http://www.faz.net/-gqe-92q3a

BASF : Die Suche nach den vergifteten Polstern

Von einer Gesundheitsgefährdung durch den Schaumstoff sei nach den ersten Untersuchungen nicht auszugehen, teilte BASF am Donnerstag mit. Bild: dpa

Im Falle der vergifteten Polster nimmt BASF das Rohmaterial zurück, belastete Matratzen nicht. Die Hersteller fühlen sich im Regen stehen gelassen und sprechen von einem „Skandal ohne Ende“.

          Auch Tage nachdem der Chemiekonzern BASF die Lieferung von schadstoffbelasteten Schaumstoffvorprodukten einräumen musste, geht die Suche nach belasteten Matratzen und Polstern weiter. Dutzende, meist mittelständische weiterverarbeitende Betriebe, haben ihren Betrieb zwischenzeitlich eingestellt. Der Matratzenhersteller Dunlopillo rief vorsorglich Teile seiner Matratzen zurück. BASF hat seit Dienstag einen Krisenstab eingesetzt.

          Bernd  Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Noch sei völlig unklar, wie groß das Problem tatsächlich sei und wo genau welche möglicherweise belastenden Schäume weiterverarbeitet wurden, sagt Klaus Junginger vom Fachverband Schaumkunststoffe und Polyurethane, dessen 160 Mitgliedsunternehmen mit dem Aufschäumen von Kunststoffpolstern fast zehn Milliarden Euro im Jahr umsetzen. Jede neue Erkenntnis werde an die Kunden, also etwa die Hersteller von Matratzen oder Autositze, weitergegeben.

          Matratzenhersteller geben Untersuchungen in Auftrag

          Die Matratzenhersteller als letztes Glied der Wertschöpfungskette sehen sich hingegen weiter im Regen stehen gelassen. Fragen an die Schaumstoffhersteller würden zum Teil gar nicht oder inhaltlich „nicht wesentlich weiterführend“ beantwortet, Haftungen würden nicht übernommen, beklagte der Fachverband Matratzen-Industrie am Donnerstag. „Am Ende ist es die Matratzen herstellende Industrie und der Verbraucher, die doppelt geschädigt werden.“ Die Matratzenhersteller haben nach Angaben ihres Verbandes Untersuchungen in Auftrag gegeben, um die möglichen Schadstoffe zu überprüfen. Mit Ergebnissen sei in einigen Tagen zu rechnen, pauschale Urteile nicht möglich. „Der derzeitige Kenntnisstand rechtfertigt keine allgemeine Rückrufaktion.“ In Deutschland werden im Jahr etwa sechs Millionen Matratzen verkauft, das Marktvolumen beläuft sich auf rund eine Milliarde Euro.

          BASF teilt am frühen Donnerstagnachmittag mit, im Rahmen einer Risikobewertung hätten Fachleute des Unternehmens erste Untersuchungen an verunreinigten Schäumen durchgeführt. Die Ergebnisse und weitergehende Berechnungen zeigten, dass nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen sei. Die Details der Bewertung stellt BASF den zuständigen Behörden und relevanten Verbänden zur Verfügung.

          Tausende Tonnen Schaumstoff

          Der Konzern hatte zwischen Ende August und Ende September 7500 Tonnen des flüssigen Kunststoffgrundprodukts TDI hergestellt, mit einer deutlich erhöhten Konzentration an Dichlorbenzol (DCB). DCB kann Haut, Atemwege und Augen reizen und steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Nach Angaben des Konzerns war der DCB-Anteil in den betroffenen Chargen stark erhöht. Statt der sonst üblichen weniger als drei Anteile je Million (ppm) seien es mehrere hundert gewesen. BASF wurde erst durch den Hinweis eines Kunden überhaupt auf die fehlerhafte Produktion aufmerksam. Üblicherweise teste man den DCB-Gehalt einmal im Monat. Das, so eine Sprecherin, entspreche den Kundenanforderungen.

