09.02.2009 · Auf den ersten Blick scheint es als sei die britische Bank Barclays glimpflich durch die Krise gekommen: Sie erzielt trotz gewaltiger Abschreibungen einen Nachsteuergewinn. Dennoch kürzt sie die Bonuszahlungen an ihre Mitarbeiter um knapp die Hälfte. Denn der Gewinn beruht zum Großteil auf Sondereffekten.
Von Bettina Schulz, LondonDie britische Bank Barclays weist trotz massiver Verluste und Abschreibungen aus der Finanzkrise für das vergangene Jahr einen Nachsteuergewinn von knapp 5,3 Milliarden Pfund aus. Ein Großteil dieses Gewinns lässt sich allerdings nicht durch eine gute Geschäftsentwicklung, sondern mit Sonderfaktoren erklären. Die Bank lässt daher die Schlussdividende für das vergangene Jahr ausfallen. Die Geschäftsführung reagierte zudem auf den Druck der Öffentlichkeit, die Frustration der Aktionäre und den Unmut der Steuerzahler und erklärte, dass kein Vorstand einen Bonus erhalten wird. Die Bonuszahlungen an die Mitarbeiter wurden um 48 Prozent gekürzt. Bei der Investmentbank Barclays Capital und Barclays Global Investors wurde die Hälfte der Bonuszahlungen gegenüber 2007 gestrichen. Dennoch fließen in diesen Tagen insgesamt fast 600 Millionen Pfund an leistungsbedingter Vergütung an die Mitarbeiter von Barclays Capital, knapp die Hälfte der Zahlung des Vorjahres.
Die Aktionäre mussten seit der Krise um Lehman Brothers im Herbst vergangenen Jahres einen Absturz der Aktie von 390 Pence auf knapp 50 Pence verkraften. Seither hat sich der Aktienkurs auf 115 Pence verdoppelt. Um der Unsicherheit am Markt und Spekulationen über noch drohende Verluste und Eigenkapitalmängel der Bank entgegenzutreten, erklärte die Geschäftsführung am Montag penibel, wie sich die Risikopositionen der Bank entwickelt haben, wie sie verbucht, abgeschrieben und oft auch verkauft wurden. Der Geschäftsabschluss umfasst mehr als 120 Seiten.
Insgesamt hat Barclays im vergangenen Jahr den Leverage, also das Verhältnis von Geschäftsvolumen, das mit Fremdkapital finanziert wurde, zum Eigenkapital von Faktor 33 auf 24 zurückgefahren. Zu dem Vorsteuergewinn von 6,08 Milliarden Pfund trug ein Buchgewinn der in New York aufgekauften Operationen von Lehman Brothers von 2,4 Milliarden Pfund bei. Auch ein Buchgewinn von 1,7 Milliarden Pfund auf eigene Schuldverschreibungen und ein außerordentlicher Verkaufsgewinn von 326 Millionen Pfund besserten das Ergebnis auf.
Die Vorsteuergewinne aus den Sparten des britischen Kleinkundengeschäftes, des Firmenkundengeschäftes, von Barclay-Card wie auch die Ergebnisse der transatlantischen Geschäfte stagnierten weitgehend. Die Abschreibungen und Verluste aus der Finanzkrise waren bei der Investmentbank Barclays Capital jedoch so hoch, dass die Operation trotz erfreulicher Ergebnisse in vielen Einzelsparten einen Verlust von 900 Millionen Pfund hätte ausweisen müssen, hätte nicht der Buchgewinn von Lehman Brothers dem entgegengestanden.
Der Netto-Handelsgewinn von Barclays Capital verringerte sich im vergangenen Jahr von 3,7 auf 1,5 Milliarden Pfund. Der Gesamterlös fiel von 6,3 auf 2,8 Milliarden Pfund. Entscheidend ist freilich, dass bei Barclays Capital der große Brocken der Abschreibungen aus der Finanzkrise anfiel, nämlich 8,05 Milliarden Pfund. Dabei hat die kräftige Aufwertung des Dollar gegenüber dem Pfund die in Dollar gerechneten amerikanischen Risiken aus der Subprime-Krise deutlich aufgebläht. Dieser Effekt konnte nur zu zwei Dritteln durch Gewinne aus Wechselkursabsicherungen abgefedert werden. Barclays Bank hat die für die Banken günstigen Änderungen der internationalen Rechnungslegung IAS 39 nicht in Anspruch genommen, um Positionen aus dem Handelsbuch in das Bankbuch umzubuchen.
Seit Jahresabschluss 2007 haben sich die Risikopositionen von Barclays Capital durch Verkäufe, Verluste aus Marktbewertungen und Abschreibungen folgendermaßen verändert: Der Bestand der gesamten amerikanischen Risikopositionen (ABS CDO, ALT-A und RMBS-Monoline) reduzierte sich von 15,3 Milliarden Pfund durch Verkäufe, Buchverlust aus der Marktbewertung von 3,9 Milliarden Pfund und Abschreibungen von 1,67 Milliarden Pfund auf 12,4 Milliarden Pfund. Auf Risikopositionen aus dem Markt der Gewerbeimmobilien fielen Verluste aus der Marktbewertung von 1 Milliarde Pfund an und auf Risikopositionen aus dem Markt von privaten Hypotheken 1,5 Milliarden Pfund Verluste aus Marktbewertung. Weitere Buchverluste von knapp 900 Millionen Pfund beziehen sich auf strukturierte Finanzierungsgesellschaften (SIVs) und andere Positionen. Der Geschäftsbericht gibt exakt Auskunft darüber, bis zu welchem Grad die Einzelpositionen abgeschrieben wurden.
Die Geschäftsführung erwartet, dass dieses Jahr 2009 nochmals sehr schwierig wird, dass aber die Verluste und Abschreibungen nicht annähernd so hoch ausfallen werden wie 2009, so dass in der zweiten Jahreshälfte wieder mit der Dividendenzahlung begonnen werden kann. Der Vorstandsvorsitzende Sir John Varley betonte allerdings, dass das Investmentbanking langfristig nur noch ein Drittel zum Ergebnis beitragen wird, bei weitem nicht mehr so viel wie in der Vergangenheit.
Barclays will sich an dem Staatsprogramm beteiligen, mit dem der britische Staat eine Absicherung des Risikos von bestimmten Kreditpositionen bei Banken übernimmt. Aber der Vorstand von Barclays betont, dass die Bank ohne Eigenkapitalhilfe des Staates auskommen werde. Barclays hatte im vergangenen Oktober eine Kapitalerhöhung von 5,2 Milliarden Pfund durchgeführt – sehr zum Ärger zahlreicher Aktionäre. Im Rahmen der Kapitalerhöhung wurde der Königsfamilie von Abu Dhabi und zwei Großinvestoren aus Katar eine Beteiligung an der Bank in Höhe von insgesamt 32 Prozent zugesprochen. Dies führte zu einer schmerzlichen Verwässerung der Aktien der Altaktionäre.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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