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Bahn Mehdorns Erbe

23.04.2009 ·  Anfang nächsten Monats wird der neue Bahnchef Rüdiger Grube seinen Posten im Bahn-Tower beziehen. Er wird Mehdorns Erbe antreten - und kann doch nicht ganz sicher sein, was der Erblasser ihm hinterlassen hat. In jedem Fall muss er den Rückfall in die Zeiten der alten Behördenbahn verhindern. Eine Analyse von Kerstin Schwenn.

Von Kerstin Schwenn
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Alles neu macht der Mai: Anfang nächsten Monats wird der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, seinen neuen Posten im Bahn-Tower beziehen. An diesem Samstag will der Aufsichtsrat ihn offiziell bestellen. Grube wird Mehdorns Erbe antreten – und kann doch nicht ganz sicher sein, was der Erblasser ihm hinterlassen hat.

Die erste Bürde ist die Datenaffäre. In seinem Antrittsauftritt, Seite an Seite mit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, hat Grube lückenlose Aufklärung versprochen. Der Abschlussbericht der Sonderermittler soll Mitte Mai vorliegen. Intern wird Grube in den kommenden Monaten unabhängig von der strafrechtlichen Relevanz der Vorgänge viel zerschlagenes Porzellan kitten müssen. Das Verhältnis zu den Gewerkschaften ist angespannt, das Vertrauen der Mitarbeiter beschädigt.

Mehdorns betriebliche Bilanz kann sich sehen lassen

Mehdorns Manko war immer wieder – nicht nur in der von ihm lange unterschätzten Datenaffäre – sein fehlendes Fingerspitzengefühl. Dies machte auch sein Verhältnis zur Politik so schwierig. Ihm fehlte jene Geschmeidigkeit, die Grube jetzt nachgesagt wird. Er scheint vor allem wegen seiner Tätigkeit für den Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, wo Deutsche, Franzosen und andere Europäer mitmischen, für den Bahnposten wie geschaffen. Grube ist mit allen politischen Fallstricken vertraut. Tiefensees Äußerungen zur Zukunft der starken, auf Deutschland und Europa konzentrierten Staatsbahn kommentierte Grube mit beifälligem Nicken – eine Geste, die Mehdorn nie unterlief.

Video: Bahn frei für Rüdiger Grube

Mehdorns betriebliche Bilanz kann sich sehen lassen – auch wenn er sein großes Ziel, den Börsengang, nicht erreicht hat. Die Zahlen sprechen für sich: Der Konzern hat 2008 überall neue Rekorde erzielt, beim Umsatz, beim Gewinn vor Steuern und bei den Passagier- und Frachtzahlen. Nebenbei bemerkt zeigt dies: Es gibt keinerlei Grund, warum Mehdorn auf finanzielle Erfüllung seines Vertrags seitens der Bahn verzichten sollte. Entsprechende Mahnungen der Bundesregierung sind populistisch.

Grube übernimmt ein Unternehmen, das den Zenit überschritten hat. Schon jetzt ist klar, dass die Erfolgszahlen dieses Jahr nicht mehr annähernd erreicht werden. Im Güterverkehr auf der Schiene erlebt die Bahn zurzeit einen Umsatzrückgang um 30 bis 40 Prozent. Wegen der hohen Fixkosten schlägt das Minus fast komplett auf das Ergebnis durch. Und selbst wenn der Personenverkehr noch nicht unter der Krise leidet, liegen dort dunkle Schatten über der Bilanz. Denn die Bahn gewinnt im Nahverkehr, den die Länder ausschreiben, immer weniger Aufträge. Die Gewinne, die aus diesem Geschäft früher verlässlich in die Konzernkassen flossen, werden kleiner. Der neue Bahnchef muss gegensteuern.

Nach der Absage des Börsengangs steckt die Bahn in einem Vakuum

Dass Grube kein gelernter Eisenbahner ist, erschwert die Aufgabe. Hinzu kommt, dass er auf bewährtes Personal verzichten muss. Denn im Herbst will der langjährige Finanzvorstand Diethelm Sack den Konzern verlassen. Ob noch andere Führungskräfte gehen (müssen), hängt auch vom Ausgang der Datenaffäre ab.

Alles neu macht der Mai? Grube selbst hat angekündigt, dass er die Teilprivatisierung „als Option“ erhalten will. In der Politik jedoch hat sich die Stimmung verändert: Die SPD hat den Börsengang im Wahlprogramm mindestens für die kommende Wahlperiode ausgeschlossen. Auch in der Union ist die Verunsicherung durch die Wirtschaftskrise groß, das Vertrauen in Banken und Börsen gestört. Deshalb kommt vielen der Aufschub des Anteilsverkaufs recht. Auch in der Bahn selbst ist der Stimmungsumschwung längst spürbar, manche reden schon von einem Paradigmenwechsel. Für den neuen Bahnchef heißt das: Er muss den Rückfall in alte Behördenbahn-Zeiten verhindern. Er muss Versuche der Politik und der Gewerkschaften abblocken, wieder mehr Einfluss auf das Alltagsgeschäft zu nehmen.

Das soll nicht heißen, dass Grube an allem festhalten muss, was unter Mehdorn geschah. Im Gegenteil: Nach der Absage des Börsengangs steckt die Bahn in einem Vakuum. Mehdorn hat den internationalen Logistikkonzern geschmiedet, mit Transportaufträgen in der ganzen Welt. Lange hat dieses Geschäft den Konzern ernährt, war ein Ausgleich für den schwächelnden Personenverkehr. Jetzt ist es plötzlich umgekehrt: Der Personenverkehr muss die Ausfälle im Güterverkehr kompensieren. Grube wird entscheiden müssen, ob es bei dieser Balance bleiben soll. Er wird entscheiden müssen, ob die internationale Logistikexpansion weitergehen soll oder ob die Bahn ihre Investitionen und Akquisitionen wieder stärker auf den deutschen und europäischen (Personen-)Bahnmarkt konzentrieren soll – zumal die Öffnung der EU-Märkte 2010 unmittelbar bevorsteht.

Alles neu macht der Mai? Bahnchef Grube wird wie sein Vorgänger mit einem Eigentümer Bund leben müssen, der es letztlich im Unklaren lässt, ob die Bahn ein Unternehmen mit Renditezielen sein soll oder ein Betrieb der Daseinsvorsorge. Dass die Neuorientierung der Bahn in die Zeit vor der Bundestagswahl fällt und dass erst die neue Regierung den Rahmen für die Zukunft der Bahn stecken wird, spricht für einen zähen Neuanfang – und gibt gleichzeitig Spielraum, den Grube in der Krise nutzen muss.

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Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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