06.08.2007 · Jochen Sanio, Präsident der Aufsichtsbehörde Bafin, hat vor der "größte Bankenkrise seit 1931" gewarnt und damit die Unruhe rund um die IKB-Krise weiter geschürt. Dabei ist die Schieflage der IKB Deutsche Industriebank ist nicht die erste und größte Bankenkrise in Deutschland.
Von Daniel SchäferJochen Sanio ist alles andere als ein Leisetreter. Deutschland drohe die „größte Bankenkrise seit dem Jahr 1931“ - dieses Schreckensszenario soll der Präsident der Aufsichtsbehörde Bafin angeblich vor einer Woche an die Wand gemalt haben, um die Führungselite der deutschen Kreditbranche zu einer Rettungsaktion für die in bedrohliche Schieflage geratene IKB zu bewegen.
Mit diesen dramatischen Worten verunsicherte Sanio nicht nur die ohnehin schon nervösen Finanzmärkte. Er brachte auch Axel Weber, Präsident der Deutschen Bundesbank, gegen sich auf. Denn die Schieflage der nicht im Privatkundengeschäft tätigen Mittelstandsbank ist nicht vergleichbar mit Krisen, in denen Großbanken gefährdet waren oder zahlreiche Kleinanleger erst ihr Geld und dann ihr Vertrauen verloren.
Die Bankenbranche stand vor dem Zusammenbruch
Am 13. Juli 1931 gab es kein Halten mehr. Damals schloss die Darmstädter und Nationalbank (Danatbank) wegen Zahlungsschwierigkeiten ihre Pforten. Ein Großkredit an den vor der Pleite stehenden Nordwolle-Konzern sowie die durch Inflation und Wirtschaftskrise ausgelöste Kapitalflucht ausländischer Anleger brachten das Kredithaus ins Kippen. Binnen Stunden nach der Ankündigung der zweitgrößten deutschen Bank stürmten die Kunden die Schalter sämtlicher Banken und Sparkassen, um ihre Einlagen in Sicherheit zu bringen. Die Regierung musste die beiden Folgetage zu Bankfeiertagen deklarieren, der gesamte Zahlungsverkehr war blockiert. Die Bankenbranche stand vor dem Zusammenbruch.
Einen derartigen Vertrauensverlust hat das deutsche Kreditgewerbe in der Nachkriegszeit nicht mehr erlebt. Auch wenn es immer mal wieder spektakuläre Schieflagen gegeben hat - die meisten Bankkrisen glichen mehr Provinzpossen als drohenden Katastrophen für die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Generell sind Schieflagen von Banken ohnehin eine recht seltene Angelegenheit: In Deutschland gingen im vergangenen Jahr laut der Wirtschaftsforschungsgesellschaft Creditreform 31.300 Unternehmen in die Insolvenz. Gerade einmal eine Handvoll davon dürften Bankenpleiten gewesen sein.
Kollaps der Herstatt-Bank
Die Gründe für spektakuläre Schieflagen von Banken sind meistens die gleichen: Entweder sie übernehmen sich mit zu großen Einzelkrediten, oder sie drehen - wie im Fall der IKB - an den internationalen Kapitalmärkten abseits ihres Kerngeschäfts ein zu großes Rad. Geradezu ein Riesenrad drehten Danny Dattel und seine „Goldjungs“. Der Chefdevisenhändler der traditionsreichen Kölner Privatbank Herstatt steckte nach der Freigabe des Dollar-Wechselkurses in den siebziger Jahren in seinem Handelssaal mit dem sinnigen Namen „Raumstation Orion“ viel Geld in Währungswetten.
Im Jahr 1974 kam das Aus: Auf einen damals geradezu atemberaubenden Verlust von 1,2 Milliarden D-Mark folgten der Kollaps der Herstatt-Bank und ein schwerer Vertrauensverlust für den deutschen Finanzmarkt. Die Großbanken hatten sich zuvor nicht bereit erklärt, das angeschlagene Geldhaus zu stützen. Als Lehre aus dem Debakel, das manchen Kleinsparer viel Geld kostete, gründete der Bankenverband zwei Jahre später den Einlagensicherungsfonds der privaten Banken.
Eine Rettungsaktion verhinderte den Konkurs
Auf den nächsten größeren Zusammenbruch folgte eine Rettungsaktion - die den drohenden Konkurs der Bank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) im Jahr 1983 verhinderte. Damals platzte ein Kredit, der dem Achtfachen des SMH-Eigenkapitals entsprach. Der Einlagensicherungsfonds kam in größerem Stil erst später zum Einsatz - beispielsweise musste er 1995 Einlagen des zahlungsunfähigen Hamburger Bankhauses Fischer von 800 Millionen D-Mark entschädigen und vor fünf Jahren 1,3 Milliarden Euro zur Sanierung der schwer angeschlagenen Schmidt-Bank aus Hof aufwenden.
Auch die Gewerkschaften waren schon Leidtragende einer größeren Bankkrise - der Beinahepleite der AHBR im Jahr 2005. Der Immobilienfinanzierer war in großem Stil Zinswetten eingegangen - hatte aber leider auf steigende statt auf fallende Zinsen gesetzt. Die Folge waren eine Erschütterung des Pfandbriefmarktes, ein geschätzter Gesamtverlust von 4 Milliarden Euro und ein Verkauf der AHBR an den Finanzinvestor Lone Star. Noch viel mehr Geld war es bei der Bankgesellschaft Berlin. Nach der Schieflage von Immobilienfonds wies die Landesbank seit dem Jahr 2001 Milliardenverluste aus, das Land Berlin musste Immobilienrisiken in der atemberaubenden Größenordnung von 21,6 Milliarden Euro abschirmen.
Für das deutsche Finanzsystem weitgehend folgenlos
So spektakulär diese Schwierigkeiten waren, für das deutsche Finanzsystem blieben die meisten weitgehend folgenlos. Ganz anders dagegen verlief die wohl schwersten Krise der Großbanken in der Nachkriegszeit im Herbst 2002. Damals waren die Großbanken Dresdner Bank, Hypo-Vereinsbank und Commerzbank angesichts zunehmender Firmenpleiten mit ihren Mittelstandskrediten in Bedrängnis geraten. Hinzu kamen die Kursstürze an den Aktienmärkten, die den Banken ernsthaft zu schaffen machten.
Besonders betroffen war die Commerzbank, deren Börsenwert nach Gerüchten über Liquiditätsschwierigkeiten auf gerade einmal 2,7 Milliarden Euro fiel. Anders als heute fand der Bankenaufseher Jochen Sanio damals beruhigende Worte: Die Bankbranche sei nicht in einer Krise und die Anleger reagierten über, verlautete aus seiner Behörde. Das beendete für die nächsten Monate die Talfahrt des Deutschen Aktienindex und der Bankaktien - während sich dieser Tage die Talfahrt beschleunigte.
Der Unfallschutz der Bankbranche: Einlagensicherungsfonds und Liko-Bank
Die spektakuläre Herstatt-Pleite sorgte dafür, dass der Schutz der Kundengelder in Deutschland erheblich verbessert wurde. Seither gehören fast alle Kreditinstitute Sicherungseinrichtungen an, die von den Verbänden der Banken auf freiwilliger Basis errichtet wurden. Der gesetzliche Mindestschutz durch die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken umfasst nämlich lediglich 90 Prozent der Einlagen und maximal 20.000 Euro je Bankkunde.
Der 1976 als Folge des Herstatt-Kollapses gegründete Einlagensicherungsfonds garantiert dagegen dem Kunden Einlagen bis zu 30 Prozent des haftenden Kapitals der Bank. Die genossenschaftlichen Institute haben als zentrale Sicherungseinrichtung den Garantiefonds des Bundesverbands Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Sparkassen und Landesbanken haben gar ein mehrstufiges System: Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) hat einen Einlagensicherungsfonds. Hinzu kommen regionale Sparkassen-Stützungsfonds sowie eigene Töpfe der Landesbanken.
Der Einlagensicherungsfonds der Privatbanken dient zwar eigentlich dazu, die Einlagen der Bankkunden zu sichern. Für die Stützung der im Privatkundengeschäft nicht tätigen IKB kann der dennoch dienen. Denn laut Satzung darf der Fonds auch Hilfe leisten, „um Beeinträchtigungen des Vertrauens in die privaten Kreditinstitute zu verhüten“. Möglicherweise kommt im Fall der IKB aber eine andere Sicherungseinrichtung ins Spiel: Ebenfalls unter dem Eindruck des Herstatt-Zusammenbruchs hatte die Deutsche Bundesbank zusammen mit den Verbänden der Kreditwirtschaft und zahlreichen Banken 1974 die Liquiditäts-Konsortialbank (Liko-Bank) gegründet. Diese soll ansonsten solventen Banken bei Liquiditätsproblemen mit kurzfristigen Krediten aushelfen. (da.)