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Karl-Theodor zu Guttenberg Der Chefretter

24.05.2009 ·  Opel ist sein Thema - 24 Stunden am Tag. Zwar weist er auch immer darauf hin, dass die Entscheidung über Opels Zukunft letztlich von General Motors gefällt wird. Doch gleichzeitig tut er alles, um zu zeigen: „Seht her, auf mich kommt es an.“ Egal, wie es ausgeht: Seine Karriere in Berlin ist gesichert.

Von Carsten Germis
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Wer den Bundeswirtschaftsminister in diesen Tagen aus der Nähe erlebt, sieht es auf den ersten Blick: Dieser Mann ist mit sich selbst im Reinen. Kein Wunder. Unter all den regierungsamtlichen Rettern in der Finanz- und Wirtschaftskrise macht Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der gerade mal etwas mehr als 100 Tage im Amt ist, die beste Figur. Die Bundeskanzlerin, heißt es unter Kabinettskollegen, schwärme geradezu von ihrem jungen Minister. Sogar die Wirtschaftsbosse der Bundesrepublik stimmen ungewohnt kräftig in den Jubel ein. "Wirtschaft ist für ihn kein Fremdkörper, er spricht vielen Unternehmern aus dem Herzen", lobt der Präsident der deutschen Familienunternehmer, Patrick Adenauer, den 37 Jahre alten Minister. "Das kommt gut an."

Dabei hat Guttenberg in der Substanz bislang - auch wegen der Kürze seiner Amtszeit - noch gar nicht zeigen können, was für ein Wirtschaftsminister er wirklich ist. Er beherrscht das Vokabular der Ordnungspolitiker zwar nahezu perfekt, doch der Verstaatlichung der Skandalbank Hypo Real Estate hat auch er am Ende trotz vollmundiger Kritik nichts entgegensetzen können.

Der Druck auf den Aufsteiger wächst. In den kommenden Wochen muss Guttenberg sein Gesellenstück vorlegen: die Rettung des Autobauers Opel. Der Minister gefällt sich sehr in der Rolle des Retters. Schließlich beschert sie ihm und seinem Ministerium Dauerpräsenz in allen Medien. Guttenberg in der "Tagesschau", im "Stern", in den Schlagzeilen der Wirtschaftspresse, er meldet sich überall zu Wort.

„Wer ist eigentlich der Eigentümer von Opel?“

Zwar weist er auch immer darauf hin, dass die Entscheidung über Opels Zukunft letztlich bei der amerikanischen Muttergesellschaft General Motors liege, doch gleichzeitig tut er alles, um zu zeigen: "Seht her, auf mich kommt es an. Ich tue alles, um Opel zu retten." Das geht so weit, dass die Investoren ihre Angebote für eine Übernahme von Opel bis Mittwochabend beim deutschen Wirtschaftsminister in Berlin einreichen mussten. Deutlicher kann man nicht demonstrieren, dass es der Wirtschaftsminister ist - und damit letztlich der Staat -, der hier entscheidet.

Guttenberg genießt den öffentlichen Auftritt. Der Spross einer Adelsfamilie macht dabei eine so gute Figur, dass er selbst den kompetenten, aber polterigen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) neben sich alt aussehen lässt. Es ist bezeichnend, dass Guttenberg in seiner Videobotschaft auf der Internetseite des Wirtschaftsministeriums den Wunsch äußert, "dass der Aufmerksamkeitsgrad, den das Bundeswirtschaftsministerium in den letzten Wochen erringen durfte, dass der anhält". Würde ein richtiger Ordnungspolitiker sich wirklich so in den Vordergrund schieben? "Wer ist eigentlich der Eigentümer von Opel?", fragte am Mittwochabend ein erzürnter Mittelständler. "Man hat den Eindruck, das ist jetzt schon der Bundeswirtschaftsminister."

Endlich ein Konservativer der in der Krise neben Steinbrück glänzt, denkt die Union

In der Umgebung Guttenbergs heißt es, er habe sich bei Opel gar nicht so sehr in den Vordergrund schieben wollen. Doch auch er, dem schon seine Lehrer bescheinigten, dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelt, ist nicht ganz so frei in seinem Tun, wie er nach außen den Anschein erweckt. Sowohl die Kanzlerin als auch der mächtige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer erwarten vom Wirtschaftsminister, dass er den Retter spielt, dass endlich ein Konservativer neben dem Sozialdemokraten Steinbrück in der Wirtschaftskrise als Chefretter glänzen kann. Wenn die Union schon einen so begnadeten Politikdarsteller wie Guttenberg in ihren Reihen hat, dann soll er dieses Potential im Wahlkampf auch einsetzen.

