30.05.2009 · German Gref führt Russlands größte Bank, die Sberbank. Er wird demnächst in Rüsselsheim einiges zu sagen haben - denn die Sberbank bekommt ein Drittel von Opel. Oder, nach Grefs Worten „eine sehr gute Gelegenheit, zu einem beispiellos niedrigen Preis einen der fortschrittlichsten Autobauer Europas zu erhalten.“
Von Gerald Hosp„Wir müssen beweisen, dass Elefanten tanzen können!“ Mit diesen launischen Worten hatte sich German Gref im November 2007 auf der Hauptversammlung der Sberbank, Russlands größtem Finanzinstitut, nach der Wahl zum neuen Chef der Bank eingeführt. Seitdem versucht der 45 Jahre alte Gref den immer noch unbeweglichen Koloss zu modernisieren. Die Herkulesaufgabe, die dabei auf Gref wartet, umschrieb Ksenia Judajewa, die Chefökonomin der Sberbank folgendermaßen: Die Bank benötige eine Revolution, um vom 19. ins 21. Jahrhundert zu kommen.
Revolutionäres, wenn nicht gar wundersames, erwarten sich nun auch deutsche Politiker und die Opel-Mitarbeiter von Gref. Zusammen mit dem kanadischen Autozulieferer Magna und dem finanziell angeschlagenen, russischen Fahrzeughersteller GAZ als industriellen Partner soll die Sberbank die Mehrheit an der europäischen GM-Tochter übernehmen. „Das ist eine sehr gute Gelegenheit für Russland, zu einem beispiellos niedrigen Preis einen der vom technologischen Standpunkt her fortschrittlichsten Autobauer Europas zu erhalten“, sagte er in einer ersten Reaktion. Als Retter lässt sich der jugendlich wirkende, studierte Jurist jedoch nicht feiern. Zum Thema Opel hatte sich Gref bisher nur einsilbig geäußert. Erst vor etwas mehr als einer Woche hatte die staatlich kontrollierte Bank ihr Interesse an einer Teilnahme am Konsortium dem breiteren Publikum bekundet.
Die Bank hat eigene Probleme
Die gezügelte Begeisterung ist leicht zu erklären: In der Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Bank genügend eigene Probleme. Zwar hatte Gref in der Strategie bis ins Jahr 2014 festgeschrieben, verstärkt ins Ausland zu expandieren. Damit hatte er aber den Aufbau eines international tätigen Finanzkonzerns im Auge, nixcht aber ein Industriekonglomerat inklusive Autobauer.
Die Übernahme von Opel könnte den Gang nach Indien, China und in die Länder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) verzögern. Durch die Zunahme an Insolvenzen in Russland droht die Sberbank ohnedies, zu einem Gemischtwarenladen zu verkommen. Zuletzt wurde gemeldet, dass die Bank zusammen mit einem russischen Dienstleister eine Lebensmittelkette aufbaut, nachdem sie Ladenflächen von einem nicht zahlungsfähigen Schuldners erhalten hatte.
Die Sberbank will trotzdem nicht zu einem Sowjetministerium mit allerlei Industriebeteiligungen zurückkehren. Das kann man sich gar nicht leisten. Das größte Problem für Gref ist die rasante Zunahme an faulen Krediten. Wenn die Rückstellungen für die Zahlungsausfälle von derzeit gut 6 Prozent der Summe der Bruttoausleihungen bis Ende des Jahres auf 10 Prozent erhöht werden müssen, erwartet die Bank nur mehr ein ausgeglichenes Ergebnis, wenn nicht gar einen Verlust.
Das große Plus der Sberbank die derzeit eine Marktkapitalisierung von gut 21 Milliarden Euro aufweist (die Deutsche Bank wird mit 28,9 Milliarden Euro bewertet), ist die implizite Staatsgarantie. Die russische Zentralbank, welche die Beteiligung des Staates an der Sberbank verwaltet, hält 60,3 Prozent der Stimmrechte. In den vergangenen Monaten erhielt die Sberbank bevorzugt Gelder vom Staat. Der Kreml regiert mit.
Instrument der Industriepolitik
Deswegen drängen sich Bankkunden bevorzugt vor Schaltern der Sberbank, um ihr Erspartes einzuzahlen. Rund 50 Prozent aller russischen Spareinlagen liegen auf Konten der Sberbank. Die Kehrseite der Medaille ist, dass das Finanzinstitut von der russischen Regierung als Instrument der Industriepolitik verwendet wird.
Die Beteiligung der Sberbank am Magna-Konsortium zur Opel-Übernahme ist denn auch mehr Ausdruck russischer Wirtschaftspolitik als einer autonomen Entscheidung der Bank. Mit der Hilfe für Opel soll nach Vorstellungen des Kremls der darbenden russischen Automobilindustrie geholfen werden. Bereits im März hatte Gref verkündet, dass die Sberbank den hochverschuldeten GAZ-Konzern des russischen Geschäftsmannes Oleg Deripaska nicht bankrott gehen lasse. Die russische Regierung hat kein Interesse daran, dass Russlands zweitgrößter Fahrzeughersteller noch mehr Stellen als bisher abbaut, zudem ist der Aufbau einer modernen Autoindustrie in Russland ein hartnäckig verfolgtes Ziel.
