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Autozulieferer Magna pirscht sich an Getrag heran

22.01.2010 ·  Bei Opel ist der kanadische Autozulieferer noch abgeblitzt. Jetzt verhandelt Magna mit dem Getriebehersteller Getrag über eine Partnerschaft. Das hat die F.A.Z. aus beiden Unternehmen erfahren. Die Gespräche befinden sich in einer frühen Phase.

Von Christoph Ruhkamp und Henning Peitsmeier
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Noch vor drei Monaten mühte sich Magna um die Übernahme von Opel. Kaum ist das Vorhaben gescheitert, da hat der börsennotierte, kanadische Konzern ein neues Akquisitionsziel in Deutschland ausgemacht. Dieses Mal interessiert sich der viertgrößte Autozulieferer der Welt für ein Unternehmen, das besser zu ihm passt: Es geht um das Familienunternehmen Getrag aus Untergruppenbach in der Nähe von Heilbronn, Europas größten Getriebehersteller. Das hat die F.A.Z. von mit den Verhandlungen vertrauten Personen aus beiden Unternehmen erfahren. Die Gespräche befinden sich in einer frühen Phase.

Noch ist offen, ob es um eine vollständige Übernahme oder um eine Beteiligung geht. Offiziell wurde ein Kommentar dazu abgelehnt. Aus Konzernkreisen von Magna werden aber Gespräche bestätigt. Außerdem steht fest, dass Getrag durch die Absatzkrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist und Unterstützung gut gebrauchen kann. Eine Getrag-Sprecherin sagte auf Anfrage: „Getrag prüft mehrere Optionen für eine strategische Partnerschaft.“ Sollte sich dies als sinnvoll erweisen, werde das Unternehmen „zu gegebener Zeit“ eine Entscheidung treffen.

Magna zielt auf Nordamerika

In Branchenkreisen wird vermutet, dass es unter anderem um das Geschäft in den Vereinigten Staaten geht. „Magna versucht seine Position als Zulieferer im nordamerikanischen Markt zu erweitern“, sagt Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut IHS Global Insight. Getrag hatte dort gemeinsam mit Chrysler den Bau eines Getriebewerks begonnen. Doch die Amerikaner zogen sich plötzlich aus dem Projekt zurück, ließen den Lieferauftrag platzen. Getrag blieb allein auf den hohen Investitionskosten sitzen. Jetzt streiten beide vor Gericht um Schadenersatz. Für Magna könnte das Werk nützlich sein: Der Konzern macht nahezu die Hälfte seines Geschäfts mit General Motors und Chrysler.

Für Magna ist Getrag auch deshalb interessant, weil die Franken innovative Antriebe herstellen – darunter die immer stärker gefragten Doppelkupplungsgetriebe, die auch beim Schalten die Zugkraft ohne Unterbrechung aufrecht erhalten und dadurch für einen um 15 Prozent geringeren Kraftstoffverbrauch sorgen. Diese gewinnträchtige Technik soll zudem um Antriebe für Elektroautos ergänzt werden. Parallel dazu strebt Magna noch eine weitere Übernahme in Deutschland an: Der Konzern interessiert sich für die Cabrio-Dach-Sparte des weitgehend abgewickelten Karosseriebauers Karmann.

Dem Vernehmen nach laufen die Verhandlungen auf der Seite von Magna unter Führung des im Konzern für die Autoproduktion verantwortlichen Managers Herbert Demel, der zugleich operativer Chef der Sparte für Antriebstechnik ist. Der gebürtige Wiener war auch als neuer Chef von Opel vorgesehen und wollte bei Getrag Getriebe für Opel einkaufen. Allerdings scheiterte die übernahme von Opel durch Magna dann doch an GM, das Opel behielt.

Für Getrag würe ein finanzkräftiger Partner hilfreich

Bei Getrag wurde die Führung kürzlich ausgewechselt, nachdem der Umsatz um ein Viertel gesunken war. Vor zwei Monaten löste Mihir Kotecha den langjährigen Chef Dieter Schlenkermann ab. Der 1967 in Nairobi geborene Kotecha kam über Ford zu Getrag und leitete bisher die Schwestergesellschaft GFT in Köln. Auch Getrag hat Interesse an einer Verbindung zu Magna. Da das Unternehmen hoch verschuldet ist, wäre ein finanzkräftiger Partner hilfreich: Getrag musste bereits eine Kreditbürgschaft der Landesregierung in Anspruch nehmen und hat knapp 400 Arbeitsplätze abgebaut. Im Unterschied dazu hat Magna 1,5 Milliarden Dollar in der Kasse und keine Schulden.

Im vergangenen Jahr verkaufte Getrag mehr als vier Millionen Getrieben und Achsgetriebe für den Fahrzeugbau und setzte damit gut 2 Milliarden Euro um. Das 1935 gegründete Unternehmen, das noch immer vollständig den Hagenmeyers – einer der reichsten Familien Deutschlands – gehört, hat rund 13.000 Beschäftigte. Auch Magna ist ein Familienunternehmen; die Mehrheit der Stimmrechte hält hier der aus Österreich nach Kanada ausgewanderte Firmengründer, der 77 Jahre alte Frank Stronach.

Magna hat zuletzt mit gut 70.000 Beschäftigten, davon jeweils rund die Hälfte in Nordamerika und Westeuropa, fast 24 Milliarden Dollar umgesetzt und ist daran gemessen der drittgrößte Autozulieferer der Welt, hinter Bosch und Denso, und zudem einer der am breitesten diversifizierten. Zu den wichtigsten Produkten des über 50 Jahre alten Unternehmens zählen Innenausstattungen, Sitze und Schlösser für Autos. In den vergangenen 20 Jahren wurden zahlreiche kleinere Unternehmen in den Konzern eingegliedert.

Zahlreiche Eigentümerwechseln bei Autozulieferern

Wegen der Absatzkrise ist es insbesondere in den vergangenen zwei Jahren zu zahlreichen Eigentümerwechseln bei deutschen Autozulieferern gekommen. Insgesamt mehr als 80 Firmen aus der Branche mussten 2009 Insolvenz anmelden, die meisten davon im Besitz von Finanzinvestoren. Größere Fälle waren etwa Sakthi, Tedrive und Automotive Group ISE.

Die Zulieferer haben zwar auch von der Erholung profitiert, die die staatlich finanzierten Abwrackprämien gebracht haben. Aber es bestehen weiterhin Überkapazitäten, und die Firmen haben große Schwierigkeiten, an Bankkredite für Neuentwicklungen und die wieder einsetzende Produktion zu kommen. „Die Krise hat die Finanzdecke kleiner Betriebe stark angegriffen, sie haben jetzt kaum mehr Mittel“, sagt Siegfried Frick von der Unternehmensberatung Deloitte.

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