Und das tut er nach 100 Tagen besser und erfolgreicher als alle anderen Politiker. Eine Umfrage unter den deutschen Familienunternehmern, die am Samstag bekannt wurde, zeigt, dass Guttenbergs Leistung von ihnen mit der Note 2,5 bewertet wird. Damit liegt er sogar vor der Kanzlerin, die gerade mal auf ein "befriedigend" kommt. Dem Rivalen Steinbrück geben die Mittelständler mit 3,6 gerade mal ein "noch befriedigend", und der SPD-Kanzlerkandidat und Außenminister Frank-Walter Steinmeier landet mit 4,3 nur bei "ausreichend".

Guttenberg hat das Vokabular der Ordnungspolitik gut drauf

Opel ist die große Herausforderung. Und Opel könnte den Höhenflug des Ministers bald bremsen. "Er hat bisher keinen erkennbaren Fehler gemacht", sagt Familienunternehmer Adenauer. "Die Frage ist, ob er in den nächsten zwei, drei Wochen seine ersten Sündenfälle begeht. Da muss er sehr aufpassen." Guttenberg hat sich als selbstinszenierter Opel-Retter unter enormen Druck gesetzt. Jetzt muss er um nahezu jeden Preis Erfolg haben. Und er steht unter Zeitdruck. Guttenberg hält sich öffentlich noch zurück in der Frage, ob er eine Übernahme durch den italienischen Autobauer Fiat, den kanadischen Autozulieferer Magna oder den amerikanischen Finanzinvestor Ripplewood bevorzugt. Doch Lobbyisten von Fiat streuen schon, dass der Minister im Gegensatz zu den Sozialdemokraten das Modell der Italiener favorisiere. Der „Bild am Sonntag“ sagte Guttenberg an diesem Wochenende, dass er alle drei Angebote zur Übernahme von Opel bislang für unzureichend halte. Für Unmut bei der SPD sorgte er mit der Aussage, wenn es bei den Defiziten bleibe, wäre eine geordnete Insolvenz von Opel „die klar bessere Lösung“.

„Dieser Mann entscheidet nur danach, was ihm im Wahlkampf nutzt“, meint ein Unternehmer, der in die Lobgesänge seiner Kollegen über den Wirtschaftsminister nicht einstimmen mag. Guttenberg habe zwar das Vokabular der Ordnungspolitik so gut drauf, dass er bei Mittelstandstreffen mit Ovationen gefeiert wird, doch die Worte fänden sich in seinen Taten nicht wieder.

Wird der Staat zum Autobauer?

Noch ist Opel nicht gerettet. Es gibt drei Interessenten, die Milliardenbürgschaften der deutschen Steuerzahler erwarten. Ob es gelingt, Opel vor einer Insolvenz der amerikanischen Muttergesellschaft an einen neuen Investor weiterzureichen, ist zweifelhaft. Es kann sein, dass zwischenzeitlich der Staat einspringen muss. Guttenberg, der für diesen Fall eigentlich immer für eine "geordnete Insolvenz" Opels plädiert hatte, muss dann eine staatliche Treuhandlösung durchsetzen. Letztlich würde der Staat dann zum Automobilbauer, ein Schritt, den zu Guttenberg früher immer ausgeschlossen hat. Kann er eine solche Teilverstaatlichung Opels nicht verhindern, wird er schnell zum Ordnungspolitiker ohne Rückgrat. Das hat Patrick Adenauer im Blick, wenn er über den Minister sagt: "Ob er der Ordnungspolitiker ist, für den ihn viele halten, wird sich in den nächsten Wochen zeigen."

Neben Opel tun sich weitere Großbaustellen für den Wirtschaftsminister auf. Die Liste der Unternehmen, die in der Krise Geld und Bürgschaften aus der Staatskasse haben wollen, liest sich wie ein "Who is who" der deutschen Großunternehmen: Porsche, Conti, Schaeffler und nun auch noch Karstadt. Guttenberg mag noch so klare Maßstäbe nennen, an die er die staatlichen Bürgschaften bindet. Würde er Karstadt das Geld verweigern, wenn der Konzern mitten im Wahlkampf mit der Schließung von Kaufhäusern droht? Vielleicht hätte Guttenberg die Rolle des Chefretters der Bundesregierung doch mit etwas mehr Zurückhaltung spielen sollen.

„Monatelang macht er auf rasenden Geheimrat, und macht doch nichts“, sagen Kritiker

Die Sozialdemokraten haben den smarten Wirtschaftsminister als gefährlichen Gegner bereits fest in den Blick genommen. In Hintergrundrunden streuen sie, wie sehr sie das Krisenmanagement des Ministers entsetze. "Monatelang macht er einen auf rasender Geheimrat, und in Wirklichkeit macht er nichts." Das ist noch eine der freundlicheren Äußerungen. SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier forderte schon vor Wochen, die Opel-Rettung im Kanzleramt zu bündeln. Da hätte dann auch er als Vizekanzler seine Bühne gefunden. Merkel lehnte ab. Wenn die Rettung von Opel jetzt scheitere, weil Guttenberg sich dem Staatseinstieg widersetze, gebe es "richtig Ärger", drohen die Sozialdemokraten. In der Tat hat Guttenberg in der Sache in den vergangenen Wochen nicht viel erreicht. Wie sollte er auch? Letztlich fallen die Entscheidungen in Amerika und nicht im Wirtschaftsministerium in der Berliner Invalidenstraße.

