Der Reifenhersteller und Automobilzulieferer Continental hat große Schwierigkeiten in Rußland. Der Aufbau des vor zwei Jahren angekündigten Gemeinschaftsunternehmens mit dem lokalen Hersteller Moscow Tyre Plant dauert deutlich länger und wird viel teurer als ursprünglich geplant.
Daher denkt Continental nach Aussage von Vorstandsmitglied Hans-Joachim Nikolin ernsthaft über einen kompletten Rückzug aus diesem Projekt nach. "Wenn dieser Worst-case eintritt, wären Abschreibungen in niedriger zweistelliger Millionenhöhe erforderlich", sagte Nikolin im Gespräch mit dieser Zeitung.
Er betonte jedoch, daß diese Belastung durch andere positive Entwicklungen im Konzern kompensiert werden könnte. "Wir halten also an unserer Ergebnisprognose fest." Nach früheren Angaben erwartet Continental, daß sich die positive Entwicklung aus dem ersten Halbjahr 2004, in dem das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern um 21 Prozent auf 484 Millionen Euro gestiegen ist, auch im Gesamtjahr fortsetzt.
Getrübte Freude
Im September 2002 unterschrieben Conti und die Moscow Tyre Plant (MTP) einen Vertrag zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, das bis 2006 eine Fertigung mit einer Jahreskapazität von 3,4 Millionen Reifen aufbauen sollte. Damit sei "ein großer Schritt zur Erschließung des Zukunftsmarktes Rußland gelungen", freute sich Nikolin damals.
Die Freude ist ihm inzwischen gründlich vergangen. Obwohl Conti mit einem Joint-venture-Anteil von 76 Prozent der klar dominierende Partner ist, und obwohl MTP mit der Stadt Moskau einen staatlichen Haupteigentümer hat, der - so die damalige Hoffnung - die erforderlichen Behördengänge erleichtern sollte, lief fast alles schief.
"Wir haben Probleme mit unserem Zeitplan, weil wichtige Genehmigungen für den Werksaufbau nicht oder nur sehr zögerlich erteilt wurden", sagt Nikolin. Ursprünglich sollte das Gemeinschaftsunternehmen im Herbst 2003 mit der Produktion beginnen. Dann nahm man sich vor, Mitte 2004 zu starten. Doch auch dieses Ziel wurde verfehlt.
Qualität der Gebäude überschätzt
"Die Verschiebungen im Zeitplan belasten die Wirtschaftlichkeit des Projekts, mit dem wir eigentlich schon 2005/2006 Geld verdienen wollten. Doch das ist nicht mehr zu schaffen", erläutert Nikolin. "Außerdem sind uns die Kosten weggelaufen." Man habe die Vermögenswerte und die Qualität der Gebäude überschätzt, die der russische Partner als Sacheinlage eingebracht hat.
Auch die gebrauchten Maschinen, die Conti selbst nach Rußland gebracht hat, hätten überraschend Mehrkosten verursacht. Schließlich habe man feststellen müssen, daß der Personalaufwand größer werde als geplant, weil man mehr (und teurere) höher qualifizierte Mitarbeiter mit Englischkenntnissen benötigt habe, klagt der Vorstand.
All diese führe dazu, daß Continental nicht, wie ursprünglich avisiert, rund 30 Millionen Euro, sondern in Richtung 40 Millionen Euro in das Gemeinschaftsunternehmen investieren müßte.
Fülle von Risiken
"Hinzu kommt, daß sich der Wettbewerb in Rußland verschärft, weil die Importzölle tendenziell sinken. Dadurch geraten die Preise für lokal produzierte Reifen unter Druck", sagt Nikolin, um zu verdeutlichen, daß auch die Umsatzpläne der Hannoveraner gefährdet sind. Der neueste Unsicherheitsfaktor komme von der russischen Zentralregierung.
Dort gebe es Stimmen, die für einen Rückzug der Industrie aus dem Zentrum Moskaus, wo auch MTP sitzt, plädierten. Jedes einzelne dieser Probleme sei grundsätzlich handhabbar. Aber die Fülle der Risiken habe den Vorstand zu der Entscheidung getrieben, das gesamte Projekt zunächst einmal einzufrieren.
In Verhandlungen mit dem Partner und der Moskauer Stadtregierung versuche man eine "vernünftige Lösung" zu finden. Schließlich wolle Continental weiter Geschäfte in Rußland machen. Gleichwohl prüfe man im Zuge einer "Worst-case-Betrachtung" einen vollständigen Rückzug aus dem Projekt.
Aus dem Fiasko eine Lehren ziehen
Ob in diesem Sinne schon im dritten Quartal 2004 entsprechende Rückstellungen gebildet werden, sei noch nicht entschieden. Continental will aus diesem Fiasko seine Lehren ziehen: "In der internen Genehmigungsphase solcher Projekte werden wir die lokalen Verhältnisse künftig noch präziser durchleuchten. Außerdem werden wir die Projektfortschritte in all ihren Facetten intensiver und zeitnaher beobachten und bei Bedarf sofort handeln", sagt Nikolin, der auch für das geplante Gemeinschaftsunternehmen in China (F.A.Z. vom 22. September) verantwortlich ist.
Dort seien die Grundvoraussetzungen für einen Erfolg zwar viel besser. Gleichwohl dienen ihm die leidvollen Erfahrungen in Rußland als Richtschnur bei den Endverhandlungen in China.
