23.10.2008 · Der größte Automobilkonzern Europas fährt die Produktion zurück. Das soll ohne Einschnitte in der Stammbelegschaft über die Bühne gehen. Nach Informationen der F.A.Z. will sich der Konzern jedoch von einem Großteil seiner 25.000 Leiharbeiter trennen.
Von Johannes RitterDie Botschaft ist eindeutig: „Manche Entscheidung wird weh tun.“ Aber: „Wir kommen um harte Einschnitte nicht herum!“ Dies sagte Martin Winterkorn am vergangenen Montagabend. Der VW-Vorstandsvorsitzende hatte 500 Führungskräfte des Konzerns nach Wolfsburg eingeladen, um sie im Angesicht von Finanzkrise und Konjunkturflaute auf einen verschärften Sparkurs einzuschwören. „Wenn Kosten steigen und Erträge wegbrechen, ist eines klar: Jetzt ist noch mehr Disziplin bei Investitionen und laufenden Kosten gefragt“, sagte Winterkorn laut seinem Redetext, der der F.A.Z. vorliegt.
Der Vorstand prüfe derzeit sehr genau, welche Projekte wirklich notwendig seien. „Und das sind ausschließlich solche Investitionen, die sich auf unsere wesentlichen Fahrzeugprojekte beziehen. Struktur- oder Kapazitätsinvestitionen stellen wir zunächst zurück.“ Der Vorstandschef appellierte an das Verständnis und die Kooperationsbereitschaft seiner Führungsmannschaft: „Wir können jetzt konsequent handeln und uns mit Augenmaß auf die neue Situation einstellen. Oder wir können die Dinge schleifen lassen. Dann treffen wir uns in einigen Monaten wieder - zu einem knallharten Krisengipfel“, sagte Winterkorn in der außerordentlichen Versammlung, zu der auch zahlreiche Manager ausländischer Standorte zugeschaltet waren.
„So schlecht waren die Aussichten schon lange nicht mehr“
Winterkorn zeigte sich besorgt über die Heftigkeit des Konjunkturabschwungs: „So schlecht und unsicher waren die Aussichten schon lange nicht mehr.“ Die externen Rahmenbedingungen, die Marktentwicklung und die Finanzmarktkrise bildeten eine „hochgefährliche Mischung“. Er hielt zwar an den Zielen fest, in diesem Jahr mehr Autos zu verkaufen sowie mehr Umsatz und Gewinn zu machen als 2007. Beim Blick auf das nächste Jahr schlug Winterkorn aber starke Moll-Töne an: „2009 wird ein schwieriges, ein sehr schwieriges Jahr - für die gesamte Automobilindustrie und für den Volkswagen-Konzern.“ Dabei nahm er Bezug auf die jüngsten Vertriebszahlen, in denen der Abschwung schon klar erkennbar ist: Im September ist der Weltautomobilmarkt um 8,1 Prozent eingebrochen. Unter den Konzernmarken VW, Audi, Škoda, Seat, Bentley und Lamborghini musste vor allem die Stamm- marke VW Federn lassen.
Beobachter werten den düsteren Ausblick als Zeichen dafür, dass Volkswagen seine Absatz- und Ertragsziele im kommenden Jahr verfehlen dürfte. Diese hatte der Vorstand bislang zwar nicht konkret formuliert. Die Richtung schien aber klar: Es sollte weiter bergauf gehen. Schließlich hat Winterkorn das Ziel ausgegeben, den Absatz bis 2018 um 5 Millionen auf 11,2 Millionen Fahrzeuge zu erhöhen. Auch diese Planung bekräftigte er vor den Führungskräften. Im nächsten Atemzug gab er aber zu: „Unsere Ziele sind verdammt anspruchsvoll. Und wir werden uns anstrengen müssen, um sie zu erreichen. Jetzt mehr denn je!“ Wegen der sinkenden Nachfrage hat Volkswagen die Produktion bei Seat, Škoda und VW-Nutzfahrzeuge bereits zurückgefahren. Nun sollen auch weniger VW-Personenwagen gebaut werden, indem auf bereits vereinbarte Sonder- und Wochenendschichten verzichtet wird. Das betrifft auch die Produktion des neuen Golf. All dies soll zumindest nach derzeitigem Stand ohne Einschnitte in der Stammbelegschaft über die Bühne gehen.
Nach Informationen der F.A.Z. will sich VW aber von einem großen Teil der 25.000 Leiharbeiter trennen. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen derzeit 5400 Leiharbeiter. Ein VW-Sprecher sagte dagegen am Donnerstagabend, es sei noch nicht entschieden wie viele Leiharbeiter Volkswagen als Folge von Produktionskürzungen entlassen werde.
„Beinharte“ Rahmenbedingungen
Winterkorn sprach von „beinharten“ Rahmenbedingungen: Der immer noch starke Euro setze VW nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Großbritannien und Japan unter Druck. „Die hohen Rohstoffpreise machen uns auf der Kostenseite zu schaffen. Das teure Rohöl führt dazu, dass unsere Kunden ihr Kaufverhalten radikal ändern“, sagte er. Zusätzlich werde das Geschäft durch die politische Diskussion um immer schärfere Umweltauflagen belastet.
Die Finanzmarktkrise wirke auf die Konjunkturprobleme wie ein Turbo. Das Vertrauen der Verbraucher sei nachhaltig gestört. „Wer Sorge um seinen Arbeitsplatz oder seine Ersparnisse hat, hält sich mit dem Autokauf zurück“, sagte Winterkorn. Hinzu komme, dass sich Leasing und Finanzierung für die Kunden deutlich verteuerten. In Märkten wie den Vereinigten Staaten, wo 90 Prozent der Kunden ihr Fahrzeug fremdfinanzierten (und VW ohnehin hohe Verluste einfährt), sei mit einem weiteren, deutlichen Rückgang der Neuzulassungen zu rechnen.
Winterkorn forderte seine Vertriebsleute auf, die Autos „noch engagierter und aggressiver zu verkaufen als bisher“. Die staatlichen Hilfsprogramme für die Automobilindustrie in Amerika und Frankreich kommentierte er mit den Worten: „Wir bei Volkswagen wollen keinen Subventionswettlauf.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,87 | +0,59% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |