“ hätten.

Ganz ähnlich wie Nothdurft urteilen die Verlage über den Pressevertrieb. „Wenn eines der das System tragenden Elemente in Frage gestellt wird, gerät das ganze System ins Wanken“, warnt Fürstner vom VDZ. Es sei wie beim Mikado-Spiel: Ziehe man ein tragendes Stäbchen, breche das Spiel zusammen. „Wir hoffen zuversichtlich, dass den Richtern die Bedeutung und Tragweite ihrer Entscheidungen für die künftige Pressevielfalt in Deutschland bewusst ist.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Google News Kommt uns spanisch vor

Spaniens Kulturminister spricht angesichts der Gesetzesnovelle zum Schutz des geistigen Eigentums von einer Pioniertat zum Wohle der Presse, mehr noch: des ganzen Landes. Google News sieht das anders und schließt seine iberische Seite. Mehr Von Paul Ingendaay, Madrid

12.12.2014, 06:18 Uhr | Feuilleton
So funktioniert Israels Raketenabwehr

Die israelische Raketenabwehr "Iron Dome" gilt als weltweit einzigartiges System. Seit Tagen fängt die "Eiserne Kuppel" zahlreiche aus dem Gazastreifen abgefeuerte Raketen ab, darunter mehrere über dem Stadtgebiet von Tel Aviv. Mehr

12.07.2014, 18:46 Uhr | Politik
Termine des Tages Kampf der Korruption

Heute findet der internationale Antikorruptionstag statt, die BKK stellt ihren Gesundheitsreport 2014 vor und der Bundesgerichtshof verhandelt über eine Klage der Verbraucherzentrale NRW gegen einen Reiseveranstalter. Mehr

08.12.2014, 15:46 Uhr | Wirtschaft
Goalcontrol Wie funktioniert die Torlinientechnik?

Bei der Fußball-WM in Brasilien wurde die Torlinientechnik erfolgreich eingesetzt. Nun stimmt auch die Bundesliga über die Einführung ab. Wie funktioniert das System von Goalcontrol eigentlich? Mehr

04.12.2014, 12:46 Uhr | Sport
Online-Portal Telekom will angeblich T-Online an Springer verkaufen

Laut einem Medienbericht verhandelt die Telekom und der Axel-Springer-Verlag über einen Verkauf des Internet-Portals. Die Gespräche seien aber in einem sehr frühen Stadium. Mehr

20.12.2014, 09:05 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.10.2011, 16:39 Uhr

Der Dauerstreik

Von Carsten Knop

Die Amazon-Mitarbeiter streiken, nur kaum jemand merkt es. Doch in den Versandzentren tut sich was. Mehr 2 13


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Lehrer und Schüler sind zufrieden mit der Computerausstattung an Schulen

Lehrer und Schüler sind eigentlich zufrieden mit ihrer Internet- und Computer. Doch welche Gruppe ist kritischer mit der Ausstattung? Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden