21.01.2010 · Nach der Hiobsbotschaft von der baldigen Schließung sind vor dem Opel-Werk in Antwerpen die belgische und die flämische Fahne auf Halbmast gesetzt. Nur wenig erinnert hier an eine der modernsten Autofabriken Europas, die bald Geschichte sein soll.
Von Christoph Giesen und Michael Stabenow, AntwerpenVor dem Opel-Werk in Antwerpen parkt einsam eine Limousine des Typs Insignia. Die Farbe des Fahrzeugs – laut Katalog „Graphitschwarz“ – passt zur gedrückten Stimmung im Antwerpener Norden. 2606 Mitarbeiter, so viele sind es noch, wissen seit einer Stunde offiziell, dass das Werk im Laufe des Jahres geschlossen wird. Eine Stunde zuvor hatte Werksleiter Leo Wiels den Mitarbeitern der Frühschicht im Flachbau die bittere Entscheidung eröffnet. Im Foyer versucht sich Unternehmenssprecherin Ann Wittemans in einem rhetorischen Balanceakt. Sie wirbt um Verständnis für die Konzernspitze und für die Beschäftigten. „Es ist kein Beschluss, der Professionalität und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter in Frage stellt“, sagt Wittemans. Wiels habe dies den Mitarbeitern offen vermittelt. „Es war eine ruhige, würdige Veranstaltung“.
Tröstend wirken solche Worte kaum. Die meisten Mitarbeiter der Frühschicht haben bereits das Weite gesucht. Nur einige Antwerpener Opelaner lassen sich blicken, vor allem die Gewerkschafter in ihren roten und grünen Jacken. Es herrscht eine seltsame, fast bleierne Stille auf dem Gelände. Selbst am Nordende des Werks, wo auf Geheiß der Gewerkschaften keines der täglich gefertigten 500 Autos des herkömmlichen Modells Astra das Gelände verlassen darf, herrscht Ruhe. Nur gelegentlich schallt von der nahe gelegenen Schnellstraße ein – wohl solidarisch gemeintes – Hupen herüber.
Die Gewerkschafter: verbittert, enttäuscht, kämpferisch
Inzwischen haben sich einige Gewerkschafter im Foyer des Baus eingefunden. Wenig erinnert hier, worauf die Gewerkschafter eindringlich hinweisen, an eine der modernsten Autofabriken Europas. So verbittert, enttäuscht und kämpferisch sie sich geben – das Foyer strahlt unvermindert den Charme eines Gebrauchtwagenssalons aus. Topfpflanzen welken vor sich hin, in jeder Ecke des verglasten Raums steht ein Auto: drei Exemplare des nicht mehr neuesten Opel Astra sowie ein Chevrolet, Baujahr 1925. Er ist, wie auf einem Schild zu lesen ist, das erste in Europa zusammengeschraubte Auto von General Motors. Der Chevrolet wird wohl einen neuen Ehrenplatz in einem anderen Opelwerk erhalten.
Geht es nach Werner Dillen, einem Spitzenvertreter der christlichen Gewerkschaft ACV im Werk, dann bloß nicht in Bochum, wo derzeit, außer in Antwerpen, ebenfalls der Astra gefertigt wird. Während die Belegschaften aller Opel-Werke sich solidarisch verhalten hätten, sei dies in Bochum nicht der Fall gewesen, bemängelt Dillen. Dann macht die Nachricht die Runde, Opel-Chef Nick Reilly habe auf einer Videokonferenz, am Montag für den Fall, dass die Belegschaft nicht den für die Opel-Sanierung zugesagten Eigenbeitrag von 265 Millionen Euro zu leisten bereit sei, mit der Schließung eines weiteren Werks gedroht. Ob das stimme, ruft ein Opelaner zwei anderen, grün gekleideten Gewerkschaftern zu: „Nein“, antwortet der eine, „Ja“ ruft ACV-Sekretär Eddy Dedecker. „Reilly hat dies in einer sehr arroganten Art und Weise gesagt“, erzählt Dedecker, der es aber auch nur aus zweiter Hand erfahren haben will. Nein, es gehe wohl nicht um Bochum, sondern um das Werk in Eisenach.
„Kahlschlag in der flämischen Industrie“
Dann beklagt er die verheerenden Folgen der Schließung des Antwerpener Werks für die Region. „Das wird zu einem Kahlschlag in der flämischen Industrie führen.“ Auf jeden Opel-Mitarbeiter kämen, so die Faustregel, drei verlorene Arbeitsplätze bei den Zulieferern – das wären mehr als 8000. Vor zehn Jahren, 1999, da zählte das Opel-Werk noch 6600 Mitarbeiter. Jährlich liefen damals mehr als 320 000 Fahrzeuge in Antwerpen vom Band, zuletzt – 2009 – nur noch 88 873. Einige tausend werden noch hinzukommen. „Reilly kannte nur eine Lösung, fett gedruckt: Antwerpen schließen“ sagt Gewerkschafter Dillen. Er wirkt mehr verbittert als entrüstet. Antwerpen sei doch eines der besten Opel-Werke; die beiden für Antwerpen zugesagten geländegängigen SUV-Modelle sollten zusätzlich gebaut werden. Jetzt sollten sie wohl in Korea vom Band laufen. Plötzlich füllen sich seine blauen Augen mit Tränen. Es werde schwer für die Opelaner, eine neue Stelle zu finden. Dillen ist 47 Jahre alt, seit 1980 ist er im Werk beschäftigt. Opel, das fürchtet er, jetzt wird sein erster und letzter Arbeitgeber sein.
Gewohnt kampfeslustig gibt sich zu dieser Stunde lediglich der sozialistische Gewerkschafter Rudi Kennes, der Stellvertreter des Opel-Betriebsratschef Klaus Franz ist. Kennes scheint unverdrossen an ein Überleben des Werks zu glauben, vor allem an die Solidarität der Gewerkschaften der anderen Opel-Werke, die am Dienstag nach Antwerpen kommen werden. Er spricht von Vertragsbruch und juristischem Beistand, weil Opel den Bau neuer Modelle in Antwerpen zugesagt habe.
Er hofft, dass die EU-Wettbewerbshüter Opel einen Strich durch die Rechnung machen, mit Hilfe von Subventionen die geplanten Fertigungsstätten im Fernen Osten zu bauen. „Die Regierungen müssen sich fragen, ob sie das Fest finanzieren wollen, das Reilly mit knallenden Champagnerkorken feiern will“, wettert Kennes. Sicher ist nur, dass die Gewerkschaften den in Aussicht gestellten Eigenbetrag der Belegschaft in Höhe von 265 Millionen Euro nicht zu zahlen bereit sind. Aber was wird nun in Antwerpen und anderswo passieren? Im Mai hatte Kennes angekündigt, Antwerpen werde brennen, sollte das dortige Opel-Werk für immer die Tore schließen. Acht Monate später geht er noch weiter. „Wenn Antwerpen dicht geht, brennt Europa.“ Auf die Frage, wie das geschehen solle, antwortet er: „Mit Feuer.“ Ob er dies ernst meint? Jetzt tut Kennes, wonach ihm an diesem Tag sonst nicht zumute ist: er lächelt verschmitzt.