Hauptgläubiger von GAZ
Die Sberbank selbst ist ein Hauptgläubiger von GAZ, außerdem soll ein Aktienpaket für eine Mehrheit an GAZ als Sicherheit für Kredite beim Finanzinstitut hinterlegt worden sein. So reifte wohl in den Köpfen der Verantwortlichen unter Beihilfe von Magna der Plan, die Notlage von General Motors für einen Technologietransfer von Opel zu GAZ zu verwenden.
Für eine Modernisierung der GAZ-Anlagen bedarf das Unternehmen aber sicherlich weiterer Sberbank-Kredite. Der russische Industrie- und Handelsminister Wiktor Christenko sagte vor kurzem unmissverständlich, dass Russland nicht fähig sei, unabhängig einen globalen Autokonzern aufzubauen. Deshalb müssten sich die heimischen Produzenten mit führenden internationalen Herstellern vereinigen.
Das Verhältnis zu Putin soll sich abgekühlt haben
Es hat eine ironische Note, dass gerade Christenko offenbar eine treibende Kraft hinter der Beteiligung der Sberbank an Opel ist. Christenko gilt als Verfechter einer protektionistisch ausgerichteten Industriepolitik und als Hemmschuh für den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO. Gref hingegen war in der russischen Regierung als Wirtschaftsminister der eifrigste Verfechter einer Mitgliedschaft. Auch sonst hatte sich Gref, der sich gerne modisch kleidet und auf sein Äußeres acht gibt, den Ruf erworben, das „ökonomische Gewissen“ des Kremls zu sein. Exzessiven Staatseinfluss hatte er einmal als „neandertalerisch“ gebrandmarkt. Auch sonst lag er nicht immer auf der Generallinie des Kremls: Nach seinen Vorstellungen sollte beim Erdgaskonzern Gasprom das Pipelinenetz ausgegliedert werden. Er scheute auch nicht, am Wirtschaftsforum in Davos eine Privatisierung des Gas-Kolosses anzusprechen. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende von Gasprom und jetzige Präsident Dmitrij Medwedjew konnte an der Veranstaltung dem Gedanken nichts positives abgewinnen.
Das Verhältnis zu Wladimir Putin soll sich abgekühlt haben. Gref war in der zweiten Amtszeit von Putin ein einsamer Rufer gegen den Staatskapitalismus des Kremls. In Putins erster Amtszeit hingegen kam Gref eine wichtige Funktion als Architekt zahlreicher Wirtschaftsreformen zu.
Als Direktor einer von Putin geschaffenen Denkfabrik arbeitete er im Jahr 2000 ein langfristig orientiertes, liberales Wirtschaftsprogramm aus. Im selben Jahr wurde er auch zum Wirtschaftsminister ernannt. Putin und Gref hatten sich in den frühen 1990er Jahren an der juristischen Fakultät der Universität in St. Petersburg, das damals noch Leningrad hieß, kennen- und offenbar Schätzen gelernt. Unter dem legendären Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, der auch Grefs Doktorvater war, begann der Jurist wie Putin eine Verwaltungskarriere in St. Petersburg. Die Abberufung von Gref als Wirtschaftsminister im Jahr 2007 kann als atmosphärische Störung im Verhältnis zwischen Putin und Gref verstanden werden.
Hamlet der russischen Regierung?
Es wurde jedoch auch von einer Amtsmüdigkeit von Gref gesprochen. Ob er tatsächlich als eine Art Hamlet der russischen Regierung die eigene Sinnhaftigkeit seines Tuns angesichts einer steigenden Bedeutungslosigkeit in Frage stellte, ist unklar. Üblicherweise wird bei Personalrochaden in der russischen Elite aber wenig auf persönliche Befindlichkeiten Rücksicht genommen.
Erstaunlicherweise haben die Bestrebungen eines so genannten Oligarchens und einer vom Kreml gesteuerten Bank, eine deutsche Traditionsmarke zu übernehmen, zu keinem Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit geführt: Eher im Gegenteil, das russisch-kanadische Angebot war gefühlsmäßig der italienischen Offerte vorgezogen worden. Diese Sympathie lässt sich nicht auf Gref zurückführen, weil dieser bisher im Ringen um Opel öffentlich nicht in Erscheinung getreten war.
Kein russischer Apparatschik
Für eine gute Chemie könnte aber gesorgt sein, weil Gref nicht dem Klischee eines russischen Apparatschiks entspricht. Zudem spricht German Oskarowitsch Gref, dessen Vorfahren unter Peter dem Grossen von Deutschland nach Russland gekommen waren, Deutsch. Investoren sind des Lobes voll: Ein Vertreter ausländischer Unternehmen in Moskau sagte, dass Gref als Wirtschaftsminister um- und zugänglich gewesen sei.
Falls die Übernahme der europäischen GM-Tochter durch das Magna-Konsortium wirklich zustande kommt, sind dies Eigenschaften, die ihm nur nützen können.
Anhand des Hickhacks rundum die Zukunft von Opel lässt sich nur vermuten, dass Gref nicht nur Elefanten das Tanzen beibringen, sondern dass er als Dompteur eines ganzen Zoos auftreten muss.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |