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Bahn-Datenaffäre Die ewige Hatz auf Hartmut Mehdorn

10.02.2009 ·  In der Datenaffäre prasselt es heftig auf Hartmut Mehdorn ein. Bespitzeln, das klingt nach Erforschung des Intimlebens und ganz schwer nach Stasi. Jetzt fordern alle Mehdorns Rücktritt. Dabei muss doch einmal gefragt werden: Was ist wirklich geschehen?

Von Christian Siedenbiedel
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Jeder darf mitreden. Denn jeder weiß genau, Bahnchef Mehdorn hat seine Mitarbeiter bespitzelt. Und jeder hat eine Meinung. "Ein Skandal erster Güte", heißt es landauf, landab. Ausgerechnet bei einem öffentlichen Unternehmen, mit dem jeder täglich zu tun hat.

Bespitzeln, das klingt nach Erforschung des Intimlebens und ganz schwer nach Stasi. "Innerhalb weniger Tage hat Bahnchef Mehdorn Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vom Platz eins als Buhmann der Nation verdrängt", schreibt eine Zeitung genüsslich.

Jetzt, da alle Mehdorns Rücktritt fordern, muss doch einmal gefragt werden: Was ist wirklich geschehen? Bis jetzt nichts, was die Provozierung des Volkszorns rechtfertigte. Das Unternehmen hat die Adressen und Kontonummern von Mitarbeitern mit denen von Lieferanten verglichen. So wollte die Bahn herausfinden, ob Mitarbeiter Geld für angebliche Lieferungen an die Bahn aufs eigene Konto überweisen. Na und?

Das dient der Korruptionsbekämpfung: ein wichtiges Thema bei der Bahn. Schließlich vergibt der Konzern ständig Millionenaufträge, von Gleisbauarbeiten bis zum Kauf neuer ICE-Flotten.

Es wurden keine Kontobewegungen überprüft

Bespitzelung stellt man sich anders vor, dramatischer und verletzender: Es wurden keine Kontobewegungen überprüft, keine Mitarbeiter gefilmt, soviel bis jetzt bekannt ist. Umstritten ist allenfalls, ob die Bahn Betriebsrat und Mitarbeiter vorher oder nachher hätte informieren müssen. Was für ein Skandal. Ähnliche Kontrollverfahren zur Enttarnung von Bestechung sind in Industrieunternehmen mit großen Einkaufsbudgets üblich.

Ein Gedankenexperiment erleichtert das Urteil: Welche Angriffe müsste der Bahnchef jetzt erdulden, wenn in seinem Unternehmen Bestechungen auf Siemens-Niveau bekanntgeworden wären?

Mehdorns Problem sind nicht die Skandale. Mehdorns Problem ist die Skandalisierung. Die hat er in der Regel der Politik zu verdanken, die sich weder mit seinem Stil noch seinen Vorstellungen über das Unternehmen Bahn abfinden will. "Ein Diplomat war ich nie", sagt Mehdorn über sich. "Polterer vom Potsdamer Platz" nennen sie ihn wegen seines eigenwilligen Auftretens, das "Rumpelstilzchen", den "Napoleon".

Der Verkehrsminister und sein Bahnchef liefern sich einen Machtkampf

Politiker haben dem Bahnchef in den zehn Jahren seiner Amtszeit manchen Strich durch die Rechnung gemacht. Das war der Preis der staatlichen Eigentümerschaft. Allen voran Wolfgang Tiefensee. Der Verkehrsminister und sein Bahnchef liefern sich einen Machtkampf, wie er selbst in Berlin selten ist.

Dabei geht es um Triviales; Eitelkeit, Einfluss - und viel Geld. Tiefensee hat erst eine Legislaturperiode hinter sich - und braucht dringend Erfolge für eine Wiederwahl, wenn er seine Pension sichern will.

Nur knapp konnte der Minister Ende vorigen Jahres seinen Kopf retten. Die umstrittenen Bonuszahlungen, die Bahnchef Mehdorn und sein Vorstand im Falle eines erfolgreichen Börsenganges erhalten sollten, hätten Tiefensee fast seinen Posten gekostet. Immer wieder verhedderte er sich in Widersprüche. Den eigenen Fehler verzeiht der Minister dem Manager nicht.

Immer wieder tauchen nun Schreiben mit Briefkopf des Verkehrsministeriums auf. Sie enthalten viele Vorwürfe - und Details über Mehdorns angebliche Vergehen. Sie fordern in einem Ton "umfassende Aufklärung", der schon sehr nach Rücktritt klingt. Besonders auffällig: Die eigentlichen Vorwürfe an Mehdorn sind längst nicht mehr der Hauptkritikpunkt. Stattdessen bedient Tiefensee sich einer Politiker-Taktik: Wenn ein Vorwurf nicht verfängt, wird nicht mehr über die Sache gesprochen - man kritisiert die Salamitaktik. Das Schlimmste sei, dass alles "nur scheibchenweise" herauskomme. Scheibchen eines Nichtskandals.

Mehdorn macht seine Arbeit

Hartmut Mehdorn ist vor allem eines: ein guter Manager. Das räumen selbst seine Kritiker ein. Er ist kein Zahlenmensch, dafür hat er seinen Finanzvorstand, er ist auch nicht immer nett. Aber der kleine, bullige Mann macht, was er sich vorgenommen hat. "Gradlinig, verlässlich, einfach ein prima Kerl", beschreibt ihn ein Weggefährte, der es nicht nötig hat, ihm zu gefallen.

In seiner sturen Art ist Bahnchef Mehdorn im Unternehmen erfolgreich, effizient. Das einzige Problem: Er ist manchmal zu schnell. "Wenn der was will, kann ihn keiner bremsen", jammern Mitarbeiter.

Immerhin hat Mehdorn nichts Geringeres geschafft, als die Bahn zu sanieren. So wie vorher schon den Druckmaschinen-Konzern Heideldruck, den er neu ausrichtete und an die Börse brachte. Sein Nachfolger bescheinigt ihm, gut gearbeitet zu haben - keine Selbstverständlichkeit unter Managern. Aus der unrentablen Behördenbahn hat Mehdorn ein profitables Unternehmen gemacht. Dafür ist er geholt worden. Lange galt das als schier unmöglich. "Wir müssen uns entscheiden - entweder wir leisten uns die Bundeswehr oder die Bundesbahn", hatte einst Bundeskanzler Helmut Schmidt gesagt. 1999 holte Gerhard Schröder Mehdorn. Für den "zweitverrücktesten Posten in Deutschland nach Kanzler", wie er sagte.

Damals machte die Bahn bei 15 Milliarden Euro Umsatz 1,5 Milliarden Euro Verlust. Heute, nach zehn Jahren Mehdorn, ist der Umsatz doppelt so hoch. Und die Bahn erwirtschaftet einen operativen Gewinn von immerhin zwei Milliarden Euro.

Betriebswirtschaftliches versus politisches Denken

Gerade Mehdorns betriebswirtschaftliches Denken aber musste immer wieder mit der Politik zusammenstoßen. Das bleiben zwei Welten. Beispiel "Bedienzuschlag" im vorigen Sommer: Die Bahn hatte ein Problem. Fahrkarten verkaufen am Schalter verursacht ihr höhere Kosten als im Internet. Deshalb sollten die Kunden am Schalter mehr zahlen. So, wie auch bei Banken Überweisungen online billiger sind als auf Papier.

Aber weil die Bahn eben kein Unternehmen wie alle anderen sein darf, gab es einen Aufstand der Verbraucherschützer und Seniorenverbände des Landes. Verkehrsminister Tiefensee machte Druck auf Mehdorn - bis dieser den Vorschlag zurückzog. Jetzt sind eben bestimmte Fahrkarten im Internet billiger statt am Schalter teurer.

Beispiel Bahnstreik. Vor einem Jahr hielten die Lokführer Deutschland in Atem. Am Schluss erhielten sie elf Prozent mehr Lohn. Es war klar, dass Bahnfahren durch den hohen Abschluss für alle teurer würde. Der Fall wurde als Mehdorn-Skandal verbucht. Dabei hatte sich der Bahnchef hartnäckig gegen die kräftige Lohnerhöhung gesträubt. Verkehrsminister Tiefensee aber hatte seinen Zettel "Kompromissvorschlag" schon in die Kameras gehalten, als Mehdorn noch vehement dagegen war.

