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Automobile Zetsche verteidigt Stellenabbau als „unumgänglich“

29.09.2005 ·  Mercedes drängt seine Mitarbeiter, die Abfindungsangebote schnell anzunehmen und freiwillig das Unternehmen zu verlassen. Bundeskanzler Schröder hat den Stellenabbau bei Mercedes und anderen Firmen scharf kritisiert.

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Der geplante Abbau von 8.500 Stellen bei Mercedes trifft das Werk Sindelfingen am härtesten. Dort sollen rund 3.100 Stellen in der Produktion gestrichen werden, dazu 500 Arbeitsplätze im Entwicklungsbereich sowie in der Planung, wie ein Sprecher des Daimler-Chrysler- Konzerns am Donnerstag in Stuttgart sagte. Entlassungen gebe es nicht, alles laufe freiwillig, fügte er hinzu. Im Werk Sindelfingen arbeiten heute 31.100 Mitarbeiter. In Bremen werden 2.700 und in Stuttgart-Untertürkheim 1.100 Stellen gestrichen. Der Rest des Stellenabbaus entfällt auf Vertrieb und Produktionsplanung.

Viele Mercedes-Arbeiter hatten die schlechte Nachricht schon länger erwartet. „Es war klar, daß es irgendwann so kommt. Die Auftragslage ist halt schlecht“, sagte ein 23 Jahre alter Industrie-Elektroniker am Donnerstag. Die Reaktionen auf den geplanten Abbau schwankten an diesem Morgen zwischen Verständnis und Wut.

Schröder: Kann doch nicht sein...

Bundeskanzler Schröder sagte der „Sächsischen Zeitung“, er sei dafür, mit der Wirtschaft über die Verteilung und die Übernahme von Verantwortung in unserem Land zu reden. „Es kann doch nicht so sein, daß deutsche Dax-Unternehmen glänzend verdienen, aber die Probleme, die sich aus der verschärften internationalen Konkurrenz ergeben, ausschließlich der Politik vor die Türe gelegt werden“, zitiert das Blatt den Kanzler.

Mercedes-Chef Dieter Zetsche hat die geplanten Stellenstreichungen gegen Kritik der Arbeitnehmerseite verteidigt. Mercedes produziere in allen Bereichen teurer als die Konkurrenz, schrieb der designierte Konzernchef in einem Brief an seine Mitarbeiter. „Natürlich hätten wir uns alle gewünscht, die Mercedes Car Group wieder fit zu machen, ohne zu solchen Maßnahmen greifen zu müssen.“ Doch der Abbau von 8.500 Arbeitsplätzen in den kommenden zwölf Monaten sei „unumgänglich“. Zetsche versprach aber, sich an die Vereinbarung zu halten, bis 2012 niemanden zu entlassen.

Abfindung: Je früher, desto mehr

Mercedes-Mitarbeiter berichteten nach der Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen, Zetsche habe mit Arbeitszeitverkürzung gedroht, wenn nicht bereits bis Ende März Klarheit herrsche, daß der geplante Abbau auf freiwilliger Basis gelinge. Nach Angaben des Betriebsrates bietet Mercedes die höchsten Abfindungen, wenn sich Beschäftigte noch in diesem Jahr für ein Ausscheiden entscheiden. Eine weitere Frist laufe Ende März aus. Im Höchstfall könne ein Beschäftigter bis zu 275.000 Euro Abfindung bekommen. Für den Fall, daß sich keine 8.500 Freiwillige meldeten, denke das Unternehmen über Arbeitszeitverkürzungen oder Frühpensionierung nach, sagte Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm.

Die Gewerkschaft will zudem nach den Worten ihres Vize-Vorsitzenden Berthold Huber versuchen, den Stellenabbau zu verringern. „Wir wollen die tatsächliche Abbauzahl nach unten drücken. Das ist unser erklärtes Ziel“, sagte Huber im ZDF.

Teuer auch für den Steuerzahler

Die Maßnahmen zum Stellenabbau werden durch den Steuerzahler mitfinanziert. „Teuer wird es nicht nur für Daimler-Chrysler“, sagte Achim Winkel von der Arbeitsagentur Baden-Württemberg: „Praktisch hängt in solchen Lösungen immer der Staat drin, selbst bei der Existenzgründung über die staatlich geförderte Ich-AG.“ Mit Blick auf Hartz IV sagte Winkel: „Vom Standpunkt des Arbeitnehmers aus würde ich mich schon sehr genau erkundigen, welche Chancen es auf dem Arbeitsmarkt wirklich gibt und prüfen, wie Durststrecken überwunden werden können.“

„Und ausbaden tut's die Mannschaft“

Etliche Beschäftigte sind zornig. „Irgendwo stimmt das Verhältnis halt nicht mehr“, empörte sich Mercedes-Mitarbeiter Werner Enziger. „Wenn unsere Führung irgendwelche Fehler macht, dann dankt sie ab, und gut war's. Und ausbaden tut's der Betrieb oder die Mannschaft. Das ist so nicht in Ordnung.“ Nur ändern könne man nichts.

In die gleiche Kerbe schlägt auch IG-Metall-Chef Jürgen Peters, den den Arbeitsplatzabbau in der deutschen Autoindustrie heftig kritisiert. Es sei zu billig, permanent zu den Beschäftigten zu gehen und sie um einen Beitrag zum Ausgleich von Managementversäumnissen zu bitten, sagte Peters am Donnerstag im „Deutschlandfunk“. Viele Kostenprobleme der Autobauer beruhten auf Fehlern in den Produktionsprozessen. Auch daran müsse gearbeitet werden. Das grundsätzliche Problem aber sei die hohe Produktivität der Branche. „Das bedeutet, daß wir mit der Produktivität immer wieder Arbeitsplätze verlieren.“ Die Zahl der Beschäftigen am Autostandort Deutschland werde daher tendenziell weiter zurückgehen. Peters forderte, die Arbeitzeit zu verringern, bevor Entlassungen ausgesprochen würden. Auch Europas größter Autobauer Volkswagen plant im Inland Stellenstreichungen, macht aber noch keine Angaben über die genaue Größenordnung.

„Natürlich hat jeder Angst um den Job“, beschrieb Mercedes-Mitarbeiterin Waltraut Lichtenberger die Stimmung in Sindelfingen. Ihr Kollege Norbert Schulz klagte: „Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Die Lage in Deutschland sieht ohnehin schlecht aus. Das Land ist gerade nicht regierbar. Es ist überhaupt eine schlechte Stimmung im Land.“

Es gibt auch Verständnis

Positiv sehen viele, daß die Beschäftigten, die gehen, immerhin Abfindungen bekommen sollen. Manche nahmen aber auch das Management in Schutz. „Es ist immer einfach, hinterher Schuldzuweisungen zu machen“, gab Kollege Wolfgang Nagel zu bedenken. „Die Situation ist schwierig. Entscheidend ist, daß wir wieder auf einen vernünftigen Zweig kommen, daß man sieht, wie es weitergeht“, fügte er hinzu.

Nach Angaben der IG Metall bietet Mercedes mehrere Möglichkeiten für das Ausscheiden an. Beschäftigte ab 53 Jahren könnten ab 1. Februar 2006 ein Angebot für den Vorruhestand erhalten. Auch sie erhielten eine Abfindung, die bei frühzeitiger Einwilligung höher ausfalle. Für Mitarbeiter unter 53 Jahre würden je nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Bruttolohn Abfindungen von bis zu 275.000 Euro gezahlt. Wer sich auf eine Arbeitsplatzvermittlung mit Hilfe von Daimler-Chrysler einlasse, bekomme sechs Monatsgehälter bei Freistellung von der Arbeit. Auch Teilzeit soll gefördert werden. Wer seine Arbeitszeit um mindestens zehn Wochenstunden für mindestens drei Jahre reduziere, erhält laut IG Metall zwei Bruttomonatsgehälter zusätzlich.

Ein langjähriger Mercedes-Arbeiter äußerte sich verbittert, daß am Mittwoch nach Bekanntwerden des Stellenabbaus der Aktienkurs von des Mutterkonzerns Daimler-Chrysler auf den höchsten Stand seit drei Jahren schoß. „Solange die Aktionäre zufrieden sind, ist alles okay“, sagte der Mann, der seit 33 Jahren bei Mercedes in Sindelfingen arbeitet.

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Von Heike Göbel

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