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Automobilzulieferer „Wir wollen Continental wetterfester machen“

10.12.2004 ·  Der Autozulieferer Continental will im Zuge der Phoenix-Übernahme bei ContiTech 1000 Stellen streichen und sich außerdem aus Rußland zurückziehen: Konzern-Chef Wennemer im F.A.Z.-Gespräch.

Von Johannes Ritter
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Bei Continental laufen die Geschäfte gut. So gut, daß der Hannoveraner Reifenhersteller und Automobilzulieferer schon bald die konzernweit angestrebte Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE) von 15 Prozent vor Steuern erreicht? "Ich gehe davon aus, daß wir zum Jahresende ganz nah an die 15 Prozent herankommen", sagt Vorstandschef Manfred Wennemer im Gespräch mit der F.A.Z. Ist es da nicht an der Zeit, sich höhere Ziele zu setzen? "Wir müssen daran arbeiten, daß diese Zielerreichung keine Eintagsfliege bleibt. Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir 15 Prozent Kapitalrendite auch bei einem Einbruch der Konjunktur erreichen können. Doch genau das haben wir uns vorgenommen. Wir wollen Continental wetterfester machen."

Daß es in einem weltweit tätigen Konzern mit rund 12 Milliarden Euro Umsatz auch jenseits von konjunkturellen Einflüssen immer wieder zu unerwarteten Rückschlägen kommen kann, zeigt der jüngste Fehlschlag in Rußland. Dort wollte Conti gemeinsam mit dem lokalen Hersteller Moscow Tyre Plant (MTP) eine Reifenfertigung aufbauen. Doch dann ging alles schief, was nur schiefgehen konnte (Continental zahlt Lehrgeld in Rußland). Die Rettungsversuche sind fehlgeschlagen: "Es ist uns nicht gelungen, zu Lösungen zu kommen, die uns ein langfristig erfolgreiches Geschäft erlaubt hätten", sagt Wennemer. Daher zieht er jetzt die Reißleine: "Wir haben uns mit dem russischen Partner darauf geeinigt, daß wir uns aus dem Gemeinschaftsunternehmen verabschieden. Wir verkaufen unsere Anteile an MTP und beenden damit unseren Ausflug nach Rußland."

Rückzug kostet fast 30 Millionen Euro

Der Rückzug koste Conti knapp 30 Millionen Euro. Dennoch hält Wennemer an der Prognose für 2004 fest, das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) gegenüber dem Vorjahreswert von 855 Millionen Euro zu erhöhen. Bereinigt um die Kosten von 120 Millionen Euro für die Teilschließung des Reifenwerks im nordamerikanischen Mayfield werde das Ebit oberhalb von 1 Milliarde Euro liegen.

Ein Teil der 30 Millionen Euro Belastungen aus Rußland sei bereits als Rückstellung im dritten Quartal verarbeitet worden. Im übrigen entwickelten sich die Geschäfte in vielen anderen Teilen des Konzerns besser als geplant. "Das Winterreifengeschäft ist sehr, sehr ordentlich gelaufen. Wir verkaufen in diesem Jahr voraussichtlich rund 15,5 Millionen Winterreifen." Im vergangenen Jahr waren es 14,6 Millionen. Das Geschäft mit Elektronischen Stabilitätsprogrammen (ESP) laufe in Europa gut und hervorragend in Amerika. Conti profitiere von der Entscheidung des Ford-Konzerns, seine Geländewagen standardmäßig mit ESP aus dem Hause Conti auszustatten. General Motors und Chrysler wollen nun nachziehen, wobei sich Wennemer insbesondere bei Chrysler gut positioniert sieht: "Dort sind wir einer der großen Lieferanten." Der Conti-Chef glaubt, im nächsten Jahr mehr als 1 Million und 2006 mehr als 2 Millionen ESP in Amerika verkaufen zu können.

Wennemer strotzt vor Zuversicht

Folglich strotzt Wennemer vor Zuversicht: „Ich bin überzeugter denn je, daß wir den Konzernumsatz 2005 auch bereinigt um den Wachstumseffekt aus der Übernahme von Phoenix nochmals ordentlich steigern und beim Ebit ein neues Rekordergebnis schaffen." Präziser will er sich nicht äußern, weil man ja auch vom Dollarkurs sowie der Auto- und Modellkonjunktur abhängig sei. Zugleich räumt er ein, daß Conti unter dem Strich kaum von der Dollar-Problematik betroffen sei, denn es gebe eine natürliche Absicherung: "Wir kaufen ein bißchen mehr auf Dollarbasis ein, als wir in Dollar verkaufen." Betroffen sei man von einem schwachen Dollar aber insofern, als die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Autohersteller - also der wichtigsten Conti-Kunden - im Export leide.

„Wir sind seit Jahren dem besonderen Preisdruck unserer Kunden ausgesetzt. Daher müssen wir unsere Kosten jedes Jahr um 3 bis 5 Prozent reduzieren. Das ist uns in den vergangenen Monaten und Jahren einigermaßen gelungen, vor allem durch die Verlagerung der Produktion an Standorte mit niedrigen Kosten und durch den Mengenzuwachs", sagt Wennemer. Den starken Anstieg der Rohmaterialpreise wolle Conti aber nicht alleine abfedern. Diese zusätzlichen Kostenbelastungen müßten gesondert verhandelt werden: „Der Preisschub muß zwischen Rohstofflieferant, Autohersteller, Zulieferer und Kunden aufgeteilt werden."

Höhere Preise werden weitergereicht

Wennemer glaubt also, die gestiegenen Materialpreise durch Preiserhöhungen an die Autohersteller und die Endverbraucher weiterreichen zu können. Im übrigen will er die Kosten auf drei Wegen unter Kontrolle halten: Die eigenen Zulieferer sollen ebenfalls Effizienzgewinne von jährlich 3 bis 5 Prozent erarbeiten. An den Schnittstellen zu den Automobilkonzernen, und hier vor allem in den Logistik- und Entwicklungsprozessen, lassen sich aus seiner Sicht noch erhebliche Kosten herausnehmen. Und drittens will Wennemer die Produktion tendenziell noch stärker als bisher an Niedrigkostenstandorte verlagern. Diesen Kurs sieht er durch die Marktentwicklung gestützt: Der Trend zum Bau von Billigstwagen wie den „Logan" von Renault, für den Conti die Reifen aus Rumänien liefere, werde sich in Ost- und Westeuropa weiter verstärken. Daran könne man jedoch nur partizipieren, wenn man die entsprechenden Kostenbasis habe. „Wir arbeiten auch mit anderen Herstellern an Kleinwagenprojekten", sagt Wennemer, ohne Namen nennen zu wollen.

Weil Conti wachse, sei im Moment kein weiterer deutscher Produktionsstandort akut gefährdet, versichert Wennemer, der die Kapazitäten in Rumänien, Ungarn und der Slowakei sowie Brasilien und Malaysia im nächsten Jahr ausbaut. Allerdings kann es sein, daß die Pkw-Reifenfertigung mit 500 Mitarbeitern im Werk Hannover-Stöcken 2006 ausläuft.

Personalabbau bei der Phoenix-Übernahme

Die Übernahme des Hamburger Automobilzulieferers Phoenix geht ebenfalls mit Personalabbau einher. Daß das Hamburger Stammwerk mit 700 Stellenstreichungen (davon werden 300 Arbeitsplätze in andere Werke verlagert) am stärksten betroffen ist, habe sich Phoenix auch selbst zuzuschreiben: Wegen des Standortsicherungsvertrags, der betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2005 ausschließt, seien längst notwendige Strukturanpassungen unterblieben. "Das Standortsicherungsabkommen ist ein Grund dafür, daß Phoenix von Conti übernommen wurde", sagt Wennemer mit Blick auf die schwache Ertragslage und die (seinerzeit) niedrige Börsenbewertung. "Der über viele Jahre aufgebaute Veränderungsstau hätte auch ohne eine Übernahme gelöst werden müssen. Es wäre deshalb in jedem Fall zu einem Personalabbau in Hamburg gekommen." Wennemer gibt aber zu, daß die Einschnitte nun schneller und konsequenter erfolgen. Von den Pheonix-Mitarbeitern, die bleiben dürfen, erwartet der Conti-Chef künftig 40 Stunden Arbeit ohne Lohnausgleich. Die Phoenix-Kapitalrendite, die momentan unterhalb von 10 Prozent liege, soll bis Ende 2006 auf die Zielmarke von 15 Prozent steigen.