Die Sozialdemokraten wurmt es, dass der CSU-Mann bei Opel das Scheinwerferlicht auf sich gezogen hat. Wer spricht heute noch davon, dass Außenminister Steinmeier sich als erster Spitzenpolitiker für die Erhaltung Opels eingesetzt hat? Auch deswegen preschen die Sozialdemokraten jetzt vor und setzen Guttenberg unter Druck, indem sie offen für den Autozulieferer Magna als Investor bei Opel eintreten.

Doch auch aus dem eigenen Lager bekommt Guttenberg Druck. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) erklärte schon vor seinem Treffen mit Guttenberg im Kanzleramt am Freitag, das Magna-Konzept sei "sicherlich am nächsten an den Hoffnungen und Wünschen vieler in der deutschen Politik, aber auch bei den Arbeitnehmern". Das Angebot von Fiat sei hingegen "sehr weit entfernt" von dem, was sich manche erhofft hätten. Der Minister hat sich über das Vorpreschen Kochs sehr geärgert. Es zwingt ihn auf einen Kurs, den er selbst nicht vorgegeben hat. Und es trübt das Bild des Ministers, der alles im Griff hat.

Ziehvater Seehofer nimmt Guttenberg zunehmend als Konkurrenz wahr

Auch in der Bayerischen Staatskanzlei in München wird jetzt viel genauer nach Berlin geschaut. Guttenberg verdankt seine politische Karriere dem CSU-Vositzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Der hat ihn erst zum Generalsekretär der CSU und dann im Februar nach der Entmachtung von Michael Glos zu dessen Nachfolger als Bundeswirtschaftsminister gemacht. Dass Guttenberg pfiffig und smart einen neuen Politikstil eingeführt hat, dass selbst seine Gegner ihm zugestehen, dass er "scharf denkt", dass er sich sicher auf internationalem Parkett bewegen kann, das stärkt auch die CSU in der Koalition.

Doch gerade Seehofer, der seine Minister in Berlin gerne von München aus an der kurzen Leine führen will, nimmt Guttenberg immer mehr auch als Konkurrenz wahr. "Das kostet den Chef natürlich ein bisschen von seinem eigenen Glanz", sagt ein Beamter der Staatskanzlei. "Die Medaille hat zwei Seiten." Und Seehofer meint es bestimmt nicht nur komisch, wenn er Journalisten sagt: "Die Kanzlerin hat Guttenberg in den letzten drei Tagen mehr gelobt als mich in 30 Jahren."

Der Minister weiß um die Fallstricke, die die Opel-Rettung für ihn bereithält. Und er weiß, dass sich nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch mancher Parteifreund freuen würde, wenn er ins Stolpern geriete. Zumindest nach außen lässt er sich das aber nicht anmerken. "Das ist eine Sieben-Monats-Perspektive, in der mir wichtige Entscheidungen abverlangt werden", sagte er kurz nach seinem Amtsantritt. Dass er nach der Bundestagswahl im September nicht als einfacher Abgeordneter wieder in den Bundestag zurückkehren wird, das weiß er nach den ersten 100 Tagen im Amt aber auch. Das hilft ihm, gelassen zu bleiben.

Das Ministerium

Als Nachfolger des amtsmüden und glücklosen Michael Glos wurde Karl-Theodor zu Guttenberg im Februar der jüngste Bundeswirtschaftsminister in der Geschichte der Republik. Der am 5. Dezember 1971 in München geborene Jurist begann seine politische Laufbahn 2002 mit dem Einzug in den Bundestag. Dort machte er sich als Außen- und Sicherheitspolitiker einen Namen. Als Wirtschaftsminister legte Guttenberg, der verheiratet ist und zwei Töchter hat, eine Blitzkarriere vor. Heute ist er nach gerade mal 100 Tagen im Amt nach der Kanzlerin der beliebteste Politiker.

Der Mensch

Das Bundeswirtschaftsministerium hat mit dem Amtsantritt Guttenbergs einen spürbaren Bedeutungs- und Machtgewinn in der Bundesregierung bekommen. Während das Haus in den Jahren, in denen Michael Glos (CSU) es als Minister führte, zunehmend an Einfluss verlor, hat der neue Minister es mit seinen vielen öffentlichen Auftritten wieder ins Scheinwerferlicht gebracht. Die Beamten, die sich immer als das ordnungspolitische Gewissen der Regierung gesehen haben, treten nun selbstbewusster dem zuvor beinahe allmächtigen Finanzministerium entgegen.

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