22.11.2005 · Continental stellt die Reifenproduktion in seinem Stammwerk in Hannover Ende kommenden Jahres ein. 320 Stellen werden abgebaut, zehn Prozent der Belegschaft. Der Betriebsrat spricht von Vertrauensbruch.
Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental stellt die Produktion von Pkw-Reifen in Hannover Ende des nächsten Jahres ein. In dem Werk fallen 320 Arbeitsplätze weg. Der DGB sprach von einem „gesellschaftlichen Skandal“. Arbeitsplätze würden für den Profit „geopfert“. Conti fährt seit Jahren Rekordgewinne ein.
Die mit rund 1,3 Millionen Pkw-Reifen im Jahr kleinste und teuerste Produktion des Konzerns in Hannover-Stöcken werde zum Jahresende 2006 eingestellt, teilte das hannoversche Unternehmen am Dienstag mit. Die Mitarbeiter des Werks hatten unlängst erst längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich akzeptiert, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Mit der Stilllegung des Werks sei die Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeitverlängerung für diesen Teil der Produktion aufgehoben, hieß es nun.
„Die Geschäftsleitung hat bei Abschluß der Betriebsvereinbarung und der damit verbundenen Produktionszusage im Mai 2005 eine deutlich positivere Marktentwicklung erwartet und auf dieser Basis die Möglichkeit gesehen, dem Standort eine weitere Chance zu geben“, diese Einschätzungen hätten sich aber nicht erfüllt, teilte Conti mit. Vorstandschef Manfred Wennemer betonte, daß die Stilllegung der Produktion keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Forschung und Entwicklung sowie auf andere Produktionsbereiche am Standort haben werde.
Gewerkschaft kündigt Proteste an
Ein Conti-Sprecher wies Befürchtungen der Gewerkschaft IG BCE zurück, in der Verwaltung des Konzerns könnten weitere 400 Arbeitsplätze wegfallen. Insgesamt beschäftigt Continental in Hannover rund 5000 Mitarbeiter.
Die IG BCE hat dennoch scharfe Proteste angekündigt. Die Gewerkschaft sieht nach der Entscheidung des Konzernvorstandes auch weitere Arbeitsplätze in anderen Werken gefährdet, sagte ein IG BCE-Sprecher am Dienstag in Hannover. Er warf Conti-Chef Wennemer vor, dieser habe die Partnerschaft mit der Gewerkschaft aufgekündigt. Erstmals solle eine Produktion geschlossen werden, die profitabel arbeite. „Das ist eine neue Dimension wirtschaftlichen Kalküls“, sagte Gewerkschaftssprecher Peter Wind. Mit seinem Verhalten verletzte der Vorstandsvorsitzende Wennemer die „Grundwerte der sozialen Marktwirtschaft“.
IG BCE-Chef Hubertus Schmoldt sagte, Wennemer wolle zu Lasten der Beschäftigten offensichtlich seinen Ruf als „Dividenden-Erhöher“ verteidigen. Man müsse die Frage stellen, warum die Beschäftigten in Stöcken „Opfer“ gebracht hätten, wenn Wennemer wenig später das „Fallbeil“ fallen lasse. Der Conti-Chef fährt seit Jahren einen harten Kurs der Kostensenkungen, dazu gehört auch die Schließung von Standorten. Conti gilt zudem als Vorreiter der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer.
Vertrauen ins Management „massiv gestört“
Gewerkschaft und Betriebsrat forderten eine Zusage zur Standortsicherung für Stöcken. Sollte es eine solche Zusage nicht geben, werde es künftig im gesamten Konzern keine Öffnungsklauseln mehr geben. Zudem solle dies auf der kommenden Aufsichtsratssitzung am 14. Dezember thematisiert werden. Nach Angaben der Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Bärbel Bruns ist das Vertrauen der Mitarbeiter in das „gesamte Management massiv gestört“. Der Vorstand mache es den Arbeitnehmervertretern „unmöglich, mit ihm zusammen zu arbeiten“. Für Mittwochmittag hat der Betriebsrat zu einer zusätzlichen Betriebsversammlung in Hannover aufgerufen.
Conti mit gut gefüllter Kasse
Anfang November hieß es, Continental sehe im Moment gute Chancen, das Geschäft über weitere Firmenzukäufe zu verstärken. Dazu könnten die Hannoveraner auf ihre gut gefüllte Kasse zurückgreifen: Per Ende September stehen in der Bilanz des Konzerns liquide Mittel von gut 880 Millionen Euro. Die Bewertungen vieler Unternehmen seien gesunken. Außerdem seien inzwischen viel mehr Unternehmen oder Teile davon überhaupt kaufbar. „Daher erwägen wir Akquisitionen“, sagte Finanzvorstand Alan Hippe im Gespräch mit der F.A.Z..
Die Conti-Aktien profitierten zum Handelsauftakt von den Meldungen über das Ende der Reifenproduktion in Hannover. Allerdings gaben sie einen Großteil der Gewinne wieder ab und tendierten gegen 12.30 Uhr mit 0,24 Prozent im Minus bei 70,78 Euro. Continental-Papiere standen zuvor schon bei 71,88 Euro und damit auf Jahreshoch. Belastend könnte sich die Begründung des Unternehmens ausgewirkt haben. Demnach werde die Reifenproduktion im Stammwerk Hannover-Stöcken wegen eines „unerwartet geringen“ Marktwachstums bei Pkw-Reifen eingestellt.
Reifenproduktionseinstellung bei Conti
Peter Wühr (calvinhund)
- 22.11.2005, 17:32 Uhr
Conti stellt Reifenproduktion im Stammwerk ein
Erich Schöbel (Eric9)
- 22.11.2005, 19:55 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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