Ähnlich war es beim Fall Hansen. Ganz Deutschland empörte sich, als Bahnchef Mehdorn im vorigen Jahr seinen willfährigen Gewerkschaftsboss mit einem Vorstands-Pöstchen belohnte. Weil Hansen Mehdorns Pläne für einen Börsengang der Bahn so brav unterstützt hatte, wurde er Personalvorstand. Die Gewerkschaft tobte. Erst später kam raus: Auch hier hatte die Politik ihre Hand im Spiel: Die SPD hatte den Schritt ausdrücklich gewünscht.

Dem Börsengang ordnete Mehdorn alles unter

In seinem zentralen Thema hat die Politik Mehdorn einen Strich durch die Rechnung gemacht: beim Börsengang. Diesem Ziel ordnete er alles unter. Auftragsgemäß schuf er einen Logistik-Champion, der an die Börse sollte. Am Ende ist die Strategie gescheitert. Wieder nicht an Mehdorn. Er hat das Unternehmen "börsenreif" gemacht. Die Zahlen stimmten, die Börsenstory war formuliert, alle Prospekte gedruckt. "Noch am letzten Abend vor der Verschiebung hat Mehdorn geglaubt, dass aus dem Börsengang etwas wird", erzählen Mitarbeiter.

Gestrichen hat den Börsengang die Politik. Die Gegner einer privatisierten Bahn nutzten die Gunst der schwachen Kapitalmärkte. Die Bahn soll wieder zum öffentlichen Betrieb werden. "Das ist der tiefere Grund für die vielen Angriffe jetzt gegen Mehdorn", sagt ein Bahnmanager. Die Bahn gehört jetzt auf absehbare Zeit weiter dem Bund. Und der muss zeigen, dass er sich vom Bahnchef nichts gefallen lässt.

So stimmen immer mehr Politiker ein in den Chor der Skandalisierer. Und fordern Mehdorns Rücktritt. Die Verkehrspolitiker im Bundestag, wenn auch noch etwas verklausuliert. Die Opposition sowieso. Selbst die Kanzlerin, die immer zu ihm gehalten hatte, äußert sich inzwischen distanziert. Auch die Gewerkschaften greifen ihn an.

Mehdorn hat sich am vergangenen Freitag öffentlich entschuldigt für etwas, das einer Entschuldigung nicht bedurfte. Er hängt an seinem Posten, anders ist seine Leidensfähigkeit nicht zu verstehen. Seine Gegner zeigen, dass es ihnen nicht um die Sache, sondern um die Person ging: "Aber was ist schon eine Entschuldigung, wenn sie nicht freiwillig und von ganzem Herzen kommt?", ätzen sie.

Was ist ein „Screening“ oder „Datenabgleich“?

In der kommenden Woche soll Bahn-Chef Mehdorn zunächst den Aufsichtsrat und dann den Verkehrsausschuss des Bundestages umfassend informieren, wie die Bahn ihre Mitarbeiter überwacht hat. Folgende Fakten sind bis jetzt bekannt: Die Bahn hat in den Jahren 2002, 2003 und 2005 für bis zu 220.000 Bahn-Mitarbeiter ein sogenanntes „Screening“ vorgenommen, einen „Datenabgleich“. Was verbirgt sich dahinter? Das Unternehmen hat die Adressen und Kontonummern von Mitarbeitern mit denen der Lieferanten verglichen. So wollte die Bahn herausfinden,

ob Mitarbeiter illegalerweise Geld für angebliche Bestellungen der Bahn aufs eigene Konto überweisen. Das ist zur Korruptionsbekämpfung auch in anderen Industrieunternehmen nicht unüblich. Umstritten ist, ob die Bahn den Betriebsrat und die Mitarbeiter vorher oder nachher hätte informieren müssen. Juristen sprechen von einer „Grauzone“. Noch unklar ist, inwieweit die Bahn von den Detekteien Argen in Köln und Network Deutschland in Berlin weiter gehende Auskünfte über Bahn-Mitarbeiter erhalten hat.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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