15.11.2007 · Vorausplanung, Lagerhaltung und Wettbewerber der Bahn helfen den Unternehmen, den Streik zu überstehen. Dabei gibt es sogar Gewinner: Fluggesellschaften freuen sich über hohe Nachfrage nach innerdeutschen Flügen, Autovermieter frohlocken. Auswirkungen hatte der Streik vor allem auf den Hafenbetrieb in Hamburg.
Von Carsten KnopDie Bahn kommt – nicht, und Deutschlands Unternehmen arbeiten trotzdem weiter. Die Rohstofflager wurden schon vor Beginn des jüngsten Bahnstreiks aufgefüllt; mancher hat sich um alternative Transportmöglichkeiten gekümmert. Das zeigen stichprobenartige Umfragen in der deutschen Wirtschaft. Es gibt sogar Gewinner: Der Bahnkonkurrent Veolia profitiert ebenso vom Ausstand der Lokführer wie Autovermieter oder Fluggesellschaften.
Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin spürt eine höhere Nachfrage auf einigen innerdeutschen Strecken. Für Flüge zwischen Düsseldorf und Hamburg seien bis zu 30 Prozent mehr kurzfristige Buchungen eingegangen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Ähnliches gilt für Tuifly, eine Tochtergesellschaft des Reisekonzerns Tui. Ein Tuifly-Sprecher sagte, er könne zwar keine konkreten Zahlen nennen, aber seit zwei bis drei Tagen gebe es für innerdeutsche Strecken mehr Interessenten: „Vermutlich will der ein oder andere wegen des Risikos, mit der Bahn nicht voranzukommen, doch auf das Flugzeug umsteigen.“
Schlechte Nachrichten von Audi
Deutschlands größtem Autovermieter Sixt hilft der Streik ebenfalls. „An den Bahnhöfen sind wir zu 100 Prozent ausgelastet“, sagte Vorstandsvorsitzender Erich Sixt am Donnerstag in München. „Es war sogar erkennbar, dass wir die Nachfrage nicht vollständig befriedigen können.“ Schlechte Nachrichten kommen dagegen aus dem Brüsseler Werk des Autoherstellers Audi. Dort wurde am Donnerstag und wird an diesem Freitag nicht produziert, weil die nötigen Teile aus der Tschechischen Republik und Deutschland nicht geliefert wurden. Je Schicht fertigen rund 800 Mitarbeiter in Brüssel 70 Audi A3 und gut 150 VW Polo.
Das Bochumer Opel-Werk ist einem Unternehmenssprecher zufolge von den Streiks im Güterverkehr doppelt betroffen: Es gebe Beeinträchtigungen sowohl beim Abtransport von Neuwagen als auch bei der Zulieferung wichtiger Komponenten wie Motoren oder Getrieben. Dagegen war die Produktion bei Ford in Köln von dem Streik bislang nicht beeinträchtigt. „Es läuft alles normal“, sagte ein Unternehmenssprecher. Das sei auch in den kommenden Tagen zu erwarten. Es würden knapp 2000 Autos täglich hergestellt. Grundsätzlich laufe nur ein Drittel des Gütertransports bei Ford über die Schiene, dieser Anteil sei wegen des Streiks nochmals verringert worden.
„Langsam wird es voller“
Auch bei Daimler hieß es, der Konzern habe seit Wochen mit Streiks im Güterverkehr gerechnet. Der Ausstand habe daher keine Auswirkungen. Bei Audi gibt es an den deutschen Produktionsstandorten Ingolstadt und Neckarsulm derzeit ebenfalls keine Schwierigkeiten. „Wir haben keine Nachschubprobleme und keine Probleme beim Abtransport“, hieß es. Audi hat einige Transporte von der Schiene auf die Straße verlegt und zusätzliche Stellflächen für fertige Neuwagen gemietet. Die Bahn habe Autotransporten Priorität eingeräumt, sagte ein Audi-Sprecher.
Zu spüren war der Streik vor allem am Vormittag im Hamburger Hafen. „Langsam wird es voller“, sagte die Sprecherin der Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA). Rund 50 Prozent des Bahntransports seien beeinträchtigt, also verspätet oder ganz ausgefallen. In der Nacht habe es Verzögerungen beim Verladen von Containern gegeben. „Es sieht schon dramatischer aus als beim letzten Mal.“ Reibungslos läuft laut HPA aber noch der Betrieb der Privatbahnen, die rund 25 Prozent des Schienenverkehrs im Hafen ausmachen. „Unser Bestreben ist es, denen die Gleise zur Verfügung zu stellen“, sagte die Sprecherin. Außerdem halte man die Zu- und Abfahrtgleise frei. Die Störungen seien deshalb nicht so stark wie befürchtet, hieß es beim Zentralverband der Deutschen Seehafenbetriebe. Im Hamburger Hafen seien alle Bahnhofsteile aufnahmefähig. In Bremen stockte es hingegen: Am Eurogate-Terminal in Bremerhaven zum Beispiel hätten neun Züge nicht beladen werden können.
„Relativ entspannt“
Der Duisburger Hafen als größter Binnenhafen Europas war vom Streik zunächst kaum betroffen. „Wir funktionieren“, sagte ein Sprecher der Hafengesellschaft. Die Versorgung in den Sparten Chemie, Kohle und Stahl sei nicht beeinträchtigt. Auch der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel rechnet damit, den Streik im Güterverkehr unbeschadet zu überstehen. „Bis jetzt haben wir weder Probleme mit der Produktion noch mit der Auslieferung“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Der Konzern habe rechtzeitig Rohstoffreserven gelagert.
Bei Bayer in Leverkusen war die Situation nach Angaben eines Sprechers „relativ entspannt“. Das liege daran, dass Bayer nur zu einem niedrigen einstelligen Prozentsatz Güter mit der Bahn transportiere. Zudem seien die Lager vor dem Streik aufgefüllt worden. Beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF gab es nach Angaben einer Sprecherin ebenfalls nach wie vor „keine Probleme“ wegen des Streiks.
Warum will Mehdorn die deutsche Wirtschaft schädigen?
Bernfried Loosen (B.Loosen)
- 15.11.2007, 20:17 Uhr
Geld oder Leben
Thomas Frieling (TFrieling)
- 15.11.2007, 21:41 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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