Phoenix soll im Unternehmensbereich Conti-Tech (Schläuche, Transportbänder) aufgehen. Von den insgesamt 24 000 Arbeitsplätzen dieser Gruppe will Wennemer etwa 1000 streichen. Dabei treffe es nicht nur Phoenix, sondern auch Conti-Tech: "Wir werden das Kölner Werk der Conti-Tech schließen". Dort arbeiten rund 130 Menschen.

Nachholbedarf in Asien

Aktuell führt Wennemer nach eigener Aussage zwar keine Akquisitionsverhandlungen. Grundsätzlich hält er es aber für sinnvoll, den Konzern weiter zu verstärken: Denn Conti-Tech sei nach wie vor schwach in Amerika und Asien; im Reifengeschäft gebe es Nachholbedarf in Asien; und im Elektronikbereich der Automotive Systems (Brems- und Sicherheitssysteme) sei eine Verstärkung in Asien und Amerika durchaus sinnvoll. Nun müsse man schauen, wo es einen Verkäufer gebe und die Konditionen stimmten. Seit Anfang dieses Jahres ist der Aktienkurs von Continental um 52 Prozent gestiegen. Daher hält es Wennemer im Moment für unwahrscheinlich, daß Conti - nach dem fehlgeschlagenen Angriff von Pirelli Anfang der neunziger Jahre - selbst zum Ziel einer Übernahme werden könnte: "Mit unserer jetzigen Marktbewertung von 6 Milliarden Euro ist die Übernahmegefahr sehr viel geringer geworden." Außerdem stünde ein etwaiger strategischer Investor vor sehr hohen kartellrechtlichen Hürden. "Und für Finanzinvestoren ist die Luft zum Teil raus, weil der Kurs schon so stark gestiegen ist."

Aus der Fehlinvestition in Rußland zieht Wennemer Lehren für künftige Projekte dieser Art: "Wir müssen uns das Umfeld noch intensiver und besser anschauen. Wir waren sehr überrascht, daß uns jemand aus dem Putin-Stab sagt, wir wollen in Zukunft keine Reifenfabrik fünf Kilometer vom Kreml entfernt. Und das hätte uns vielleicht nicht überraschen dürfen. Wir werden uns künftig die Partner noch gründlicher ansehen und vielleicht eine Phase der technischen Kooperation vorschalten. Außerdem werden wir derlei Projekte künftig konsequenter nach Meilensteinen, also nach dem Erreichen von Kostenzielen steuern, und notfalls ein bißchen früher die Reißleine ziehen."

"Mit unserer jetzigen Marktbewertung von 6 Milliarden Euro ist die Übernahmegefahr sehr viel geringer geworden."

Chef ohne Chauffeur

Manfred Wennemer ist das personifizierte Kostenbewußtsein der Continental AG. Am Stammsitz in Hannover fährt der 57 Jahre alte Manager, der seit September 2001 an der Spitze des Reifenherstellers steht, einen VW-Passat - ohne Chauffeur. In der Bahn sitzt Wennemer in der zweiten Klasse - egal, ob kreischende Kinder die Arbeit im Zug erschweren. Und auf Flugreisen innerhalb Europas läßt er sich - wie alle übrigen Führungskräfte - in die "Holzklasse" buchen. Das erhöht Wennemers Glaubwürdigkeit, wenn er seinen deutschen Mitarbeitern schmerzhafte Einschnitte verkündet und Mehrarbeit ohne Lohnausgleich abverlangt. Der Erfolg gibt ihm recht: Unter seiner Ägide hat Continental den Wiederaufstieg in den Dax geschafft und verdient inzwischen wieder gutes Geld. Mitarbeiter beschreiben den Mathematiker, der unauffällig wirkt, aber entschlossen handelt, als "hart, aber fair und ehrlich".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2004, Nr. 289 / Seite 16
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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