          TDI ist ein Ausgangsstoff für den Kunststoff Polyurethan, der zur Herstellung von Matratzen sowie für Polsterungen benutzt wird. Der Konzern hat nach eigenen Angaben 50 betroffene Kunden in Europa informiert und die Auslieferung des Produkts gestoppt. Die eine Milliarde Euro teure neue TDI-Anlage steht still und soll erst Anfang der kommenden Woche wieder angefahren werden. Von den belasteten 7500 Tonnen TDI seien rund zwei Drittel noch nicht weiterverarbeitet und würden von BASF zurückgeholt. Aus den verbliebenen 2500 Tonnen Grundstoff können nach Angaben des Konzerns grob bis zu 5000 Tonnen Schaumstoff entstehen. 5000 Tonnen, die nun gesucht, gefunden und im Zweifel entsorgt werden müssten.

          Bei den Herstellern herrscht Chaos

          Der Konzern hat ein Krisenteam mit 75 Spezialisten zur Beratung abgestellt und eine telefonische Hotline geschaltet. Die Matratzenhersteller als Weiterverarbeiter hatte BASF nicht direkt informiert, sie haben von den Problemen nach eigenem Bekunden erst durch ihre Lieferanten erfahren. BASF nimmt nach eigenen Angaben nur unverarbeitetes TDI oder noch nicht verarbeitete Schaumblöcke zurück, bereits weiterverarbeitete Produktmengen nicht.

          In der weiterverarbeitenden Industrie haben die Produktionsprobleme des Konzerns für Chaos gesorgt. Der Schaumstoffhersteller Carpenter hat mit Blick auf die Lieferprobleme bereits „Force Majeure“ gemeldet. Damit berufen sich Unternehmen auf höhere Gewalt und befreien sich so ihrerseits von Lieferverpflichtungen. Der Verband der Matratzen-Hersteller geht davon aus, dass weitere Schaumstoffproduzenten diesem Beispiel folgen. Der Autositzhersteller Grammer hat nach eigenen Angaben einen Krisenstab eingerichtet.

          Wie verwoben die Lieferketten sind, zeigt ein Blick in eine Pflichtinformation des börsennotierten Schaumstoffherstellers Conzzeta. Das Schweizer Unternehmen hat die Produktion in drei Werken gestoppt. In einem Werk sei belastetes TDI gerade verarbeitet worden, in einem zweiten habe man noch unverarbeitete kontaminierte Chargen gefunden. In einem dritten Werk sei das Rohmaterial bereits restlos verarbeitet gewesen. In diesem Fall habe man die Kunden informiert.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Massenflucht der Rohingya Video-Seite öffnen

          Burma : Massenflucht der Rohingya

          Die Zahl der aus Burma fliehenden muslimischen Rohingya ist nach Angaben der Vereinten Nationen drastisch gestiegen. Sie fliehen vor Gewalt und Hunger. Im Süden von Bangladesch droht sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation eine Cholera-Epidemie auszubreiten. In den Flüchtlingslagern werden Platz, Wasser und Nahrung knapp.

          Zwei gegen Boeing

          Airbus-Offensive : Zwei gegen Boeing

          Airbus greift sich die Kontrolle über die Regionalflugzeuge des kanadischen Herstellers Bombardier. Der große Konkurrent in den Vereinigten Staaten muss sich nun warm anziehen.

          Topmeldungen

          Jamaika-Sondierung : Zwölf Themen, sie zu binden

          Jetzt wird es ernst: Am Nachmittag beginnen die Jamaika-Sondierungen in großer Runde, mit allen Parteien. Die zentralen Punkte für eine Einigung sind identifiziert – von den Bäumen runter sind die Unterhändler deshalb aber noch lange nicht.
          Auf den Zahn gefühlt: Fast alle Parteien leiden unter Phantomschmerzen

          Fraktur : Nervtötende Sondierung

          Die geplante Mesalliance aus Union, FDP und Grünen ist doch im Grunde ein einziger wunder Punkt.
          Ludwig Erhard (1897 bis 1977) sah in der Sozialen Marktwirtschaft nie ein in Stein gemeißeltes Dogma.

          Koalitionsverhandlungen : Mehr Ludwig Erhard wagen

          Schon zehn Jahre nach Einführung der Sozialen Marktwirtschaft forderte der legendäre Wirtschaftsminister Ludwig Erhard eine Weiterentwicklung. Geklappt hat das bis heute nicht. Ein Auftrag für die nächste Regierung!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.